Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Das letzte Geschäft

Vom Tod lässt sich gut leben: Eine Bestattungsmesse in Hongkong zeigt die neuesten Trends der Beerdigungsindustrie.

Der Tod gehört zum Leben wie die Geburt, nur sorgt er meist für weniger Freude. Es sei denn, man hat den Sensenmann als Arbeitgeber. Dann kann man mit der Vergänglichkeit leicht seinen Frieden machen, und unter Umständen sogar ein Vermögen verdienen. Wie das geht, darüber tauschte sich die Branche dieser Tage in Hongkong aus, bei der Asiatischen Begräbnismesse. Da reiche Chinesen, Japaner oder Koreaner für ihre Beerdigungen mehr bezahlen als diesseitsorientierte Europäer oder Amerikaner, gilt die Messe als eines der wichtigsten Treffen des Totengewerbes. Schon der Rahmen machte deutlich, dass die Industrie weiß Gott kein Schattendasein führen will: Das Hongkonger Ausstellungszentrum gehört zu den teuersten der Welt. In den Räumlichkeiten, in denen kürzlich noch Sothebys seine Frühjahrsauktion für exquisite Kunst und Antiquitäten abhielt, stehen nun Särge, Urnen und Grabsteine – oder so sieht es zumindest aus, wenn man nicht weiß, dass auch das Bestattungswesen von technologischem Fortschritt, innovativem Design und kundenfreundlichen Dienstleistungen lebt.

„Die Konsumenten werden immer anspruchsvoller“, erklärt Fred Liu, Geschäftsführer der chinesischen Firma „Dingcheng Religionsbedarf“, einem der über 150 Aussteller. An seinem Stand hängen Kruzifixe, Davidssterne, Allah-Schriftzüge und Buddhafiguren einträchtig nebeneinander. „In einem modernen Begräbnis müssen Tradition, Fortschritt und Individualität vereint sein“, sagt Liu. Zu seinen Messeneuheiten gehören Geldscheine aus Bambuspapier, das beim Verbrennen – ein wichtiger Bestandteil chinesischer Beerdigungszeremonien – keinen hässlichen Rauch produziert und vollständig weiße Asche hinterlässt. Mit solchen grünen Produkten liegt Liu voll im Trend. „Umweltfreundliche Begräbnisse sind sehr angesagt“, meint Allen Chu, Manager von Lunen Handicraft, einem Unternehmen für Särge aus Pappe oder Korbgeflecht. „So entstehen beim Verbrennen weniger Schadstoffe.“ Gleich mehrere Firmen versuchen sich dem Trend anzuschließen, etwa mit biologisch abbaubaren Urnen, die in der Erde zu Dünger werden.

Da nicht nur Fachleute, sondern auch interessierte Laien – und künftige Kunden – zur Messe kommen, haben die Veranstalter einen Infosarg aufgebaut, in dem ein Film die Besucher darüber aufklärt, welchen Aufwand der Tod nach sich zieht. Für die Warteschlange sind Bänke aufgestellt, denn viele der Interessenten sind schon lange nicht mehr gut zu Fuß. „Kannst gleich liegen bleiben“, lautet der Standardwitz bei der Sarganprobe. Dabei sollen Besucher vor allem mit dem Bewusstsein nach Hause gehen, dass sie ihr Restleben nutzen sollten, um ihren Tod im Detail vorzubereiten, schon um zu verhindern, dass die Nachfahren dann bei einigen der teuren Extras sparen, beim letzten Make-up etwa, oder beim Parfüm, das den Leichengeruch verschwinden lässt.

Zu den Hauptattraktionen gehört der Stand der Schweizer Firma Algordanza, die aus der Asche von Toten Diamanten presst. „Jeder Mensch ist einmalig“, heißt es in einem emotionalen Werbeclip voller Klaviermusik und Lebensfreude. Großeltern toben darin mit ihren Enkeln durch einen Garten, bis die Stimme aus dem Off ihnen die Frage stellt, für wen sie noch da sein werden, wenn sie einmal nicht mehr sind. Eine Reinkarnation als Edelstein, den die Nachkommen als Ring oder an einer Kette tragen können, soll das Problem lösen: „Ein Juwel, so individuell wie ich“, endet die Präsentation. Auf Nachfrage erfährt man, dass das Verfahren die Kosten für die Leichenendlagerung um rund 15.000 Euro erhöht.

Ähnliche Summen muss man einplanen, wenn man sich von der taiwanesischen Firma SKEA ein Haus fürs Jenseits bauen lässt. Nach chinesischem Brauch werden für Tote oft Modelle von allen lebensnotwendigen Gegenständen verbrannt. Nicht nur seinen Namen hat SKEA beim schwedischen Möbelhaus IKEA abgekupfert, sondern auch viele Designs. Die Nachbildungen werden in minutiöser Handarbeit eingerichtet. Möbel, Bettwäsche und Gardinen kann man ebenso auswählen wie die Speisen auf dem Esstisch, das Handymodell oder die Ausstattung der Golftasche. Technikfans können sich sogar einen Hochgeschwindigkeitszug durch ihren Garten fahren lassen. Das hat zwar seinen Preis, aber anders als die vergängliche Bausubstanz des Diesseits wird das Papierhaus schließlich für die Ewigkeit errichtet. „Make it happen“ lautet der Werbespruch, mit dem SKEA seine Kunden ermutigt, sich auch nach dem Tod noch Träume zu erfüllen. Eine Kopie des IKEA-Slogans hätte ebenfalls funktioniert und könnte sogar für die gesamte Messe stehen: Lebst du noch, oder wohnst du schon?

ZUKUNFTSINDUSTRIE TOD

Das Geschäft mit dem Tod ist ein Wachstumsmarkt. Aufgrund der Alterung der Gesellschaft werden in Zukunft immer mehr Menschen sterben. Derzeit segnen in Deutschland jährlich rund 820.000 Menschen das Zeitliche, 2050 werden es ein Viertel mehr sein. Rund 25.000 Menschen arbeiten in Deutschland in den etwa 50 Berufsgruppen, die sich mit dem Ableben beschäftigen, von Kranzbindern und Friedhofsgärtnern über Leichenwäscher und Bestatter bis zu Herstellern von Krematorienöfen und den Herausgebern von Fachmedien. Nach einer Berechnung der Zeitschrift „Friedhofskultur“ machte das Totengewerbe 2006 einen Umsatz von 16 Milliarden Euro. Allerdings ist der Preisdruck auch in der Bestattungsindustrie angekommen. Einer Studie der Verbraucherinitiative Aeternitas zufolge gaben die Deutschen im Jahr 2000 für einen Todesfall noch rund 7500 Euro aus. Im Jahr 2004 waren es nur noch 5800 Euro.

Bernhard Bartsch | 19. Mai 2009 um 01:32 Uhr

 

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