Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Das Zen des Galgens

In Japans Todestrakten warten 105 Menschen auf den Henker. Wann er kommt, erfahren sie erst im letzten Moment.

Am 1. Februar schlug für Takashi Mochida das letzte Stündlein: Kurz nach dem Aufstehen bekam der 65-Jährige mitgeteilt, dass er noch genau eine Stunde zu leben habe. Mochida hatte gewusst, dass dieser Augenblick kommen würde. Zehn Jahre hatte er im Todestrakt eines japanischen Gefängnisses gesessen, verurteilt wegen Mord und Vergewaltigung. All diese Jahre über musste er jeden Moment damit rechnen, zum Galgen gerufen zu werden. Ohne Henkersmahlzeit, ohne Abschied von seinen Angehörigen, ohne Möglichkeit auf einen letzten Einspruch. Stattdessen nur der kurze Sterbe-Countdown, der bei allen japanischen Hinrichtungen gilt: Mochida musste seine Zelle aufräumen, durfte ein paar letzte Worte auf ein Stück Papier schreiben und wurde dann in Handschellen zur Vollstreckungskammer geführt. Dort verband man ihm die Augen, fesselte seine Füße und legte ihm einen drei Zentimeter dicken Strick um den Hals. Genau 60 Minuten, nachdem er über sein Ende informiert worden war, öffnete sich die Falltür.

Mochida war einer von drei Japanern, die an jenem Morgen in verschiedenen Gefängnissen fast zeitgleich in den Tod fielen. Als ihre Familien, Anwälte und die Öffentlichkeit in einer knappen Mitteilung informiert wurden, waren ihre Leichen schon eingesargt. 80 Prozent Zustimmung im Land Das unerbittliche Protokoll dürfte in den kommenden Monaten noch häufiger ablaufen. Denn die Todesstrafe ist in Japan entgegen dem weltweiten Trend auf dem Vormarsch. Vergangenes Jahr verurteilten japanische Gerichte 46 Angeklagte zum Tode; 105 Menschen warten derzeit auf ihre Hinrichtung. Das sind die höchsten Zahlen seit drei Jahrzehnten, und Justizminister Kunio Hatoyama will die Todesstrafe sogar noch häufiger angewendet sehen. Gleich nach seinem Amtsantritt im August 2007 kündigte er an, die Vollstreckung zu einer Standardprozedur machen zu wollen, die „automatisch ausgeführt wird, ohne das Justizministerium einzubeziehen“. Bisher muss Hatoyama jede Hinrichtung persönlich abzeichnen. Sechs Mal griff er dafür bereits zum Stift. „In unserem Land glaubt die Mehrheit, dass die Todesstrafe für Menschen, die schreckliche Verbrechen begangen haben, unvermeidlich ist“, sagt Hatoyama.

Er kann sich dabei auf eine 2005 von der Regierung in Auftrag gegebene Umfrage stützen, wonach 80 Prozent der Japaner das staatliche Töten unterstützen. Doch seitdem Hatoyama die Todesstrafe zum Symbol seiner Kampagne zur Verbrechensbekämpfung gemacht hat, formiert sich erstmals seit Jahrzehnten auch öffentlicher Widerstand. „Hinrichtungen sind brutal und unnötig“, findet Nobuto Hosaka, Parlamentarier der oppositionellen Sozialdemokratischen Partei und Kopf einer kleinen Gruppe von Abgeordneten, die zunächst eine Aussetzung und dann die Abschaffung der Todesstrafe erreichen wollen.

Zwar hat ihr kürzlich vorgestellter Gesetzentwurf derzeit keine Aussicht auf Mehrheiten, aber Hosaka hofft, seine Landsleute darauf aufmerksam machen zu können, dass Japan droht, was er „eine neuen Ära von Massenhinrichtungen“ nennt. „Solange die Todesstrafe für die Politik kein Thema ist, ist sie auch für die Medien kein Thema“, erklärt er.  „Und solange die Gegenargumente nicht zu hören sind, wird sich auch die öffentliche Meinung nicht ändern.“

Begünstigt werde sie durch eine „Panikstimmung“ in der Bevölkerung, deren Bedrohungsängste zunehmen. Unterstützung erhält Hosaka von der Anwaltskammer. „Hinrichtungen von Unschuldigen lassen sich nie ausschließen“, erklärt deren Vorsitzender Seigo Hirayama und verweist auf vier Fälle, in denen Schuldsprüche revidiert wurden, während die zu Unrecht Verurteilten schon in der Todeszelle auf ihre Hinrichtung warteten. Auch Menschenrechtsorganisationen schließen sich dem Protest an. „In letzter Zeit verhängen japanische Richter so häufig die Todesstrafe, dass die Hinrichtungstrakte bereits überfüllt sind“, sagt Makoto Taranaka, Generalsekretär von Amnesty International Japan. „Wir fürchten, dass Japan sich gegen den internationalen Trend zur Abschaffung der Todesstrafe stellt.“

Dabei richtet sich der Widerstand nicht nur gegen die Hinrichtungen im Allgemeinen, sondern auch gegen die Grausamkeit ihrer Ausführung. In Japan wird ausschließlich per Galgen getötet, was für die Opfer einen minutenlangen, schmerzhaften Todeskampf bedeuten kann. Noch mehr steht jedoch die jahrelange Ungewissheit im Hinrichtungstrakt in der Kritik. „Jeden Moment damit rechnen zu müssen, dass man zum Galgen geführt wird, treibt die Menschen in den Wahnsinn“, sagt Hosaka und verweist auf Artikel 36 der Verfassung, der „Folter durch Beamte und brutale Strafen“ verbietet. Nach Angaben von Amnesty sind zahlreiche Todeszelleninsassen von Psychologen verrückt erklärt worden. Hingerichtet werden sie trotzdem.

Im Justizministerium glaubt man jedoch, dass die Ungewissheit dem Todeskandidaten helfe, sich auf sein Ende vorzubereiten. „Es ist ein wichtiges Ziel, dass die Verurteilten ihre Strafe akzeptieren und ihrem eigenen Tod ruhig entgegensehen“, heißt es in einer Stellungnahme. „Es ist unsere Pflicht, dafür zu sorgen, dass Verbrecher für ihre Taten büßen.“ Derartige Sühne wird in Japan gerne aus alter Samurai-Ethik abgeleitet, in der Ehrenselbstmorde einen prominenten Platz einnehmen. Für Hinrichtungsbefürworter ist der Tod als höchste Strafe fester Bestandteil der japanischen Tradition. Allerdings können auch die Gegner die Kulturkarte spielen. So war die Todesstrafe 2005 vom damaligen Justizminister Seiken Sugiura für 15 Monate ausgesetzt worden, weil er sie mit seinem buddhistischen Glauben unvereinbar sah. Eine Initiative zur Abschaffung der Todesstrafe rief Sugiura, der wie Hatoyama der rechtskonservativen Liberaldemokratischen Partei angehört, jedoch nicht ins Leben.

Aber einen kleinen Erfolg haben die Gegner der Todesstrafe zu verbuchen. Auf ihren Druck hin bekommen die Hinrichtungsopfer nun wenigstens ein Gesicht. Seit Dezember veröffentlicht das Justizministerium erstmals ihre Namen und das ihnen zur Last gelegte Verbrechen. Bisher teilten die Behörden nur mit, es habe eine Hinrichtung stattgefunden. „Die Veröffentlichung der Informationen ist wichtig, um die Öffentlichkeit darüber zu informieren, dass die Hinrichtungen korrekt abgelaufen sind“, erklärte das Ministerium.

Für Parlamentsrebell Hosaka ist das eine Möglichkeit, eine hocheffiziente Tötungsmaschinerie in ihre Einzelschicksale zu zerlegen. Allerdings stellt der 52-jährige Abgeordnete sich darauf ein, dass ihn das Thema wohl noch für den Rest seiner Politikerlaufbahn begleiten wird. Für 2008 erwartet er erst einmal ein „Rekordjahr“.

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DIE UNO FORDERT EIN MORATORIUM

In 131 Ländern der Welt ist die Todesstrafe laut Amnesty International abgeschafft oder wird nicht mehr vollzogen. 66 Staaten halten weiter an Hinrichtungen fest.

Schätzungsweise 19 000 Menschen sitzen weltweit in Todeszellen.

Die meisten Hinrichtungen gibt es in China mit schätzungsweise 1 000 bis 8 000 pro Jahr.

Auf der Liste folgen Iran (177), Pakistan (82), Irak (65), Sudan (65) und die USA (52).

Die Uno beschloss im Dezember eine Resolution, die ein weltweites Moratorium der Todesstrafe fordert. 104 Länder stimmten dafür, 54 dagegen, darunter waren Japan, die USA und China.

Bernhard Bartsch / Berliner Zeitung, 19. Februar 2008

Bernhard Bartsch | 19. Februar 2008 um 05:12 Uhr

 

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