Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Das kleine Wirtschaftswörterbuch Chinesisch-Deutsch

Eine Leseübung zu Schwanzgeld und weißen roten Umschlägen.

Das Jahr 2008 steht in China im Zeichen der Olympischen Spiele. Was in Griechenland als pazifistischer Athletenwettstreit begann und sich im 20. Jahrhundert zum globalen Event aus Sport, Politik und Wirtschaft entwickelte, dient in der Volksrepublik als nationale Image-Kampagne.

奥运 [Aoyun] Olympische Spiele, die

Die Völkerspiele sollen das ramponierte Ansehen und Selbstwertgefühl der Chinesen aufpäppeln. Als Vorläufer der chinesischen Olympischen Spiele gelten Maos „Großer Sprung nach vorn“ (1958-1961) und die „Große Proletarische Kulturrevolution“ (1966-1976). Da diese scheiterten, importiert China nun eine weltweit erprobte Marketingplattform, die Kommunismus durch Konsum und Massenmobilisierung durch Massenmedien ersetzt.

Immerhin 40 Milliarden Euro investierte Peking in die Olympischen Spiele. Eine Menge Geld, das vor allem der Hauptstadt einen gewaltigen Aufschwung verschaffte. Doch profitiert haben davon vor allem diejenigen, die über gute Beziehungen und Verbindungen verfügen.

关系 [Guanxi] Verbindungen, die (möglichst Mehrzahl)

Jemanden zu kennen, der Rang und Namen hat, ist entscheidend in einem Land, in dem die Trennung zwischen Recht und Unrecht oft unscharf ist und im Einzelfall ausgehandelt wird. Wohl dem, der studieren will und mit der Hochschulleitung verwandt ist, der einen Kredit braucht und mit dem Bankdirektor die Schulbank gedrückt hat oder der ein Hochhaus plant und weiß, welchen Sportwagen sich der Sohn des Bürgermeisters wünscht. Die Vermittlung von Guanxi ist ein großes Geschäft im modernen China. Die US-amerikanische Carnegie-Stiftung für internationalen Frieden schätzt den Markt für Gefälligkeiten in China auf mehr als 45 Milliarden Euro im Jahr.

Diese Unsumme wird in Hunderttausenden sogenannten roten Umschlägen weitergereicht.

红包[Hong Bao] Roter Umschlag (Geldgeschenk, in der Regel Bestechung)

Ursprünglich bezieht sich der Ausdruck auf Hochzeitsgeschenke. Weil Rot die Farbe des Glücks ist, erhalten Frischvermählte ihre Geldpräsente in entsprechenden Kuverts. Doch die roten Umschläge besiegeln auch andere Liaisons: „Kein Geschäft ohne Hong Bao“, lautet ein Hauptsatz der chinesischen Managementlehre. Um die Korruption zu tarnen, wird der rote Umschlag in diesen Fällen häufig versteckt – in einem weißen.

Ebenfalls entscheidend in der chinesischen Wirtschaft sind andere Papiere: die Visitenkarten.

名片 [Mingpian] Visitenkarte, die

Sie werden in China ausgespielt wie ein Skatblatt. Wer es zu etwas gebracht hat, verteilt Aufklappkarten oder ganze Kartenstapel, auf denen Dutzende Titel aufgeführt sind. Die Chinesen sind Meister darin, Positionen sprachlich aufzuwerten.

Man muss sich davon nicht übermäßig beeindrucken lassen, zeigt sich aber trotzdem ehrfürchtig und nimmt Visitenkarten feierlich mit beiden Händen entgegen wie ein Votivplättchen.

Im Zweifel könnte der Kartengeber schließlich doch Einfluss besitzen, also Zugang zu einem wichtigen Stempel haben.

[Gongzhang] Stempel, der

Verträge, Lizenzen und Dekrete werden nicht unterschrieben, sondern mit roter Farbe besiegelt. Schon die Kaiser regierten das Land vom Stempelkissen aus. Bis heute können verschwundene oder gestohlene Stempel Unternehmen über Wochen lähmen. Entscheidungen gibt es nur mit rotem Aufdruck.

Mit der richtigen Mischung aus Guanxi, Hong Bao und Zhang wird man dann schnell reich. Mehr als drei Millionen

Chinesen besitzen ein Vermögen von mehr als einer Million Yuan (knapp 100 000 Euro). Weitere – je nach Berechnung – 70 bis 200 Millionen Chinesen schafften es zumindest in die neue Mittelschicht. Eine bescheidene Klasse der Reformgewinner, die sich selbst als die „kleinen Gesunden“ bezeichnen.

[Xiao Kang] kleiner Gesunder, der (Angehöriger der Mittelschicht)

Vom großen Geld träumen natürlich auch sie. In den vergangenen Jahren glaubten viele, eine völlig legale und moralisch einwandfreie Abkürzung zum Reichtum gefunden zu haben: die Börse. Dort sein Geld zu vervielfachen geht dem Volksmund zufolge so einfach wie die Zubereitung eines Wok-Gerichts: bei hoher Hitze reinwerfen, ein paar Mal wenden – fertig.

炒股票 [Chao Gupiao] wörtlich: Aktien braten, umgangssprachlich: spekulieren

Kaum ein Volk ist stärkeren Spekulationsversuchungen ausgesetzt als die Chinesen: Zwischen Anfang 2006 und Mitte 2007 stiegen die Aktienkurse um 130 Prozent. Die Zahl der Kleinanleger überschritt die 100-Millionen-Grenze. Tausende kündigten ihre Jobs, um Vollzeit am Aktienherd zu stehen. Die chinesische Propaganda schürte die Illusion, die Kurse könnten nur steigen – doch dann purzelten sie, und wer seine Aktien nicht rechtzeitig aus dem Wok fischte, hatte nur Verbranntes im Depot. Die Schuld dafür suchen Chinesen weniger bei sich selbst als in der Qualität der einheimischen Aktien. Keiner weiß besser als die Chinesen, dass „Made in China“ kein Gütesiegel ist. Egal, ob sie ein Haus bauen, eine Ladung Turnschuhe nähen oder eine Software programmieren lassen – stets gehen sie davon aus, dass es hinterher Ärger gibt. Deshalb zahlen sie die letzten rund fünf Prozent der Vertragssumme erst mehrere Monate oder gar Jahre nach der Lieferung, wenn sich das Gekaufte bewährt hat. Da der Anbieter nicht davon ausgehen kann, die letzte Tranche tatsächlich zu bekommen, hat er seine Profitmarge natürlich schon vorher draufgeschlagen und sieht das „Schwanzgeld“ eher als Bonus.

尾款 [Weikuan] Schwanzgeld, das (zuvor draufgeschlagener Pfuschrabatt)

Darauf ein Prost. Oder wie der Chinese sagt:

[Ganbei] Mach das Glas trocken – Prost! –

Erschienen in: brand eins 8/2008

Bernhard Bartsch | 01. August 2008 um 03:37 Uhr

 

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