Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Das Duell der Enkel

Japans Spitzenkandidaten führen einen Generationen alten Familienwettstreit fort: Schon ihre Großväter rivalisierten um das Amt des Premierministers.

Japans Parlamentswahl am kommenden Sonntag ist ein Familienduell: Beide Spitzenkandidaten entstammen alten Politikerklans, die seit Generationen rivalisieren und nach dem Zweiten Weltkrieg schon einmal erbittert um das Amt des Premierministers stritten. Allen Prognosen zufolge dürfte der Sieger von damals auch diesmal gewinnen.

Alle Augen richten sich dieser Tage auf Yukio Hatoyama, den 62-jährigen Frontmann der Demokratischen Partei Japans (DPJ). Diese scheint drauf und dran, die 54-jährige fast ununterbrochene Herrschaft der Liberaldemokratischen Partei (LDP) von Amtsinhaber Taro Aso zu brechen. Doch der erwartete Triumph der DPJ dürfte eher ein Personal- als ein Systemwechsel sein. Denn Hatoyama ist nicht weniger tief im alten LDP-Klüngel verhaftet als Aso. Immerhin war sein Großvater Ichiro Hatoyama einer der Gründer der LDP. Der Erzrivale des alten Hatoyama war Nachkriegspremier Shigeru Yoshida, der Großvater Taro Asos. Yoshida, der 1946 Regierungschef wurde, konnte 1952 einen Putschversuch Hatoyamas abwehren, musste sich 1954 aber doch geschlagen geben. Ichiro Hatoyama regierte zwei Jahre. Dem Usus japanischer Politik entsprechend vererbte er seinen Parlamentssitz an seinen Sohn weiter, der es bis zum Außenminister schaffte. Dieser gab seine Position wiederum an seinen Sohn, den heutigen Spitzenkandidaten weiter. Yukio Hatoyama, der in Tokio Ingenieurswissenschaften studiert und an der US-Eliteuni Stanford promoviert hatte, zog 1986 für die LDP in die Volksvertretung ein.

Doch weil ihm die Seilschaften anderer Klans den Weg an die LDP-Spitze verstellten, brach er 1993 mit der Partei seiner Väter: Mit einer Gruppe von Rebellen verließt er die LDP. Es gelang den Abtrünnigen, eine Regierung zu zimmern, in der Hatoyama stellvertretender Kabinettsminister wurde. Nach zehn Monaten zerbrach die Koalition jedoch an internen Machtkämpfen und die LDP war wieder am Ruder. Seitdem arbeiteten die Ausbrecher der neu gegründeten DPJ daran, noch einmal das Monopol der Regierungspartei zu brechen. Hatoyama war dabei die rechte Hand von Parteichef Ichiro Ozawa. Erst als dieser im Mai über einen Spendenskandal stürzte, avancierte er vom Außenministerkandidat zur Nummer eins.

Ob Hatoyamas DPJ das politische Geschick, mit der sie ihren Rivalen an den Rand einer historischen Niederlage gedrängt hat, auch bei der Lösung von Japans Problemen an den Tag legen wird, wird bezweifelt – nicht zuletzt von den japanischen Wählern. Bei ihnen ist Hatoyama keineswegs populär – zum Sieger macht ihn nur die Unbeliebtheit seines Kontrahenten. Um das zu ändern, wirbt Hatoyama auf seiner Internetseite mit äußerst volkstümlichen Hobbys: Er spiele gerne Tennis, schaue Baseball und singe Karaoke, heißt es dort. Zu seinen sozialen Engagements gehören der Vorsitz der japanisch-russischen Gesellschaft sowie des Blindenhundvereins. Angesichts der politischen Dunkelheit, die Japan derzeit umgibt, eine treffende Metapher.

Bernhard Bartsch | 26. August 2009 um 02:20 Uhr

 

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