Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Das Wir marschiert

Mit einer pompösen Parade feiert Chinas Kommunistische Partei den 60. Jahrestag ihrer Machtübernahme.

Die Volksrepublik China feiert Geburtstag – doch nicht das ganze Volk ist eingeladen. Dem kritischen Pekinger Autor Yu Jie etwa haben die Sicherheitskräfte in den vergangenen Wochen fünf Bewacher zur Seite gestellt, um zu verhindern, dass er der Kommunistischen Partei die Party verdirbt. Schließlich hat er es gewagt, sich öffentlich gegen die pompöse Militärparade auszusprechen, mit der die Führung den 60. Jahrestag ihrer Machtübernahme feierte.

„Unsere Regierung braucht eine solche Schau, um ihre Macht zu demonstrieren und das Volk einzuschüchtern“, sagt der 36-Jährige, der sich mit Texten über Umweltprobleme, Menschenrechtsverletzungen und soziale Probleme einen Namen gemacht hat. „Außerdem will Hu Jintao damit seinen Platz in der Geschichte sichern, weil seine Vorgänger ja auch solche Kraftspektakel hatten.“

Dank enger Manndeckung und strenger Internetzensur waren Stimmen wie Yus in China gestern nicht zu hören und die Partei konnte ungestört ihre aufwändige, seit Monaten geprobte Wir-Gefühl-Inszenierung abspulen: ein Fest des Marschierens, Salutierens und synchronen Jubelns. Der Propagandaapparat hatte alles aufgefahren, was er zu bieten hat. Über 200 000 Menschen zogen in Formation am Tiananmen, dem Tor des Himmlischen Friedens, vorbei, auf dem sich die gesammelte Führung aufgebaut hatte, angeführt von Präsident Hu in einem schwarzen Mao-Anzug. Die Volksbefreiungsarmee zeigte ihre neuesten Waffensysteme und dass ihre Elitetruppen mit exakt 116 Schritt pro Minute exerzieren können. 150 Kampfjets flogen über die Stadt, wobei die Staatsmedien hervorhoben, dass 15 Flugzeuge von Frauen gesteuert wurden.

Nach dem militärischen Teil zog auch ein ziviler Festumzug an den Tribünen vorbei. Auf 60 Wagen wurden die Provinzen und Errungenschaften der Volksrepublik dargestellt. Gefeiert wurden unter anderem die Olympischen Spiele und Chinas Raumflugprogramm. 80 000 Studenten waren beauftragt, mit bunten Schildern Schriftzüge wie „Hört auf das Kommando der Partei“ zu bilden, 5 000 Kinder ließen Luftballons aufsteigen. Am Abend fand auf dem Tiananmen-Platz ein großes Tanzspektakel mit anschließendem Feuerwerk statt, inszeniert von Star-Regisseur Zhang Yimou, der schon die Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele choreographiert hatte.

Die Sicherheitsvorkehrungen in der Stadt übertrafen die Olympia-Maßnahmen bei weitem. Nach den wiederholten Krawallen in Westchina hatte Sicherheitschef Zhou Yongkang noch vor wenigen Tagen vor Anschlägen gewarnt. „Seid wachsam und überseht nichts“, mahnte er. „Rüstet euch zum Kampf.“ In der Innenstadt waren die Straßen gesäumt von Polizisten und zivilen Aufpassern mit gelben Pullovern und roten Armbinden. An Kreuzungen und Brücken patrouillierte bewaffnete Polizei mit Helmen, Maschinengewehren und Panzerwagen.

Da in Peking in den vergangenen Wochen zwei Amokläufer mit Messern auf Passanten eingestochen hatten, waren alle Geschäfte angewiesen, jegliche Schneidewerkzeuge aus dem Angebot zu nehmen und sicher wegzuschließen. Selbst Taubenhalter mussten ihre Vögel mehrere Tage unter Verschluss halten, und in den Parks war das Drachensteigen verboten. Der Pekinger Flughafen stellte während der Parade für drei Stunden den Flugverkehr ein.

Bürger, die entlang der Paradestrecke leben, waren angewiesen, ihre Fenster und Balkontüren geschlossen zu halten und sich auch hinter den Scheiben nicht blicken zu lassen – eine Vorschrift, die allerdings viele Pekinger missachteten. In einigen Stadtteilen durften sie anderthalb Tage lang ihre Wohnungen nicht verlassen.

Ansonsten werden die Menschen während des achttägigen Generalurlaubs ausdrücklich zum Ausgehen ermutigt. Allein in der Hauptstadt wurden über eine Million Kinogutscheine verteilt, mit denen die Pekinger patriotische Filme wie „Die Gründung der Republik“ oder „Tiananmen“ sehen können. Mobilfunkgesellschaften hatten ihren Kunden in den vergangenen Tagen politisch korrekte Klingeltöne angeboten, darunter den Pop-Song „Guojia “ (Nation) von Filmstar Jacky Chan.

Internationale Beobachter waren von der Parade weitgehend ausgeschlossen. Zwar sendeten ausländische Vertretungen ihre Botschafter und Militärattachés. Vom Pekinger Korrespondentenkorps war jedoch nur ein Bruchteil zur Parade zugelassen und darüber teilweise erst in den Morgenstunden informiert worden.

Der Verein der Auslandskorrespondenten kritisierte die chinesische Medienpolitik als intransparent und unzeitgemäß. Im Ausland dürfte die militärische Muskelschau Ängste vor Chinas Aufschwung wecken. Zwar betonte Hu in seiner Rede, China sei der „friedlichen Entwicklung“ verpflichtet und suche die Kooperation mit anderen Ländern auf der Grundlage des gegenseitigen Respekts der Souveränität und territorialen Integrität sowie der „Nicht-Einmischung in innere Angelegenheiten“. Doch er betonte auch Chinas neu gefundene Stärke. „Wir haben über verschiedenste Schwierigkeiten, Rückschläge und Risiken triumphiert, um große Erfolge zu erzielen, die von aller Welt anerkannt werden“, sagt Hu. „Heute thront im Osten majestätisch ein sozialistisches China, das für die Modernisierung, die Welt und die Zukunft bereit ist.“

Wie bei allen chinesischen Staatsfeiern wird auch diesmal darüber spekuliert, inwieweit sich in der Inszenierung Rückschlüsse über interne Macht- und Ideologiekämpfe finden lassen. Besondere Aufmerksamkeit hatte in chinesischen Medien in den vergangenen Tagen der „Mao-Block“ der Parade erhalten, den 2 200 Erstsemester der Tsinghua-Universität und 1 000 Militärpolizisten bildeten. Sie trugen riesige Transparente mit der Aufschrift „Das chinesische Volk ist auferstanden“ und „Es leben die Ideen Mao Zedongs“.

Der Sondersalut für den Großen Vorsitzenden galt als ungewöhnlich, weil sich die Partei vornehmlich auf Maos historische Verdienste, aber nicht mehr auf seine politischen Grundsätze berufen hatte. Dass Hu die Parade im Mao-Anzug abnahm, wurde deshalb ebenso mit Aufmerksamkeit betrachtet wie die Tatsache, dass die Kamera beim Schwenk über die versammelte Führung besonders lange auf Bo Xilai stehen blieb, den populären Parteichef von Chongqing, dessen Aufstiegschancen heiß diskutiert werden.

Autor Yu Jie verbreitet unter Freunden derweil seine eigene Geschichte zum 60. Jahrestag der kommunistischen Herrschaft über China. Mit einem seiner Bewacher habe er sich über Religion unterhalten und ihm erzählt, dass er Christ sei. „Da hat er zu mir gesagt: Du hast es gut – du hast etwas, woran du glauben kannst“, berichtet der Schriftsteller. „Ich habe geantwortet: Aber du hast doch auch einen Glauben – du bist Mitglied in der Kommunistischen Partei und glaubst an den Sozialismus.“ Der Sicherheitsbeamte habe sich daraufhin unwirsch abgewendet und entgegnet: „Veralbern kann ich mich auch selbst.“

Bernhard Bartsch | 01. Oktober 2009 um 22:23 Uhr

 

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