Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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„Demokratie passt auch nach China“

Der damalige Studentenführer Wu’er Kaixi erzählt, was Chinas Jugend im Frühsommer 1989 auf die Straße trieb, wie die Bewegung bis heute nachwirkt und warum er Chinesen für besonders demokratietauglich hält.

Wuer Kaixi (Copyright: Martin Gottske)Frage: Herr Wu’er, vor 20 Jahren begannen die Studentendemonstrationen, die am 4. Juni 1989 in einem Blutbad endeten. Wenn man sich vor Augen hält, wie sehr sich China seitdem verändert hat, könnte einem der zeitliche Abstand noch viel größer vorkommen. Ist es Zeit, das Thema den Historikern zu überlassen?

Wu’er: Dass wir uns hier in Taipei gegenübersitzen und nicht in Peking sagt doch bereits alles: Ich und andere Studentenführer können noch immer nicht in unsere Heimat zurück. Meine Eltern dürfen auch nicht ausreisen und mussten auf die alten Tage mit dem Computer umzugehen lernen, um ihren Sohn und ihre Enkelkinder wenigstens per Webcam sehen zu können. Wie kann man mit dem Thema abschließen, solange die Kommunistische Partei die Beteiligten und ihre Familien weiter bestraft?

Betroffene wie ihre Eltern gehören heute in der Volksrepublik zu den wenigen, die überhaupt wissen, was im Frühjahr 1989 auf dem Platz des Himmlischen Friedens passiert ist. Die meisten Chinesen haben von dem sogenannten Tiananmen-Zwischenfall noch nie gehört

Chinas Regierung war schon immer sehr gut darin, die Menschen dumm zu halten, vor allem die Landbevölkerung. Aber irgendwann wird sie sich den Problemen, auf die wir vor zwanzig Jahren aufmerksam gemacht haben, stellen müssen. Denn obwohl sich China seitdem wirtschaftlich sehr schnell entwickelt hat, herrscht noch immer ein autoritäres Regime, in dem die Menschen kein politisches Mitspracherecht haben.

Aber ist Demokratie nach westlichem Muster für ein Milliardenvolk wie das chinesische die richtige Antwort?

Natürlich ist Demokratie kein Allheilmittel für alle Probleme. Aber ob sie funktioniert, hat nichts mit der Größe eines Landes zu tun. Es geht ja nicht nur darum, einen Präsidenten zu wählen, sondern um Dorfbürgermeister, Stadtteilparlamente und so weiter. Es ist auch Unsinn zu sagen, Demokratie passe nicht in die chinesische Kultur. Sehen Sie sich Taiwan an: Das ist eine äußerst traditionelle chinesische Gesellschaft und gleichzeitig eine gute Demokratie. In gewisser Weise sind wir Chinesen vielleicht sogar noch demokratietauglicher als westliche Gesellschaften. Schließlich ist in der chinesischen Kultur die Gemeinschaft viel wichtiger als das Individuum, wodurch die Menschen ein größeres Verantwortungsgefühlt haben. Bei Wahlen in Taiwan liegt die Beteiligung immer bei 80 Prozent – davon kann man im Westen nur träumen. Als ich in den USA Politik studiert habe, bekam ich noch beigebracht, solche Quoten könnten nur durch Wahlbetrug entstehen, aber in Taiwan ist das alles echt.

In der Volksrepublik scheinen sich die meisten Menschen aber überhaupt nicht für Politik zu interessieren. Sie wirken zufrieden, solange es wirtschaftlich vorangeht und sich ihr Lebensstandard verbessert.

Nach 1989 hat die Regierung mit dem Volk eine Art Tauschhandel gemacht: Die Partei gibt den Menschen wirtschaftliche Freiheit und verlangt dafür politische Unterordnung. Das ist natürlich ein ziemlich lausiges Geschäft, aber obwohl es bisher irgendwie funktioniert, sind politische Reformen letztlich unausweichlich. Sobald die Menschen einen gewissen Wohlstand erreicht haben, durchschauen sie auch, wie die Gesellschaft funktioniert und wollen mitbestimmen.

War die Studentenbewegung also ihrer Zeit voraus?

Keineswegs. Unsere Forderungen waren ja nicht einmal besonders radikal. Wir wollten weder die Kommunistische Partei stürzen noch ein Mehrparteiensystem einführen, sondern einfach nur in einen Dialog. Ehrlich gesagt wussten wir damals nicht einmal sehr viel über Demokratie. Wir waren schließlich alle in China aufgewachsen, hatten nur sehr begrenzte Nachrichten über den Rest der Welt und keinerlei Möglichkeit, ins Ausland zu reisen. Aber selbst wenn wir von Demokratie wenig verstanden – von Nicht-Demokratie verstanden wir umso mehr.

Worüber waren sie denn unzufrieden? China befand sich damals immerhin schon seit zehn Jahren auf dem Weg der Marktwirtschafts- und Öffnungspolitik. Konnte man da nicht das Gefühl haben, das Land entwickle sich in die richtige Richtung?

Für uns Studenten war das eine sehr deprimierende Zeit. Wir hatten keine Ahnung, wo unser Leben einmal hingehen würde. Damals konnte man sich in China nicht einmal seinen eigenen Job aussuchen, sondern bekam eine Stelle zugewiesen. Über unsere Zukunft entschieden andere. Und wir hatten ja nicht einmal Partys, Alkohol und Drogen, mit denen wir uns hätten ablenken können. Um elf Uhr ging auf dem ganzen Campus der Strom aus und alle mussten in ihre Wohnheime. Dann saßen wir im Dunkeln in unseren Achtbettzimmern zusammen und haben uns natürlich die Köpfe heiß geredet. Im Nachhinein hat die Regierung diese Sperrstunde bestimmt bereut.

Die Studentendemonstrationen wurden also nachts im Wohnheim ausgeheckt?

Nein, das kam dann spontan. Aber durch die ganze Situation waren wir politisch alle sehr stark sensibilisiert waren. Wir wussten alle, dass es in der Partei starke Auseinandersetzungen über politische Reformen gab und dass der ehemalige Parteichef Hu Yaobang mehr Freiheit forderte, worauf er von Deng Xiaoping geschasst wurde. Als Hu Yaobang dann am 15. April 1989 starb, waren wir sehr betroffen und auf dem Campus gab es sofort anonyme Aushänge mit der Aufschrift: „Der Falsche ist gestorben.“

So etwas wurde gebilligt?

Die Wandzeitungen blieben zumindest lange genug hängen, dass viele sie sehen konnten. Einen Tag später folgte dann auch der erste Aufruf zu einer Studentenversammlung.

Haben Sie daran teilgenommen?

Ursprünglich nicht. Ich hatte zur gleichen Zeit einen Termin im Rechenzentrum, den ich nicht verpassen wollte, weil man nur einmal im Monat für anderthalb Stunden einen Computer benutzen durfte. Aber als ich dann spät abends zurück auf den Campus kam, standen dort noch immer etwa 2000 Studenten zusammen, ohne recht zu wissen, was eigentlich passieren sollte. Keiner hatte sich bisher aus der Deckung der Gruppe gewagt und einen Vorschlag gemacht. Aus irgendeinem Impuls habe ich mich dann auf einen erhöhten Platz gestellt, alle schauten mich erwartungsvoll an, und während ich noch überlegte, was ich eigentlich sagen wollte, sah ich in der Dunkelheit das Aufnahmelicht einer Videokamera leuchten. Das waren die Leute von der Uni-Verwaltung, die hinterher sicherlich unsere Namen herauszufinden versuchen würden. Da habe ich mir gedacht, dass ich ihnen meinen Namen auch gleich selbst sagen kann und habe in die Menge gerufen: „Ich bin Wu’er Kaixi.“

Dieser Satz gehört zu den berühmtesten Zitaten, die von den Demonstrationen in Erinnerung geblieben sind. Sie haben damals jede Ihrer Reden so angefangen.

Ja, das war ein Zeichen, dass ich die Verantwortung für mein Handeln übernehme. Schließlich ging es uns Studenten doch darum, ernst genommen zu werden.

Durch diesen Auftritt sind sie zum Studentenführer geworden?

Dass ich das Eis gebrochen hatte, gab mir auf dem Campus eine gewisse Autorität. Am nächsten Tag habe ich dann einen Aushang gemacht, dass wir eine unabhängige Studentenvereinigung gründen sollten, und nach zwei Stunden hatten sich zwanzig Fakultäten bei mir gemeldet. Danach haben wir uns auf andere Universitäten ausgedehnt.

Und ab wann sind sie auf den Platz des Himmlischen Friedens gezogen?

Am Tag von Hu Yaobangs Begräbnis, am 22. April, haben wir unseren ersten großen Protestmarsch gemacht, an dem 60.000 Kommilitonen teilgenommen haben, wie die Mathematikstudenten hinterher ausgerechnet haben. Der Zug endete am Tiananmen-Platz und wir haben uns dann dort in sehr geordneten Gruppen hingesetzt. Die Struktur war ziemlich paramilitärisch. Alles, was wir über den Aufbau von Organisationen wussten, hatten wir schließlich von der Kommunistischen Partei.

Wie hat die Regierung reagiert?

Die Demonstrationen haben sie völlig kalt erwischt. Wir Studenten waren ja auch nicht alleine. Die ganze Stadt hat uns unterstützt. Auch die Intellektuellen standen hinter uns, sogar die Journalisten der Staatsmedien. Die Volkszeitung hat damals auf ihrer Titelseite ein Foto gedruckt, auf dem ihre eigenen Redakteure ein Transparent mit der Aufschrift „Zwingt uns nicht zum Lügen“ trugen. Es war unglaublich: Für ein paar Tage herrschte in Peking beinahe Pressefreiheit.

Die Parteispitze hat damals sogar Verhandlungen mit den Studentenführern begonnen. Hatten sie echte Hoffnung, etwas zu erreichen?

Leider war ziemlich schnell klar, dass der Dialog, den die Partei uns angeboten hat, reine Show war. Wir haben damals Live-Übertragungen im Rundfunk gefordert, damit das ganze Volk mithören kann. Beim ersten Treffen hat die Regierung das zugesagt, aber dann nicht eingehalten. Erst bei einer späteren Runde hat sie sich darauf eingelassen, aber da war längst klar, dass es keinen echten Austausch geben würde.

Ab wann hatten Sie das Gefühl, dass die Bewegung kein gutes Ende nehmen würde.

Ab Mitte Mai war klar, dass die Partei einen Einmarsch der Armee vorbereitete. Auf dem Platz war die Lage damals ungeheuer angespannt. Einige wollten bleiben, andere zurückgehen. Ich habe damals dafür plädiert, den Protest zurück in die Universitäten zu verlegen. Aber letztlich haben die Studenten dann mit den Füßen abgestimmt und sind mehrheitlich geblieben.

Wo waren Sie am 4. Juni 1989?

Nicht auf dem Platz, sondern in einem Krankenwagen im Westen der Stadt, von wo die Armee einrückte. Ich bin dann mit einem Verletzten ins Krankenhaus gefahren. Innerhalb kürzester Zeit war dort alles voller blutüberströmter Menschen. Die Ärzte waren so überfordert, dass die Regel galt: Wer noch einen Herzschlag hat, kann später behandelt werden.

20 Jahre, im Krisenjahr 2009, warnt die Regierung erneut vor Demonstrationen und hat die Lokalregierungen sowie die Armee angewiesen, darauf vorbereitet zu sein. Halten Sie es für möglich, dass ein Massaker wie 1989 noch einmal passieren könnte?

Nicht in dieser Form. Die Regierung hat viel gelernt. Während sie 1989 völlig überrascht war, ist sie heute bestens vorbereitet. Aber ihre Brutalität ist noch die gleiche. Sie setzt sie nur nicht mehr so plump ein, sondern sehr gezielt.

Wo werden Sie dieses Jahr den 4. Juni verbringen?

Wahrscheinlich in Washington. Dort werden sich einige der im Exil lebenden Studenten von damals treffen und daran zu erinnern, dass die Tragödie von Tiananmen noch nicht der Vergangenheit angehört.

ZUR PERSON

Wu’er Kaixi, geboren 1968, gehörte zu den Anführern der Pekinger Studentendemonstrationen, die am 4. Juni 1989 mit dem Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens endeten. Wu’er stammt aus einer Kaderfamilie und gehört der muslimischen Minorität der Uiguren aus der westchinesischen Provinz Xinjiang an. Ab 1988 studierte er an Pekings Pädagogischen Hochschule, wo er im April 1989 eine unabhängige Studentenvereinigung gründete. Berühmt wurde Wu’er unter anderem für einen minutenlangen Wutausbruch gegenüber dem damaligen Premierminister Li Peng bei einem vom Staatsfernsehen live übertragenen Treffen mit den Studentenführern. Nach der Niederschlagung der Demonstration floh Wu’er über Hongkong nach Frankreich und später in die USA, wo er Politikwissenschaften studierte. Seit 1996 lebt er in Taiwan und arbeitet als Investmentbanker.

20 JAHRE TIANANMEN

Im April 1989 begannen die Studentendemonstrationen auf Pekings Platz des Himmlischen Friedens (Chinesisch: Tiananmen Guangchang). Auslöser war der Tod des geschassten Parteichefs Hu Yaobang am 15. April 1989, der dafür politische Reformen eingetreten war. In den folgenden Tagen besetzten über 100.000 Studenten den Platz, unterstützt von der Pekinger Bevölkerung, und forderten die Regierung zum Dialog auf. Am 4. Juni ließ die Partei den friedlichen Protest von der Armee niederschlagen. Schätzungsweise 3000 Menschen starben. Chinesische Medien dürfen bis heute nicht über das Massaker berichten. Trotzdem fürchtet Peking, dass der 20. Jahrestag neue Proteste auslösen könnte, und geht seit Monaten hart gegen Dissidenten vor.

Bernhard Bartsch | 22. April 2009 um 02:46 Uhr

 

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