Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

RSS Home | Archiv | ImpressumKontakt

„Das ist die schlimmste Krise der Nachkriegszeit“

Japan steckt bereits doppelt so tief in der Rezession wie Europa. Der zweitgrößten Volkswirtschaft wird vor allem ihre hohe Exportabhängigkeit zum Verhängnis.

Das japanische Arbeitsethos ist legendär, doch erst in der Krise zeigt der Sozialkodex, was wirklich in ihm steckt. „Früher war ich zwölf Stunden im Büro, aber inzwischen sind es eher 14, plus ein paar Sonderschichten am Wochenende“, erzählt ein Angestellter einer Tokioer Beratungsfirma. „Dabei haben wir im Moment fast nichts zu tun.“ Doch statt dass seine Chefs ihre Mitarbeiter in den Urlaub schicken (von dem die meisten in den letzten Jahren ohnehin nur einen Bruchteil genommen haben), verlangen sie derzeit noch zusätzlichen Einsatz. „Jeder weiß, dass wir in der jetzigen Situation auch mit Überstunden keine Aufträge an Land ziehen können“, sagt der Berater, „aber keiner wagt das auszusprechen.“ Schließlich bangen er und viele Kollegen um ihre Jobs – da möchte niemand durch mangelndes Engagement auffallen.

Die Stresskurve ist derzeit die einzige, die in Japan nach oben zeigt. Andere Indikatoren weisen steil nach unten, denn ein Ende der aktuellen Krise ist noch nicht in Sicht. Im Gegenteil: wie die in Tokio gestern vorgestellten Konjunkturdaten für das vierte Quartal 2008 belegen, greift die Rezession in Japan doppelt so schnell um sich wie in Europa und dreimal so schnell wie in den USA. Zwischen Oktober und Dezember sank Japans Wirtschaftsleistung um 3,3 Prozent, was auf das Jahr gerechnet einen Einbruch von 12,7 Prozent bedeuten würde. Im Euroraum sank die Wirtschaftsleistung im gleichen Zeitraum um 1,5 Prozent, in den USA um ein Prozent. Ein ähnlich schlechtes Quartal erlebte Japan zuletzt während der ersten Ölkrise 1974. „Das ist die schlimmste Wirtschaftskrise der Nachkriegszeit“, kommentierte Kaoru Yosano, Minister für Wirtschafts- und Fiskalpolitik.

Drei Quartale in Folge ist Japans Bruttoinlandsprodukt (BIP) nun schon gesunken, und viele Ökonomen gehen davon aus, dass sich der Abwärtstrend auch im laufenden Jahr zunächst nicht umkehren wird. „Es sieht so aus, als schrumpfe die japanische Wirtschaft mit unvorstellbarer Geschwindigkeit“, urteilte vergangenen Freitag Kazuo Momma, Chefökonom der japanischen Notenbank.

Dass die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt, deren Banken die ersten Erschütterungen des Finanzsektors noch relativ unbehelligt überstanden hatten, nun von den realwirtschaftlichen Auswirkungen der Krise umso härter getroffen ist, liegt vor allem an ihrer Abhängigkeit vom Exportgeschäft – eine Eigenschaft, die Japan mit Deutschland teilt. Im vierten Quartal sanken Japans Ausfuhren um 13,9 Prozent, so stark wie nie zuvor. „Die japanische Wirtschaft, deren Wachstum maßgeblich von Exporten von Autos, Maschinen und IT-Zubehör abhängt, ist regelrecht zertrümmert“, sagte Yosano. Der Einbruch habe drei Prozentpunkte zum Schrumpfen des BIP beigetragen; den Rest des Rückgangs habe die Flaute des Binnenkonsums verursacht. Der internationale Absatz von made in Japan leidet nicht nur unter der gesunkenen Nachfrage, sondern auch unter dem hohen Yen-Kurs. Im Vergleich zu Japans wichtigsten Handelspartnern ist die Währung im vierten Quartal 2008 um 24 Prozent teurer geworden.

Das Tempo der Krise hat selbst Japans auf Just-in-time-Fertigung getrimmte Fabriken überrascht, in deren Lagern sich nun unausgelieferte Waren stapeln. Nach Jahren und teilweise Jahrzehnten üppiger Gewinne drohen den japanischen Großkonzernen nun erstmals Verluste. Der Druck auf den Mittelstand ist noch weitaus größer. Um die Kosten zu senken, kündigt derzeit ein Unternehmen nach dem anderen Sparprogramme und Entlassungen an. Wo vor wenigen Monaten noch von Arbeitskräftemangel die Rede war, steigt nun die Arbeitslosigkeit.

Im Dezember wurden in Japan 400 000 mehr Arbeitslose registriert als im Vorjahr – und das, obwohl die eigentliche Entlassungswelle erst noch bevorsteht. Zunächst trifft es Teilzeit- und Leiharbeiter, aber auch der Abbau von regulären Arbeitsplätzen ist kein Tabu mehr. Mehrere Großkonzerne haben bereits angekündigt, im April erstmals auf die traditionelle Masseneinstellung junger Universitätsabsolventen zu verzichten. „Selbst mit einem Abschluss der Tokio-Universität bekommt man im Moment keinen Job“, klagt ein Student der Eliteschmiede, deren Zeugnisse in der Vergangenheit eine lukrative Karriere garantierten.

Auch aus der Politik kommen kaum vertrauenerweckende Signale. Zwar hat die Regierung bereits zwei Konjunkturpakete mit einem Gesamtvolumen von 75 Billionen Yen (636 Milliarden Euro) beschlossen, doch die sind Thema eines heimlichen Wahlkampfes geworden. Der Premierminister Taro Aso muss spätestens im September Wahlen abhalten und will seine Liberaldemokratische Partei (LDP) aus dem Stimmungstief holen.

Die Opposition nutzt ihre Mehrheit im Oberhaus des Parlaments, um Asos Initiativen zu blockieren. Die Regierung bietet reichlich Angriffsflächen. Auf der Suche nach öffentlicher Zustimmung hat Aso mehrfach seinen Kurs gewechselt. Sein Vorgänger Junichiro Koizumi machte sich über Asos Reformversuche lustig, auch sein Finanzminister Shoichi Nakagawa steht unter Beschuss, weil er auf einer G-7-Pressekonferenz scheinbar betrunken aufgetreten war. Alkohol am Konjunktursteuer, ätzte die Opposition, sei wirklich das Letzte, was Japan verkraften könne.

Erschienen in: Stuttgarter Zeitung, 17. Februar 2009

Bernhard Bartsch | 17. Februar 2009 um 06:07 Uhr

 

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.