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Das Wunder von Wangjialing

115 verschüttete Kohlekumpel überlebten eine Woche. Peking startet nationale Kampagne für Arbeitsplatzsicherheit – doch Kritiker sind skeptisch.

Sie überlebten sieben Tage lang in totaler Dunkelheit, litten an Unterkühlung, Austrocknung und Ausschlägen: Eine Woche nach dem Wassereinbruch in einer chinesischen Kohlegrube sind 115 Bergbauarbeiter gerettet worden, 38 werden noch vermisst. Tausende Retter versuchten seit Tagen, die gefluteten Schächte der Wangjialing-Mine in der nordchinesischen Provinz Shanxi mit Pumpen trockenzulegen und sich zu den Verschütteten vorzuarbeiten. Am Montagmittag gelang ihnen der Durchbruch.

Viele Arbeiter überlebten offenbar, weil sie in den Schächten auf Plattformen gearbeitet hatten, die nicht von dem Wassereinbruch überflutet worden waren. Nach dem Unglück hatten sie einen vertikalen Schacht gebohrt, durch den sie Sauerstoff bekommen und von den Rettungskräften mit Traubenzucker versorgt werden konnten. Einige Überlebende berichteten, sie hätten drei Tage lang an ihren Gürteln an der Schachtwand gehangen, bevor sie in einen vorbeitreibenden Kohlewagen gestiegen seien.

Das Staatsfernsehen übertrug live, wie die Geretteten in Decken gehüllt und mit verbundenen Augen auf Baren aus dem Schacht getragen und in Krankenwagen abtransportiert wurden. Zahlreiche hohe Politiker waren zur Rettungsstelle geeilt. Der Vorsitzende der staatlichen Behörde für Arbeitssicherheit, Luo Ling, bezeichnete die Bergung als „Wunder in der Geschichte von Chinas Minenrettung“. Laut Shanxis Partei-Chef Zhang Baoshun hätten „wissenschaftliche Methoden und die Technologie dazu geführt, dass die Überlebenden nach einer Woche in der Tiefe gerettet werden konnten“.

Bergwerke gelten als einer der gefährlichsten Arbeitsplätze in der Volksrepublik. Fast wöchentlich kommt es zu Unglücken, doch Schlagzeilen machen nur die größten. Da viele Minen illegal betrieben werden oder nicht den vorgeschriebenen Sicherheitsstandards entsprechen, bemühen sich Bergwerksbetreiber und lokale Behörden häufig gemeinsam, Unfälle vor der Öffentlichkeit geheim zu halten. In den vergangenen Jahren kam es mehrmals zu Skandalen, als Journalisten sich von Minenbetreibern bestechen ließen, um auf die Berichterstattung zu verzichten. Nach offiziellen Angaben starben vergangenes Jahr 2.631 Menschen bei chinesischen Minenunglücken – eine Zahl, die in der Volksrepublik noch als Erfolg gewertet wird, weil es 2002 noch 6.995 Tote waren. Allein seit vergangenem Mittwoch kamen bei drei weiteren Unglücken in den Provinzen Shanxi, Henan und Heilongjiang mindestens 28 Bergleute ums Leben gekommen, 29 werden noch vermisst. Die Unfallursachen waren Wassereinbrüche, Gasexplosionen und unterirdische Feuer. Viele der Katastrophen ließen sich mit besseren Sicherheitsmaßnahmen. Auch in der Wangjialing-Mine soll die Verwaltung Meldungen von durchsickerndem Wasser ignoriert haben, ergab eine vorläufige Untersuchung der offiziellen Behörde für Arbeitsplatzsicherheit.

Da chinesische Unternehmen in vielen Branchen an der Sicherheit ihrer Angestellten sparen, startete die Zentralregierung am Montag eine zweimonatige Kampagne zur Verbesserung der Arbeitsplatzsicherheit. Landesweit sollen Inspektionen durchgeführt werden, insbesondere in Bergwerken, der Chemieindustrie, Transportunternehmen und Feuerwerksfabriken. Kritiker glauben allerdings, dass die Kampagne kaum mehr Erfolg haben wird als frühere ähnliche Aktionen. „In China wird sich erst etwas ändern, wenn die Arbeiter das Recht bekommen, ihr Schicksal selbst in die Hände zu nehmen“, sagt der Hongkonger Arbeiterrechtsaktivist Han Dongfang, der 1989 als Gründer einer unabhängigen Gewerkschaft an den Tiananmen-Demonstrationen teilnahm und dafür 22 Monate inhaftiert wurde. „Ohne Gewerkschaften und Betriebsräte, die wirklich die Interessen ihrer Mitglieder vertreten, bleiben Chinas Arbeiter schwach und der Korruption ausgeliefert.“

Bernhard Bartsch | 05. April 2010 um 15:35 Uhr

 

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