RSS Home | Archiv | ImpressumKontakt

Demonstrative Großmut

Chinas Premier übt sich gegenüber dem deutschen Schuhwerfer in Toleranz und empfiehlt dem Cambridge-Student „mehr Bildung“.

Chinas Premier Wen Jiabao hat dem deutschen Studenten, der vergangene Woche an der britischen Cambridge-Universität einen Schuh nach ihm geworfen hatte, verziehen. Martin Jahnke, ein 27-jähriger Genforscher, habe sich zuvor schriftlich bei Wen entschuldigt, berichteten chinesische Medien. Er hatte am 2. Februar eine Rede des chinesischen Regierungschefs unterbrochen und als „Diktator“ beschimpft.

Mit dem anschließenden Schuhwurf ahmte er eine Attacke auf den ehemaligen US-Präsidenten George W. Bush im Dezember im Irak nach. Die Aktion hatte in chinesischen Zeitungen und im Internet empörte Reaktionen hervorgerufen. Demonstrationen waren allerdings ausgeblieben, nicht zuletzt, weil Pekings Propagandabehörden darauf verzichteten, das Thema auszuschlachten.

Jahnke muss am heutigen Dienstag vor einem Richter erscheinen. Wegen Störung der Ordnung drohen ihm eine Geldstrafe von bis zu 5000 Pfund und bis zu sechs Monate Haft. Auch die Universität könnte ein Disziplinarverfahren gegen ihn eröffnen. Chinas Premier setzte sich für eine milde Strafe ein. „Die Rückkehr eines verlorenen Sohnes ist Gold wert“, sagte Wen. Bildung sei wichtig, weshalb Jahnke die Möglichkeit erhalten solle, seine Ausbildung fortzusetzen. „Ich hoffe, der Student erkennt seinen Fehler und nutzt sein sich noch entwickelndes Urteilsvermögen, um das wahre China kennen zu lernen.“ Mit seiner demonstrativen Großmut scheint Wen dem Demonstranten nachträglich den Wind aus den Segeln nehmen zu wollen. Jahnke hatte auf Chinas mangelnde Toleranz gegenüber Kritikern aufmerksam machen wollen.

Rückendeckung wollten dem Studenten nicht einmal Menschenrechtsorganisationen geben. So blieb das Bild des dummen Jungen, der für einen Augenblick des Ruhms einen diplomatischen Zwischenfall riskiert hatte. Um Jahnkes Entschuldigungsschreiben zu überreichen, reiste Cambridges stellvertretender Rektor persönlich zu Chinas Botschafterin in London und legte noch eine eigene Note des Bedauerns bei. Auch Premier Gordon Brown entschuldigte sich bei Wen. Ob die deutsche Bundesregierung in der Sache ebenfalls tätig werden wird, ist dagegen noch unklar.

Erschienen in: Frankfurter Rundschau, 10. Februar 2009

Bernhard Bartsch | 10. Februar 2009 um 00:57 Uhr

 

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.