Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Das Hasenkomplott

Wer im chinesischen Jahr des Hasen geboren wurde, sollte zurzeit etwas Rotes am Körper tragen – das schützt vor Unheil.

Am Wochenende hat mir ein Taschendieb mein Portemonnaie geklaut, im Gedränge eines Pekinger Cafés, dem mein sechster Sinn nicht gewachsen war. Er erbeutete einen Batzen Geld, Bankkarten, Presseausweis und andere Papiere. Muss ich erwähnen, dass ich mich sehr geärgert habe?

Muss ich wohl. Denn als ich einer chinesischen Freundin von meinem Erlebnis erzählte, klärte sie mich auf, dass ich erstens selbst schuld sei und zweitens Glück im Unglück gehabt habe. „Du bist doch lange genug in China, um zu wissen, dass im eigenen Jahr immer etwas schiefgeht“, tadelte sie mich. „Aber wenn das dein Pechsfall für dieses Jahr war, bist du noch glimpflich davongekommen.“

Mit dem „eigenen Jahr“ meinte sie das Jahr des Hasen, in dem wir uns gerade befinden. Auf dem chinesischen Kalender wechseln sich zwölf Tiere ab, so dass man alle zwölf Jahre wieder bei dem Tier des eigenen Geburtsjahrgangs ankommt – und dann muss man mit dem Schlimmsten rechnen. Als Hase hätte ich gewarnt sein müssen. War ich auch. Nur hatte ich die Warnungen in den Wind geschlagen. „In deinem Jahr musst du unbedingt immer etwas Rotes am Körper tragen“, hatten mir Freunde vor dem chinesischen Neujahrsfest im Februar eingebläut. Ein rotes Armband sei das Minimum, lieber sollte ich mir einen Satz rote Unterwäsche kaufen, oder am besten gleich ein Jahr lang rote Hemden tragen. Alle Kaufhäuser bieten zum Jahreswechsel derartige Sicherheitskleidung an. Aber ich glaubte, ich bräuchte keine kosmologische Versicherung.

War der Taschendieb also die Rache für meinen Leichtsinn? Tatsächlich fällt mir ein, dass ich vor genau zwölf Jahren ebenfalls einen Wink des Schicksals erhalten habe. Ich war gerade erst als Student in China angekommen, als ich meinen ersten Laptop einbüßte, für den ich monatelang in der Unibibliothek Aufsicht geführt hatte. Auch damals diagnostizierte meine Chinesischlehrerin prompt ein Hasenkomplott.

„Ihr Ausländer denkt natürlich, wir Chinesen seien abergläubisch“, meinte sie. „Aber in Wahrheit haben wir einfach nur recht.“ Zum Glück ist das Hasenjahr fast vorbei, und meine Freundin hat recht: es hätte wirklich schlimmer kommen können. Mal sehen, ob ich mich in zwölf Jahren noch daran erinnere.

Bernhard Bartsch | 29. November 2011 um 06:24 Uhr

 

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