Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

RSS Home | Archiv | ImpressumKontakt

Das Salz der Apokalypse

Der Nuklearunfall in Japan hat in China zu panikhaften Salzkäufen geführt. Die Menschen glauben, sich so vor Strahlenschäden schützen zu können.

Treffen sich ein Japaner, ein Koreaner und ein Chinese im Himmel. „Ich bin beim Erdbeben gestorben“, erzählt der Japaner. „Ich bin verstrahlt worden“, sagt der Koreaner. „Und bei welcher Katastrophe bist du umgekommen?“ fragen sie den Chinesen. Der schaut betreten zu Boden und antwortet: „Ich habe zu viel Salz gegessen.“

Um über den Witz, der im chinesischen Internet kursiert, lachen zu können, muss man wohl versucht haben, dieser Tage in einem chinesischen Supermarkt ein Päckchen Speisesalz zu kaufen. Ein aussichtsloses Unterfangen. „Ich habe vergeblich vier Läden und drei Märkte abgeklappert“, sagt Frau Xiao, eine Pekinger Hausfrau. „Dann habe ich eine Verwandte in Anhui angerufen, ob sie mir Salz schicken kann, aber sie hat mich nur ausgelacht.“ Speisesalz sei nur noch auf dem Schwarzmarkt zu haben, erzählte die Verwandte, für 20 Yuan (2,2 Euro) pro Pfund, elfmal so viel wie noch vor einigen Tagen.

Die Salzpanik ist eine Reaktion auf das Reaktorunglück im japanischen Kernkraftwerk Fukushima. Wie genau sie begonnen hat, weiß keiner mehr genau, nur dass die südchinesische Provinz Zhejiang die erste war, in der es kein Salz mehr gab. Da Zhejiang eine der reichsten Provinzen des Landes ist, vertraut der Rest des Landes dem Urteil der Zhejianger blind. Das Kalkül ist offenbar folgendes: Bei Strahlenvergiftungen können Patienten durch die Einnahme von Jod-Tabletten die Ablagerung von Radioaktivität in der Schilddrüse reduzieren. Da in China niemand glaubt, dass die Regierung genügend Jodtabletten für 1,3 Milliarden Menschen auf Lager hat, soll Speisesalz, das ebenfalls mit Jod angereichert ist, als Ersatz dienen. Zeit zum Nachrechnen war vor dem Sturm auf die Salzregale offenbar nicht: Strahlenpatienten erhalten im Ernstfall eine einmalige Dosis von 130 Milligramm Kaliumjodid – dafür müsste man fünf Kilogramm Salz essen.

Einer anderen Theorie zufolge soll das Fukushima-Unglück die Weltmeere verseuchen, weswegen sich daraus künftig kein Speisesalz mehr gewinnen lasse. Egal welche Version stimmt: Die Aktien der chinesischen Salzhersteller Yunnan Salt und Salt Chemical Co. stiegen am Donnerstag so stark, dass sie vom Handel suspendiert wurden. Die Unternehmen riefen die Bevölkerung daraufhin dazu auf, den Gerüchten nicht zu glauben und die Salzhausse zu beenden

Chinesische Blogger sehen hinter den Panikkäufen ein tieferes Gesellschaftsproblem. „Dieser Blödsinn zeigt, wie verunsichert die Chinesen sind und wie wenig sie ihrer Regierung vertrauen“, kommentiert ein Twitterbenutzer, ein anderer meint: „Das kommt davon, wenn ein Volk über Jahrzehnte für dumm verkauft wird – am Ende ist es wirklich dumm.“

Doch derartige Stimmen sind in der Minderheit. Eine Immobilienfirma in der Provinz Jiangsu schaltet derzeit Anzeigen, dass die ersten hundert Interessenten, die am kommenden Wochenende eine Wohnung besichtigen, ein Päckchen Salz geschenkt bekommen. Da sich aber viele Chinesen schon keine Hoffnungen mehr machen, in den kommenden Wochen noch an Salz zu kommen, jagen sie inzwischen einer anderen Medizin gegen Strahlungsschäden hinterher: Sojasoße. Die schmeckt ja schließlich auch salzig – und je knapper sie wird, umso mehr steigt der Glaube an ihre Wirksamkeit.

Bernhard Bartsch | 18. März 2011 um 14:29 Uhr

 

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.