Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Das Gesicht der anderen

China beschwert sich über die Arroganz des Westens – dabei hat es sie längst kopiert.

Chinesen, so heißt es, dürfe man niemals ihr Gesicht verlieren lassen. Aber wie nehmen sie es eigentlich mit dem Gesicht von anderen? Auf der politischen Bühne gewinnt man derzeit den Eindruck, Chinas Regierung agiere ausgesprochen unchinesisch. Immer häufiger fallen Pekings Diplomaten durch unnötige Ruppigkeit auf: zuletzt gegen Japan, davor gegen die Mit-Anrainer im Südchinesischen Meer, und seit Jahren im Währungskonflikt gegen die ganze Welt. Ist dies das Gesicht der neuen Großmacht?

China will für andere Länder keine Bedrohung sein, wiederholen Pekings Politiker bei jeder Gelegenheit. Man verfolge eine Politik der „friedlichen Entwicklung“ und verweist darauf, dass vom Boom der Volksrepublik die ganze Weltwirtschaft und tausende ausländischer Unternehmen profitieren. Stimmt! Aber wie sollen die Nachbarn es nicht mit der Angst zu tun bekommen, wenn Peking Japan aus einer politischen Petitesse, der Festnahme eines Kapitäns, dessen Fischkutter in umstrittenem Gewässer zwei japanische Küstenwachschiffe gerammt hat, eine Staatsaffäre macht, in der alle hochrangigen politischen Kontakte abgesagt, antijapanische Gefühle mobilisiert und wichtige Rohstoffe blockiert werden? Wie können Chinas südostasiatische Nachbarn Vietnam, Malaysia, Brunei und die Philippinen sich keine Sorgen machen, wenn die Volksrepublik ihre Marine für Operationen in offener See aufrüstet und Flaggen in den Boden des Südchinesischen Meers pflanzt, um Ansprüche auf Gebiete anzumelden, die nach dem geltenden Seerechtsübereinkommen der Vereinten Nationen ihnen gehören? (Übrigens verhaftet China in den strittigen Seegebieten jährlich dutzende vietnamesische Fischer und lässt sie oft erst nach Monaten gegen Lösegeld wieder frei.). Und wie könnten der Welt keine Bedenken kommen, wenn China seit Jahren durch eine künstlich billige Währung den globalen Wettbewerb verzerrt – eine Politik, unter der vor allem andere Entwicklungs- und Schwellenländer leiden, deren Konkurrenzfähigkeit die Volksrepublik untergräbt?

Die Frage ist nicht, ob die Chinesen das Recht haben, auf dem internationalen Parkett für ihre eigenen Interessen zu kämpfen – selbstverständlich dürfen sie das, und sie brauchen dabei auch nicht weichere Bandagen anzulegen als andere Nationen. Die Frage ist jedoch, ob die derzeitige chinesische Strategie das Land dorthin führt, wo es hin will: zu mehr Wohlstand, stärkerem Einfluss und größerer internationaler Akzeptanz.

Warum kann China gegenüber Japan nicht leisere Töne anschlagen, mit den anderen Anrainern des Südchinesischen Meeres in Ruhe Kompromisse suchen und der Welt im Währungsstreit entgegen kommen? In Peking glaubt man, konsequent Härte demonstrieren zu müssen, weil China sonst vom Ausland nicht ernst genommen werde. Gleichzeitig ist es für die Chinesen zunehmend eine Form des Nationalstolzes, dem Rest der Welt Paroli zu bieten. Die Arroganz des Westens, insbesondere der USA, will sich China nicht länger gefallen lassen – und merkt dabei nicht, dass es sie längst kopiert hat.

Damit verliert die Volksrepublik nicht nur ihren Anspruch aus den Augen, einmal eine bessere Weltmacht zu werden – eine glaubwürdige Leitnation der armen Menschheitsmehrheit. Sie könnte auch eine gefährliche selbsterfüllende Prophezeiung heraufbeschwören: Je nachdrücklicher Peking anderen Ländern vorwirft, China eindämmen zu wollen, umso eher fühlen diese sich tatsächlich dazu genötigt. In Tokio, wo man vor kurzem noch mehr Selbständigkeit vom großen Bruder Washington anstrebte, sucht man plötzlich wieder die Nähe. In Vietnam sieht man sich inzwischen ebenfalls zu einer militärischen Allianz mit dem ehemaligen Kriegsgegner gezwungen. Und obwohl Amerikas globaler Führungsanspruch in immer mehr Ländern auf Widerstand stößt, so verfolgt die Welt doch mit gespannter Bewunderung, ob Washington in der Yuan-Frage tatsächlich den Showdown wagt, den der Kongress mit seinem jüngsten Strafzoll-Beschluss einzuläuten versucht, und zu dem kein anderer Staat bereit wäre.

Niemand kann mehr bezweifeln, dass China eine starke Weltmacht ist. Aber Stärke besteht nicht nur darin, dass man seine Härte unter Beweis stellt. China täte gut daran, anderen Ländern zu geben, was es selbst von ihnen einfordert: Gesicht.

Bernhard Bartsch | 01. Oktober 2010 um 05:52 Uhr

 

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