Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Chinesische Tonleiter

Angela Merkel wählt in China die richtigen Worte – doch ganz ohne Dissonanzen geht es nicht.

Der Moment, den alle gefürchtet haben, kommt am Samstagvormittag kurz vor halb elf. Über eine Stunde sitzen Kanzlerin Angela Merkel und Chinas Premier Wen Jiabao schon auf unbequemen Antikmöbeln im „Pavillon der Purpurnen Wolke“ in der alten Kaiserstadt Xian und beantworten Fragen deutscher und chinesischer Unternehmern.

Die Stimmung ist gelöst, besonders auf chinesischer Seite. Unter Gelächter hat der Großreeder Wei Jiafu Merkel gefragt, warum der Ausbau des Hamburger Hafens nicht vorankomme – in der Volksrepublik ist man an ein strafferes Entwicklungstempo gewöhnt. Der Werkzeugfabrikant Xiang Wenbo hat ebenfalls für Heiterkeit gesorgt, als er forderte, chinesischen Investoren in Deutschland Sondervergünstigungen einzuräumen – schließlich seien die Anreize für Ausländer in China so gut, dass er selbst regelmäßig Geld ins Ausland schaffe, um es dann von dort aus in seiner Heimat zu investieren. „Stimmt, so läuft das“, lacht Premier Wen, dem das ironische Bekenntnis zu dubiosen Geschäften Freude zu bescheren scheint.

Auch die Deutschen sind auf ihre Kosten gekommen, etwa als Merkel dem Reeder geraten hat, mit seinen großen Schiffen lieber Wilhelmshaven anzusteuern, weil es mit der Elbvertiefung nicht einfach werde, solange in Hamburg die Grünen mitregieren. Oder als sie dem Werkzeugfabrikanten mit ein paar Gegenfragen das Eingeständnis abluchste, dass Deutschland auch ohne Sonderkonditionen ein starker Standort sei. Doch nun hat die Kanzlerin das Schlusswort und schlägt plötzlich eine andere Tonart an: Unverblümt fasst sie noch einmal die Sorgenthemen der deutschen Wirtschaft zusammen, die Siemens-Chef Peter Löscher, BASF-Vorstand Jürgen Hambrecht und Unternehmer Jürgen Heraeus aufs höflichste verpackt vorgetragen hatten: dass geistiges Eigentum in China schlecht geschützt wird, dass der Protektionismus zunimmt, dass deutsche Unternehmen sich zunehmend diskriminiert fühlen. „Ich habe Sorge, dass es wirklich gute Zugangsbedingungen zu Rohstoffen gibt“, sagt Merkel und bezweifelt damit offen, dass Wen die Wahrheit gesagt hat, als er wenige Minuten vorher genau das versprochen hatte. Die Atmosphäre im Saal ist auf einmal frostig, Wens Dauerlachen friert ein, einige schauen betreten zu Boden. „Da hat die Kanzlerin übertrieben, so direkt darf man das in China nicht sagen“, meint hinterher ein deutscher Manager. „Das war einfach nicht der richtige Ton.“

Der richtige Ton – von nichts hängt es mehr ab, ob im deutsch-chinesischen Verhältnis Musik ist oder Dissonanz. Ohne den schiefen Ton im „Pavillon der purpurnen Wolke“ wäre Merkels vierter China-Besuch als Kanzlerin wohl ein perfektes diplomatisches Konzert geworden. Zwei Tage lang versuchte sie bei Chinas Führung das Vertrauen zurückzugewinnen, dass sie nach ihrem Empfang des Dalai Lamas im Kanzleramt im September 2007 verspielt zu haben schien.

Mehr als acht Stunden verbrachte sie mit Regierungschef Wen, daneben traf sie Präsident Hu Jintao und Vizepräsident Xi Jinping, der 2012 wohl an die Spitze des Staates rücken dürfte. In der Pekinger Parteihochschule sprach sie mit ranghohen Beamten und in der deutschen Botschaft mit kritischen Intellektuellen – ein diplomatisches Kürprogramm fernab der Berliner Koalitionsgefechte, das Merkel sichtlich zu genießen schien. Deutsche und chinesische Diplomaten sind sich einig, dass das Verhältnis so gut ist wie seit Jahren nicht und die Visite ein außerordentlicher Erfolg.

Daran ändert auch der Moment der Verstimmung in Xian nichts – obwohl gerade er zeigt, dass die Beziehungen längst nicht so einfach sind, wie es die politische Inszenierung erscheinen lässt. So sehr beide Seiten die Offenheit des Umgangs hervorheben, so schnell ist die gute Laune dahin, wenn die Dinge allzu deutlich beim Namen genannt werden. Dabei gibt es reichlich Probleme, vor allem wirtschaftlich: Einer Studie der EU-Handelskammer haben immer mehr europäische Unternehmen in China das Gefühl, dass Peking seine Märkte gegen ausländische Konkurrenz abschottet und fairen Wettbewerb verhindert. Doch je mehr Chinas wirtschaftlicher und politischer Einfluss wächst, umso leichter fällt es dem Land, ausländische Kritik zu ignorieren, oder sie so elegant an sich abperlen zu lassen, wie Wen es in Xian vormachte: Solange deutsche Unternehmen weiter in China investierten, könnten die Bedingungen ja nicht so schlecht sein, argumentierte er.

Obwohl sich die Chinesen auch in Zukunft kaum davon werden abhalten lassen, ihre eigenen Interessen durchzusetzen, dürfe man sie nicht als Partner in wichtigen internationalen Fragen verlieren, meinen deutsche Diplomaten. Schon wird darüber nachgedacht, welches Potential eine Achse Berlin-Peking haben könnte. In vielen Fragen hätten beide Seiten ein gemeinsames Interesse, ein Gegengewicht zu den USA aufzubauen, etwa beim Klimaschutz oder bei der Reform des internationalen Finanzsystems. Sogar ein gemeinsames Pilotprojekt zum zivilen Wiederaufbau in Afghanistan wird hinter verschlossenen Türen vorbereitet. Ob Deutsche und Chinesen eines Tages gemeinsam afghanische Polizisten, Richter oder Finanzbeamte ausbilden? Es wäre ein Novum in den Beziehungen, gewissermaßen eine zusätzliche Oktave auf der deutsch-chinesischen Tonleiter.

Bernhard Bartsch | 18. Juli 2010 um 02:08 Uhr

 

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