Bernhard Bartsch

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Dead Men Talking

China stoppt die umstrittene TV-Show „Interviews vor der Hinrichtung“. Dass die BBC Ausschnitte der seit fünf Jahren laufenden Sendung zeigt, ist Peking peinlich.

Ding Yu ist an diesem Montag nicht zu erreichen. Sie sei auf einer langen Drehreise, entschuldigen sie ihre Kollegen beim Justizkanal des chinesischen Provinzsenders Henan TV. Die Fernsehjournalistin möchte im schwierigsten Moment ihrer Karriere offenbar keine Interviews geben. Dabei beruht Dings zweifelhafter Ruhm gerade darauf, dass sie sich nie darum kümmerte, ob ihre Gesprächspartner von ihr befragt werden wollten. In ihrer Sendung „Interviews vor der Hinrichtung“ hat Ding fünf Jahre lang zum Tode verurteilte Verbrecher unmittelbar vor ihrer Exekution einem letzten, oft demütigenden Verhör unterzogen.

Sowohl Ding und ihre Senderchefs waren darauf offenbar sogar stolz. Sonst hätten sie wohl kaum einem Fernsehteam der britischen BBC erlaubt, eine Dokumentation über das Programm zu drehen. Doch nun hat der Film „Dead Men Talking“ schon vor seiner Ausstrahlung am Montagabend weltweit einen Sturm der Entrüstung ausgelöst, und Pekings Propagandabehörden veranlasst, die Sendung umgehend abzusetzen. Denn die BBC-Doku ist Wasser auf die Mühlen all jener, die der Kommunistischen Partei vorwerfen, sie sei zu jeder menschlichen Grausamkeit und propagandistischen Niederträchtigkeit bereit, wenn sie darin einen Nutzen für den eigenen Machterhalt sieht.

Dabei brauchten die Briten bei der Auswahl ihres Materials nicht einmal besonders selektiv vorgehen, sondern brauchten Ding nur zuzusehen, wie sie Menschen mitunter Minuten vor ihrer Hinrichtung für ihre Abschreckungspädagogik benutzte. Ihr Interviewstil verbindet die Rücksichtslosigkeit einer Boulevardreporterin mit der moralischen Überheblichkeit einer Parteikommissarin. Besonders gut kam diese Mischung beim chinesischen Publikum nicht an: Die Sendung lief nur auf dem Spartenkanal des Provinzfernsehens und war darüber hinaus weitgehend unbekannt. Viele Chinesen sind erst über die in Webforen kursierenden Nachrichten über die BBC-Doku auf die Sendung aufmerksam geworden und versuchen sich nun aus dem Internet herunterzuladen, was die Zensoren noch nicht gelöscht haben.

Besonders viele Diskussionen löste dabei der Fall des 2008 exekutierten Mörders Bao Rongting aus. Der 41-Jährige hatte seine Mutter ermordet und sich an ihrer Leiche vergangen. Während Bao von Polizisten Richtung Hinrichtungsplatz geführt wird, fragt Ding ihn scheinheilig, wie es seiner Familie gehe, um ihn dann wie in einem Verhör noch einmal seine Gräueltaten beschreiben zu lassen. Ausführlich beschäftigt sich Ding darin auch mit Baos Homosexualität, die sie unterschwellig als Grund für den perversen Mord zu sehen scheint. Homosexualität ist in der chinesischen Öffentlichkeit noch immer ein Tabuthema. Zum Abschluss fragt Ding den Todgeweihten, ob er noch einmal seinen Bruder sehen wolle – nur um ihm, als Bao dies bejaht, zu offenbaren, dass sein Bruder aber gar nicht zu einem Treffen bereit sei.

Mehr als 250 zum Tode Verurteilte hat Ding interviewt. Zu der Zahl der jährlich durchgeführten Hinrichtungen macht die chinesische Regierung keine Angaben. Menschenrechtsorganisationen gehen von mehreren tausend im Jahr aus. Peking erklärt allerdings, dass die Zahl in den vergangenen Jahren deutlich gesunken sei, weil seit 2007 der oberste Gerichtshof alle Todesurteile bestätigen muss.

Derzeit gibt es allerdings Anzeichen, dass die Todesstrafe auch in China nicht unumstritten ist – trotz der rigiden Zensur, die Diskussionen zu heiklen politischen Themen eigentlich unterbinden soll. Auslöser der Debatte ist der Fall der Geschäftsfrau Wu Ying, die seit 2009 in der Todeszelle sitzt, weil sie bei illegalen Schattenbanken Millionenkredite aufgenommen haben soll. Am Rande der derzeit stattfindenden Jahrestagung des Nationalen Volkskongresses, dem chinesischen Quasi-Parlament, kritisierten zahlreiche Abgeordnete das Urteil übertrieben und forderten ein neues Verfahren.

Erst vergangenes Jahr hatte der Volkskongress die Zahl der Delikte, die mit dem Tod bestraft werden können, von 67 auf 55 reduziert. Darunter befinden sich allerdings nicht nur Gewaltverbrechen, sondern auch diverse Wirtschaftsverbrechen. Umstritten ist auch die Organentnahme von Hingerichteten. Vergangene Woche gaben chinesischen Gesundheitsbeamte offen zu, dass angesichts der geringen Organspendebereitschaft in dem Milliardenland Körperteile von Exekutierten noch immer die wichtigste Quelle für Transplantationsorgane seien.

Bernhard Bartsch | 12. März 2012 um 14:30 Uhr

 

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