Bernhard Bartsch

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Dai Qing fliegt

Kritische Autorin reist auf eigene Kosten nach Frankfurt. Nach ihrer Ausladung von der Buchemesse-Konferenz will sie vom Publikum aus mitdiskutieren.

Trotz ihrer Ausladung von der Vorbereitungskonferenz der Frankfurter Buchmesse ist die kritische chinesische Autorin Dai Qing am Freitagmorgen auf eigene Kosten nach Frankfurt geflogen, um im Publikum daran teilzunehmen. „Keiner kann mich jetzt mehr daran hindern, auf dem Symposium meine Meinung zu sagen“, erklärte die 68-Jährige in einem Telefonat mit dem Autor, nachdem sie in Peking das Flugzeug bestiegen hatte.

Bei ihrer Ausreise habe es von Seiten der Behörden keinerlei Behinderung gegeben. Dabei hatte das Amt für Presse und Publikation (GAPP), das Chinas Gastlandauftritt bei der Frankfurter Buchmesse verantwortet und bei dem Symposium am kommenden Wochenende als Mitveranstalter auftritt, Dais Deutschlandreise verhindern wollen und damit gedroht, ihre 12-köpfige Delegation zurückzuziehen. Einige Mitglieder waren für die gleiche Maschine gebucht. Das Gastlandkomitee hat bisher nicht öffentlich zu dem Fall Stellung genommen, so dass noch unklar ist, ob Peking die Veranstaltung wie angekündigt platzen lassen wird.

Bis kurz vor dem Abflug war unklar, ob die in China mit Publikationsverbot belegte Autorin, die sich seit den Achtzigern vor allem als Investigativjournalistin zu Umweltthemen einen Namen gemacht hat, tatsächlich würde ausreisen können. „Am Freitagmorgen hat man mir am Flughafen mitgeteilt, dass mein von der Frankfurter Buchmesse gebuchtes Ticket storniert worden ist“, erklärte Dai.

Dabei habe die Lufthansa ihr noch am Nachmittag zuvor versichert, dass ihr Platz weiter reserviert sei. „Ich habe der Lufthansa Anweisungen gegeben, keine Stornierung zuzulassen“, so Dai. Trotzdem sei das Ticket um 17:58 Uhr chinesischer Zeit (11:58 deutscher Zeit) gesperrt worden. Sie könne nicht sagen, ob die Frankfurter Buchmesse ihren Trip im letzten Moment habe verhindern wollen, oder ob ein technischer Fehler vorliege. Eigentlich hatte die Buchmesse schon am Mittwoch, als eine Visumserteilung für Dai sehr unwahrscheinlich aussah, die des Tickets in Auftrag gegeben.

Erst am Donnerstagnachmittag hatte Dai von der deutschen Botschaft in Peking ein Expressvisum erhalten – obwohl die Buchmesse keine neue Einladung hatte schicken wollen, nachdem GAPP die erste Ausführung am Montag kurzerhand einkassiert hatte. „Nun musste ich aus eigener Tasche 14.000 Yuan (1400 Euro) für ein neues Ticket ausgegeben“, erklärte Dai. „Aber das Geld gebe ich gerne aus, um gegen willkürlichen Machtmissbrauch zu demonstrieren.“ Sie wies darauf hin, dass sich mit Büchern in China nur ein Bruchteil dieser Summe verdienen ließe.

Chinesische Autoren könnten deswegen in der Regel nur an der Frankfurter Buchmesse nur auf Einladung teilnehmen. Die 130-köpfige Autorendelegation, die im Rahmen des Gastlandauftritts vom 14. bis 18. Oktober nach Frankfurt kommt, bestehe deshalb fast ausschließlich aus linientreuen Schriftstellern. Prominente, aber kritische Literaten wie etwa der für den Nobelpreis gehandelte Yan Lianke müssen dagegen daheim bleiben.

Bernhard Bartsch | 11. September 2009 um 10:41 Uhr

 

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