Bernhard Bartsch

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Dem Tyrannen ein Ständchen

Mit einem Konzert der New Yorker Philharmoniker wollen die USA in Nordkorea politisches Tauwetter herbeiführen. Für die Japaner ist die Orchesterdiplomatie ein Skandal.

Kriegsdrohungen, Handelssanktionen und Vernunftappelle haben versagt, nun müssen Wagner, Dvorak und Gershwin ran. Ein Konzert der New Yorker Philharmoniker in Pjöngjang soll am Dienstag den Auftakt für die Aussöhnung zwischen dem erzkommunistischen Nordkorea und der Supermacht USA werden. In Diplomatenkreisen brodelt schon seit Wochen die Gerüchteküche: Der „geliebte Führer“ Kim Jong Il will der weltweit übertragenen Aufführung persönlich beiwohnen, heißt es, und da er sich eine „angemessene“ Begleitung gewünscht haben soll, wird spekuliert, ob die Musiker neben Lohengrin, der Neuen-Welt-Symphonie und „Einem Amerikaner in Paris“ überraschend auch US-Außenministerin Condoleeza Rice mitbringen werden.

Das Treffen, dessen Vorbereitung das US-Außenministerium bisher dementiert, wäre der hochrangigste Kontakt seit dem Pjöngjangbesuch von Rice’ Vorgängerin Madeleine Albright im Oktober 2000. Hatte sich damals die Clinton-Regierung mit einem diplomatischen Durchbruch aus ihrer skandalüberschatteten Amtszeit verabschieden wollen, so steht heute die Bush-Präsidentschaft unter Erfolgszwang. Und obwohl Kim seine Zusagen zur Offenlegung seines Atomprogramms in den vergangenen Monaten nicht eingehalten hat, ist Nordkorea von allen Ländern auf der Achse des Bösen noch immer dasjenige, in dem die USA am ehesten einen Durchbruch inszenieren können.

Während Bush im Irak auf militärische Intervention und im Iran auf wirtschaftliche Isolation setzt, sollen in Nordkorea Annäherung und Einbindung zum Erfolg führen. Die Strategie ist nicht nur bei amerikanischen Strategen umstritten, die darauf verweisen, dass Kim diplomatische Zugeständnisse noch nie mit Gegenleistungen honoriert hat. Auch Japan, Washingtons engster Verbündeter in der Region, warnt davor, den Tyrannen auf dem internationalen Parkett gesellschaftsfähig zu machen.

„Wir sind mit der Annäherungspolitik alles andere als glücklich“, erklärt Yoshiko Sakurai, Vorsitzende des Instituts für Nationale Grundlagen, einem einflussreichen konservativen Thinktank. „Die Bestrebungen der USA, Nordkorea von der Liste der Staaten, die terroristische Aktivitäten unterstützen, zu streichen, sind in unseren Augen sehr gefährlich.“ Schließlich sei für Pjöngjang nicht Amerika oder Südkorea der Erzfeind, sondern Japan. „Die nationale Sicherheit unseres Landes steht auf dem Spiel“, warnt Yoichi Shimada, Politologe an der Fukui Universität. „Wenn der Druck auf Nordkorea gelockert wird, erhält das Regime Zugang zu internationalem Kapital, und das wird zweifellos in neue Waffen fließen.“ In den Sechs-Parteien-Gesprächen war Japan zuletzt stets der Bremsschuh gewesen und hatte jegliche Beteiligung an den Hilfslieferungen, die Nordkorea seit vergangenem Herbst als Gegenzug für die Stilllegung seines Atomprogramms erhält, verweigert. Denn Tokio will zunächst alle Fälle von Entführungen seiner Staatsbürger lückenlos aufklären – eine Bedingung, die nach Ansicht Pjöngjangs erfüllt ist, seitdem das Regime 2002 zugegeben hatte, 13 Japaner verschleppt zu haben, um nordkoreanische Spione auszubilden. Fünf Menschen wurden damals freigelassen, die restlichen für tot erklärt. „Nach unseren Erkenntnissen werden in Nordkorea noch hunderte weitere Japaner festgehalten“, erklärt Teruaki Masumoto, Geschäftsführer des Verbands der Familien verschleppter Japaner. „Das ist ein Fall von Menschenrechtsverletzung, den Washington nicht ignorieren darf.“

Doch so wie die US-Regierung mit ihrer Orchesterdiplomatie nicht nur bei Kim Jong Il, sondern auch beim eigenen Volk punkten will, haben Japans Hardliner ebenfalls ihre innenpolitischen Motive: Auf den Feind Nordkorea können sie nicht verzichten. Schließlich strebt die regierende rechtskonservative Liberaldemokratische Partei (LDP) die Abschaffung der nach dem Zweiten Weltkrieg eingeführten Friedensklausel der Verfassung an, die statt einer vollen Armee nur den Aufbau geringe „Selbstverteidigungskräfte“ gestattet. „Der Fall Nordkorea zeigt, dass wir dringend eine Militärmacht werden müssen“, sagt Shimada. „Denn wer keine Armee hat, hat in der Welt auch nichts zu sagen.“

Bernhard Bartsch | 23. Februar 2008 um 05:26 Uhr

 

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