Bernhard Bartsch

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Das Ende der Nachsicht

Die Japaner haben ihren Regierungen viele Skandale verziehen. Nach der Erdbeben- und Atomkatastrophe braucht das Land endlich eine neue politische Vision.

Das Erdbeben in Japan, dessen verheerendes Ausmaß täglich größer wird, enthält eine Tragödie, einen Skandal und eine Erfolgsgeschichte. Die Tragödie zeigt sich in den Bildern und Nachrichten aus dem Norden des Landes. Dort ist die Naturkatastrophe in ihrer tückischen Kombination aus Erdbeben und Tsunami über die Menschen hereingebrochen, bevor sie der vom Meer heranrollenden Gefahr gewahr werden und sich in Sicherheit bringen konnten. Noch sind die Toten nicht gezählt, doch es dürften mehr als 10.000 sein, wobei für die Hinterbliebenen geteiltes Leid keineswegs halbes Leid bedeutet. Millionen japanische Küstenbewohner, deren Häuser diesmal verschont wurden, werden künftig in Angst leben, dass die nächste Flutwelle sie treffen könnte.

Auch die Katastrophe im Kernkraftwerk Fukushima ist eine Tragödie – schon jetzt für die Arbeiter und Anwohner, die hoher Strahlung ausgesetzt worden sind, im schlimmsten Fall bald für Millionen weiterer Menschen. Gleichzeitig ist die nukleare Bedrohung auch ein Skandal, denn alles weist darauf hin, dass die Betreiberfirma Tepco sowie die Regulierungsbehörden die Risiken nicht ernst genommen haben. Warnsignale gab es in den vergangenen Jahren reichlich. Immer wieder führten Erdbeben zu Störfällen und Lecks, doch die Verantwortlichen spielten die Pannen herunter und vertrauten darauf, dass ihre Systeme schon funktionieren würden, wenn es wirklich darauf ankäme. Nun wäre es darauf angekommen, und obwohl die Reaktorgebäude selbst den Erdstößen tatsächlich standhielten, erwiesen sich die Notstromsysteme für die Kühlung als Schwachstellen. Die Kraftwerkbetreiber, die der besorgten Öffentlichkeit stets erklärten, sie könne ihre hoch entwickelte Technik ohnehin nicht verstehen, waren der Komplexität ihrer Anlagen in Wirklichkeit selbst nicht gewachsen.

Dazu ist es nicht zufällig gekommen. Jahrzehntelang hatten Regierung und Energiekonzerne ein gemeinsames Interesse, die Kernenergie durchzusetzen. So wollte sich der ressourcenarme Inselstaat eine gewisse Unabhängigkeit von Rohstoffimporten erkaufen. Wie hoch der Preis von untertriebenen Risiken und mangelnder Transparenz ist, bekommt das Land jetzt auf schmerzlichste Weise zu spüren.

Doch so erschüttert die Japaner auf die Schreckensbilder aus den Tsunami-Gebieten blicken und so hilflos sie der Lage in Fukushima gegenüberstehen, so stolz können sie doch darauf sein, dass die Katastrophe auch eine Erfolgsgeschichte enthält. Die Zerstörung ist groß, aber sie wäre viel größer gewesen, wenn die Japaner die Bedrohung durch Erdbeben nicht seit Jahrzehnten zum Teil ihres Lebens gemacht hätten. In keinem Land wird erdbebensicherer gebaut, nirgends sind die Menschen besser auf den Ernstfall vorbereitet. Die Rettungsteams waren prompt einsatzbereit und die Versorgung der Opfer läuft so gut, wie man es sich in einer derartigen Ausnahmesituation wünschen kann. Auf jedes Todesopfer dürften mehrere Lebende kommen, die durch gute Vorbereitung vor Schaden bewahrt wurden.

Tragödie, Skandal, Erfolgsgeschichte: Das Land steht nun vor der Frage, wo es weitermacht. Die Japaner haben häufig unter Beweis gestellt, dass sie leidensfähig und schicksalsergeben sind. Nicht zuletzt deshalb haben sie ihrer Regierung in den vergangenen Jahrzehnten einen Skandal nach dem anderen verziehen. Doch stattdessen sollten sie die hohen Ansprüche, die sie an ihre Erdbebenvorsorge haben, künftig auch an ihre Politiker stellen. Japan braucht eine neue gesellschaftliche und politische Vision, und das nicht erst seit dem Erdbeben. Die Wirtschaft ist seit Jahren im Dauerkrisenmodus, die Verschuldung steigt ins Unermessliche, die Sozialsysteme sind den demografischen Herausforderungen nicht mehr gewachsen. Zwei verlorene Jahrzehnte hat das Land schon hinter sich; käme nun noch ein drittes hinzu, müsste Japan von einer ganzen verlorenen Generation sprechen.

Einen „New Deal“ brauche Japan deshalb, hat Premierminister Naoto Kan gefordert. Das ist die Rhetorik, die in jeder Krisensituation schnell zur Hand ist. Für den Moment mag das reichen. In einer Katastrophe sind Zuversicht und Durchhaltevermögen schließlich erste Bürgerpflicht. Doch schon bald werden sich die Japaner die Frage stellen müssen, wie ihr neuer Gesellschaftsvertrag aussehen soll. Dringend benötigt wird er allemal.

Bernhard Bartsch | 16. März 2011 um 00:00 Uhr

 

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