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Dem Teufel das Gesicht waschen

Die einen singen patriotische Lieder, die anderen werden gefoltert. Viele chinesische Medien beschäftigen derzeit die Frage: Wie leben Chinas Häftlinge?

Es muss ein lustiger Abend gewesen sein, als die Insassen des Lufeng-Gefängnisses ihre ehemaligen Kollegen kürzlich zur Gala einluden. Der Knast im zentralchinesischen Changsha, der Hauptstadt der Provinz Hunan, beherbergt 133 korrupte Beamte, die mit einem Auftritt vor Provinzoffiziellen demonstrieren sollten, dass sie hinter Gittern bessere Menschen geworden sind. Sie sangen patriotische Lieder, zeigten Zaubertricks und versteigerten eigene Kunstwerke, berichtete die Lokalzeitung „Xiaoxiang Chengbao“ und lieferte damit den jüngsten Impuls zu einer Debatte, die derzeit viele chinesische Medien und Internetforen beschäftigt: Was für Zustände herrschen eigentlich in Chinas Gefängnissen?

Angesichts zahlreicher Berichte über brutale Misshandlungen sollte der Bericht aus dem Lufeng-Gefängnis offenbar den Beweis für humane Behandlung liefern. „Das Leben im Gefängnis ist sehr ruhig und ich verbringe die meiste Zeit damit, Kalligraphie zu üben“, zitierte die Zeitung Li Dalun, den ehemaligen Parteisekretär der Kleinstadt Chenzhou, der vor drei Jahren zum Tode verurteilt worden war, weil er Bestechungsgelder in Höhe von 14 Millionen Yuan (1,6 Mio. Euro) angenommen hatte. Die Todesstrafe wurde später ausgesetzt. Zusammen mit anderen Insassen habe Li einen kleinen Schriftkunst-Klub gegründet, dem unter anderem auch ein Ex-Provinzminister und der ehemalige Chef von Hunans Autobahnverwaltung angehören. „Wir werden hier gut versorgt“, erzählte er. „Eigentlich ist es nicht schlechter als in einer Seniorenresidenz.“

Im Internet löste er damit einen Sturm der Entrüstung aus. „Wenn korrupte Beamte leben dürfen wie in einem Altenheim, muss man sich nicht wundern, wenn es immer mehr von ihnen gibt“, echauffierte sich ein Blogger. Ein anderer beschwerte sich: „Warum müssen bestechliche Beamte eigentlich nicht arbeiten?“

Tatsächlich betreiben viele chinesische Gefängnisse eigene Fabriken. Der Menschenrechtsaktivist Huang Qi, der kürzlich von einer mehrjährigen Gefängnisaufenthalt entlassen wurde, berichtete via Twitter, wie Häftlinge zur Herstellung von gefälschten Marken-Taschen und Autoersatzteilen eingesetzt wurden, ohne Bezahlung. „Außerdem mussten wir täglich zu
Unterrichtseinheiten antreten, bei denen seitenlange Benimmregeln verlesen wurden, oder wir mussten in praller Sonne Stechschritt üben“, schrieb Huang.

Das ist noch harmlos gemessen an dem Schicksal des Unternehmers Yang Jinde, über das Anfang Oktober die Pekinger Jugendzeitung berichtete. Im Untersuchungsgefängnis war er mit gefesselten Händen und Füßen in einen Käfig mit aggressiven Hunden gesperrt worden, die ihn anfielen und bissen. „Tanz mit dem Wolf“ nannten die Beamten die Foltermethode, die Yang zu Geständnissen zwingen sollte. Einer anderen Misshandlung gaben sie den Namen „Der Teufel wäscht sein Gesicht“, wobei Yangs Kopf von außen durch das Gitter des Käfigs gesteckt wurde, in dem er von den Hunden geleckt und gebissen wurde. Seit der Folter ist Yang gelähmt und erblindet. Ein Video, in dem er über seine Misshandlung spricht, wurde von seinem Anwalt aus dem Gefängnis geschmuggelt und auf dem populären Internetdienst Sina veröffentlicht, wo es innerhalb kurzer Zeit hohe Klickraten erreichte.

Bernhard Bartsch | 19. Oktober 2011 um 01:49 Uhr

 

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