Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Das Testament des Tyrannen

Nordkorea beruft den größten Parteikongress seit drei Jahrzehnten ein. Wahrscheinlich soll er den jüngsten Sohn von Kim Jong-il zum Machterben küren.

Angaben über Nordkorea sind immer ohne Gewähr. Auf jede richtige Meldung kommen mindestens zwei falsche, sagen Experten. Schließlich hat das Ausland zu Pjöngjangs Nomenklatura so gut wie keine direkten Verbindungen, und angesichts des anhaltenden Kriegszustands mit Südkorea wird das politische Spiel mit Informationen und Desinformationen so lebhaft betrieben wie einst im Kalten Krieg.

Obwohl die internationalen Nordkorea-Beobachter in den vergangenen Wochen mehrfach falsch gelegen haben, glauben sie nun, endlich wieder einen Treffer gelandet zu haben: Am Dienstag will Diktator Kim Jong-il seinen jüngsten Sohn Kim Jong-un zum Machterben küren, heißt es weitgehend übereinstimmend. Nordkoreanischen Medienberichten zufolge will die Arbeiterpartei am Dienstag die größte Versammlung seit drei Jahrzehnten abhalten. Eine Nachfolgeregelung für den kranken Tyrannen gilt seit Jahren als überfällig, und beim letzten vergleichbaren Parteikongress im Jahr 1980 war Kim Jong-il selbst von seinem Vater Kim Il-sung als künftiger Regent installiert worden.

Ursprünglich war das Parteikonklave für die erste Septemberhälfte angesetzt gewesen. Noch Ende August hatte Kim Jong-il den Termin gegenüber Chinas Präsident Hu Jintao bestätigt. Nordkoreas Parteipropaganda stimmte das Volk auf ein bevorstehendes Großereignis ein. Tagelang mutmaßte das Ausland, die Versammlung könne bereits heimlich begonnen haben und die Präsentation des neuen Herrschers stehe unmittelbar bevor – bis sich herausstellte, dass die Nordkoreaner den naheliegenden Termin, das 62. Gründungsjubiläum der Demokratischen Volksrepublik am 9. September, hatten verstreichen lassen.

Über den Grund für die Verspätung gibt es Spekulationen. Japanische Medien wollen erfahren haben, dass Parteichef Kim Jong-il zu krank gewesen sei, um der Tagung vorzusitzen. Auch die offizielle Andeutung, dass die ursprünglich für mehrere Tage angesetzte Versammlung am Dienstag in nur einem Tag abgehalten werden soll, könnte auf schwere gesundheitliche Probleme hindeuten. Der 68-Jährige soll im August 2008 einen Schlaganfall erlitten haben und wirkt seitdem auf Fotos schwach und kränklich.

Andere Quellen glauben, dass politische Grabenkämpfe die Einhaltung des Termins unmöglich gemacht hätten. Demnach soll Kims jüngere Schwester Kim Kyong-hui selbst Machtansprüche angemeldet haben. Die 64-Jährige hatte in der Vergangenheit hohe Parteiämter inne und gilt gemeinsam mit ihrem Mann Chang Song-taek als Vertraute des „Geliebten Führers“. Beobachter gehen davon aus, dass Chang, der in der Nationalen Verteidigungskommission Kim Jong-ils Stellvertreter ist, dem jungen Kim als politischer Mentor dienen soll.

Die Terminverschiebung könnte auch praktische Gründe haben. So wurde Nordkorea Ende August von verheerenden Überschwemmungen heimgesucht, deren Bewältigung die Kräfte der Verwaltung gebunden haben könnte. Grundsätzliche Zweifel am Zweck des Parteikongresses brachte Chinas Regierungschef Wen Jiabao auf, als er beim Treffen mit Ex-US-Präsident Jimmy Carter sagte, bei den Nachfolgespekulationen handle es sich um „Gerüchte aus dem Westen“. Dies habe Kim Jong-il gegenüber seinen Verbündeten in Peking erklärt. Dabei galt bisher die Annahme, Kims Chinareise Ende August habe die Absicht gehabt, Chinas Zustimmung zu der Nachfolgeregelung einzuholen.

So oder so soll sich der Kongress sicherlich nicht mit Kleinigkeiten aufhalten. Immerhin wurde schon im Vorfeld das Kabinett umgebildet, wie Nordkoreas Staatsmedien am Donnerstag verkündeten. Der erste stellvertretende Außenminister Kang Sok-ju, 71, der Nordkoreas provokativen Kurs gegenüber dem Ausland maßgeblich gesteuert haben soll, wurde zum stellvertretenden Ministerpräsidenten befördert, berichtete die offizielle Nachrichtenagentur KCNA. Kangs bisherigen Posten übernimmt Atom-Chefunterhändler Kim Kye-gwan.

Gegenüber dem Ausland sendet Nordkorea im Vorfeld gemischte Signale. Einerseits bemüht sich Pjöngjang um eine Annäherung an Südkorea. So soll es in den nächsten Monaten Zusammenführungen von Familien geben, die durch den Koreakrieg vor 60 Jahren getrennt wurden. Außerdem hat der Norden Seoul um Hilfslieferungen für Flutopfer gebeten, nachdem er sich zuvor trotz brenzliger Versorgungslage über ein Jahr lang geweigert hatte, südkoreanische Unterstützung anzunehmen.

Andererseits plant Nordkorea angeblich Maßnahmen, um den reibungslosen Ablauf des G-20-Treffens im November in Seoul zu verhindern. Der US-amerikanische Sender Radio Free Asia berichtete unter Berufung auf nordkoreanische Flüchtlingsorganisationen, Pjöngjang sehe den Gipfel als Konferenz feindlicher Finanzmächte.

Die USA und Südkorea wollen ihrerseits keinen Zweifel daran aufkommen lassen, dass sie sich von Pjöngjangs Drohgebaren nicht beeindrucken lassen. Von heute an wollen sie ein Anti-U-Boot-Manöver durchführen, an dem zehn Schiffe und 1700 Soldaten teilnehmen. Die Übungen sind eine Reaktion auf den Untergang der südkoreanischen Korvette Cheonan, die im März offenbar von einem nordkoreanischen Torpedo abgeschossen worden war. Doch während das Ausland sich gegen die Attacken der Kims wehren kann, sind die Nordkoreaner ihnen schutzlos ausgeliefert. Darauf machte US-Präsident Barack Obama in einer Rede vor den UN aufmerksam: Er warf dem nordkoreanischen Regime vor, sein Volk zu „versklaven“.

Bernhard Bartsch | 27. September 2010 um 16:12 Uhr

 

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