Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Déjà-vu in Nordkorea

Die Weltmächte können mit Sanktionen drohen, so viel sie wollen. Einen Hebel, um Kim an der Wiederaufnahme seines Atomprogramms zu hindern, haben sie nicht.

Kim Jong Il ist wieder ganz der alte. Ein halbes Jahr nach seinem Schlaganfall, der weltweit Hoffnung auf ein Ende der Schreckensherrschaft des nordkoreanischen Tyrannen beflügelte, zeigt der „Geliebte Führer“, dass er von seiner kriminellen Energie nichts eingebüßt hat.
Kaum gesundet, hat Kim die Beziehungen zu Südkorea und deren Schutzmacht USA auf Konfrontationskurs gesteuert und sich so einen Vorwand geschaffen, um seinen grausamsten Trumpf auszuspielen: Nordkorea reaktiviert sein Atomwaffenprogramm. Damit kündigt Kim eine zwei Jahre alte Vereinbarung zum Abbau der Nukleareinrichtungen, für die er bereits umfangreiche Hilfslieferungen erhalten hat. Neuen Gesprächen mit China, Südkorea, den USA, Russland und Japan erteilte er gleich eine Absage.

Dabei verfolgt Kim die gleiche Strategie, mit der er seit Jahren alle ausländischen Angriffe auf seine Macht abgeblockt hat. Nordkorea droht mit der Entwicklung von Atomwaffen, worauf der Westen Sanktionen ankündigt, was Pjöngjang umgehend zu neuen Provokationen veranlasst. Der Schlagabtausch geht so lange weiter, bis er der Weltgemeinschaft zu heiß wird und sie Kim für Zugeständnisse einen hohen Preis bezahlt, wahlweise in Rohstoffen, Bargeld oder politischem Kapital.

Nach einer kurzen Periode scheinbarer Versöhnlichkeit beginnt der Diktator das Spiel dann erneut. Zu viel Annäherung an den Westen kann er sich ohnehin nicht leisten. Denn sein Regime ist nur solange sicher, wie die Nordkoreaner isoliert sind und in der Illusion leben, sich gegen eine Welt imperialistischer Aggressoren zur Wehr setzen zu müssen. Dass ihr Land diese nun mit Atomwaffen im Schach halten kann, ist der einzige politische Erfolg, den Kim seinem Volk verkaufen kann. Doch sein Einfluss reicht über die Grenzen seines kleinen Landes hinaus. Nordkorea zeigt der Welt, wie einfach es ist, der Staatengemeinschaft auf der Nase herumzutanzen. Die Weltmächte können mit Sanktionen drohen, so viel sie wollen. Einen Hebel, um Pjöngjang an der Wiederaufnahme seines Atomprogramms zu hindern, haben sie nicht. Und schlimmer noch: Am Zusammenbruch des nordkoreanischen Regimes hat keine der involvierten Parteien ein echtes Interesse.

Seoul fürchtet sich vor einer Flüchtlingslawine und einer teuren Wiedervereinigung. Peking bangt um seinen exklusiven Zugang zu Nordkoreas Rohstoffen und möchte ebenso wie Moskau die US-Armee von ihrer Grenze fern halten. Washington graut es vor neuen militärischen Engagements. So kann sich Kim sicher fühlen und Pläne schmieden, zu welchem Preis er sich einen neuerlichen Stopp seines Atomwaffenprogramms abringen lässt.

Erschienen in: Kölner Stadtanzeiger, 15. April 2009

Bernhard Bartsch | 15. April 2009 um 01:11 Uhr

 

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