Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Das Harakiri des kleinen Mannes

Dieser Text ist leider nicht ganz fertig geworden. Tut mir leid, einige Fakten hätte ich gerne noch recherchiert, aber es ist schon sehr spät und ich habe Angst. Angst um mein Leben. Angst vor Karoshi.

Karoshi ist Japanisch und heißt „Tod durch Überarbeitung“. Keine perfekte Übersetzung, aber besser geht es nicht. Als Nichtjapaner wird man ohnehin nie ganz verstehen, was bei Karoshi alles mitschwingt. Schließlich ist es gewiss kein Zufall, dass das Japanische als einzige Sprache der Welt für Tod durch Berufsstress ein eigenes Wort hat. (Hat irgendein Linguist herausgefunden, Name find ich jetzt nicht mehr.)

Karoshi ist das Harakiri des kleinen Mannes, der heldenhafte Selbstmord des Büro- oder Fabrikangestellten, dessen Existenz sich zwischen seiner Schlafstatt und seinem Arbeitsplatz abspielt, höchstens ergänzt um einen Barhocker, von dem aus er seinen Kollegen, Kunden und sich selbst ein erfülltes Dasein vorgaukelt. Irgendwann bricht er zusammen, und wenn dann in seinen letzten Sekunden sein Leben an ihm vorbeizieht, sieht er noch einmal all die schönen Tage, an denen er in der U-Bahn einen Sitzplatz bekam.

Dieses Los trifft jährlich so viele, dass die Regierung Karoshi als offizielle Todesursache anerkannt hat (schon seit den Achtzigern, glaube ich.). Zwar gibt es auch in Japan Gesetze und Tarifverträge, die ein angemessenes Verhältnis zwischen Arbeit und Freizeit garantieren sollen, und laut Statistik arbeiten Japaner auch gar nicht so viel mehr als wir Deutschen (Wer die genauen Zahlen wissen will, muss diesmal bitte selbst recherchieren). Aber dafür schieben Japaner jede Menge so genannter „freier Überstunden“. Der Arbeitgeber muss diese gar nicht einfordern, denn der soziale Kodex der kollektiven Selbstausbeutung nimmt es ihm ab. Wer bei einer japanischen Firma anrufen will, kann das deshalb auch noch abends um neun tun. Vorausgesetzt er ist dann selbst nicht mehr im Büro.

Wirklich Spaß macht dieses Leben allerdings auch den Japanern nicht, und immer häufiger ziehen Hinterbliebene vor Gericht. Wer nachweisen kann, dass ein Verwandter an Karoshi gestorben ist, kann vom Staat jährlich bis zu 14.000 Euro und vom Unternehmen einmalig bis zu 650.000 Euro einklagen, Entschädigung oder Heldenrente, ganz wie man es sieht.

Wie dicht Harakiri und Karoshi zusammen liegen, zeigte letztes Jahr ein Polizist aus Tokio, der sich ein Messer in den Bauch rammte, um endlich einmal nicht zur Arbeit zu müssen. Aber so weit werde ich es nicht kommen lassen. Deshalb mache ich jetzt Feierabend. Und schau lieber noch einmal in meiner Stammkneipe vorbei.

Bernhard Bartsch | 08. Januar 2008 um 23:39 Uhr

 

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