Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

RSS Home | Archiv | ImpressumKontakt

Chuzpe statt Change

Chimerica muss warten: Peking will keinen Schulterschluss mit Washington – und beschert Obama eine der größten Pleiten seines ersten Präsidentschaftsjahres.

„No, you can’t“ – das ist die Botschaft, die Barack Obama kurz vor Ende seines ersten Präsidentschaftsjahres aus China erhalten hat. Bei den Klimaschutzverhandlungen in Kopenhagen bescherte Peking dem international gefeierten Politsuperstar eine seiner schmerzlichsten Pleiten: Nicht nur verweigerte Chinas Premier Wen Jiabao Obama den erhofften Minimalkompromiss und zeigte dem sogenannten „mächtigsten Mann der Welt“ die engen Grenzen seines Handlungsspielraums auf. Peking ließ es sich offenbar auch nicht nehmen, Obama entgegen aller sprichwörtlichen chinesischen Höflichkeit das Gesicht zu nehmen. Wenn stimmt, was frustrierte Gipfelteilnehmer im Nachhinein schilderten, so verweigerte Wen dem Amerikaner zunächst ein Treffen, ließ ihn dann eine halbe Stunde warten und verwies ihn schließlich an zweitrangige Diplomaten.

Der Affront von Kopenhagen ist Ausdruck des neuen chinesischen Selbstbewusstseins. Die Volksrepublik fühlt sich inzwischen stark genug, um den USA die Rolle der globalen Leitnation streitig zu machen. Dass Obama Amerikas Strahlkraft erneuern und neue Allianzen schmieden will, hat ihm in Peking mehr Gegner als Anhänger beschert. Obwohl die beiden Großmächte einander diplomatisch als „strategische Partner“ bezeichnen, ist die Rivalität offener denn je. Kursierten zu Beginn von Obamas Präsidentschaft noch Ideen von einer amerikanisch-chinesischen Doppelspitze der Weltpolitik, wahlweise „Chimerica“ oder „G2“ genannt, so zeigt sich nun, wie unterschiedlich die Interessen sind, nicht nur im Klimaschutz, sondern etwa auch bei der Reform des Finanzsystems oder der Einflussverteilung in internationalen Organisationen, von Handelsstreitigkeiten und Menschenrechtsdisputen ganz zu schweigen.

Doch so tief die politische Kluft auch sein mag: Die wirtschaftliche Verflechtung bindet beide Staaten enger an einander, als ihren Regierungen womöglich lieb ist. Die Volksrepublik braucht die USA als Absatzmarkt für seine Exportindustrie, den wichtigsten Motor des chinesischen Wirtschaftswunders. Andersherum verdanken die USA den Chinesen ihr noch immer hohes Konsumniveau: einerseits wegen der billigen chinesischen Produkte, andererseits, weil die Volksrepublik durch den Kauf von US-Staatsanleihen Washingtons Defizit mitfinanziert. Da Obama ein System geerbt hat, das zu einem großen Teil vom Schuldenmachen lebt, wird über den Erfolg seiner Präsidentschaft nicht zuletzt in Peking entschieden.

Bernhard Bartsch | 19. Januar 2010 um 09:53 Uhr

 

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.