Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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„Chinesen sind es gewohnt, die besten zu sein“

Der Pekinger Regierungsberater Yan Xuetong über die chinesisch-amerikanische Rivalität, konfuzianische Außenpolitik und Chinas Supermachtstatus.

Bernhard Bartsch: Professor Yan, trotz des gespannten Verhältnisses zwischen China und den USA reist Präsident Hu Jintao zum Atomsicherheitsgipfel nach Washington. Hat Peking dem amerikanischen Druck nachgegeben?

Yan Xuetong: Nein, die Initiative kam aus dem Weißen Haus. Obama hat kürzlich auf eigene Anregung ausführlich mit dem neuen chinesischen Botschafter getroffen. Auf dieses Gespräch hat China sehr positiv reagiert.

Der Konfrontationskurs mag damit fürs erste beendet sein, aber die Konflikte um Tibet, Taiwan, Währungsmanipulation oder Internetzensur bleiben ungelöst. In Peking ist immer häufiger der Vorwurf zu hören, Obama betreibe eine antichinesische Eindämmungspolitik.

Ich glaube nicht, dass Obama grundsätzlich die Eindämmung Chinas verfolgt – eine solche Strategie hätte in der heutigen globalisierten Welt auch keine Erfolgsaussichten. Aber seine Politik enthält einige Eindämmungselemente. Zum Beispiel hält er am Waffenembargo gegen China fest.

Damit reagierten die Amerikaner und Europäer 1989 auf das Tiananmen-Massaker.

Das ist ein Versuch, China militärisch zu isolieren. Deshalb ist das chinesisch-amerikanische Verhältnis sehr kompliziert: Im sozialen und kulturellen Bereich sind wir Freunde und ökonomisch sind wir Partner. Aber politisch sind wir Rivalen und im Sicherheitsbereich Wettbewerber.

Eine echte Freundschaft, wie sie Obama zu Beginn seiner Präsidentschaft beschworen hat, ist also unmöglich?

China und die USA haben bestenfalls eine oberflächliche Freundschaft. Es geht ständig auf und ab, und daran wird sich vorerst auch nichts ändern lassen. Unsere politischen Systeme funktionieren eben ganz unterschiedlich. Die amerikanische Chinapolitik ist stark von der aktuellen nationalen Interessenlage gesteuert. Im Moment ist es für Obama wichtig, dass China am Atomsicherheitsgipfel teilnimmt, also hat er sich um eine Annäherung bemüht. Für Chinas Politik stehen dagegen immer eher grundsätzliche strategische Fragen im Vordergrund.

Wenn es Teil der chinesischen Strategie ist, westliche Politiker von Treffen mit dem Dalai Lama oder Waffenverkäufen an Taiwan abzuhalten, war die chinesische Außenpolitik in den letzten Jahrzehnten aber nicht besonders erfolgreich.

Mit dem Beginn der Reformen im Jahr 1978 hat unsere Regierung beschlossen, die wirtschaftlichen Interessen vor unsere Sicherheitsinteressen zu stellen. Meiner Meinung nach sollte sich das ändern.

Was soll das heißen?

Der Schutz des chinesischen Territoriums, des chinesischen Regimes und des chinesischen Volkes sind nationale Kerninteressen. Und je mehr Wirtschaftsinteressen wir in anderen Ländern haben, umso wichtiger wird es, auch diese militärisch absichern zu können. Aber bisher fehlen der Volksbefreiungsarmee dafür die Kapazitäten.

Sie fordern also eine stärkere Aufrüstung.

Ja. Internationale Beziehungen werden letztlich immer von Sicherheitsfragen entschieden. In den vergangenen 30 Jahren haben wir der Modernisierung des Militärs zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Erst in der letzten Zeit hat sich das begonnen zu ändern.

Dann dürfte es Sie aber nicht wundern, dass andere Länder Chinas Aufstieg zunehmend als Bedrohung wahrnehmen?

Ich weiß, dass weltweit viel darüber geredet wird, ob China zu einer Kopie der USA wird – oder vielleicht zu einer noch schlechteren Art von Supermacht. Die Frage ist sehr berechtigt. Aber Chinesen und Amerikaner haben eine sehr unterschiedliche Definition von ihren internationalen Interessen. Die USA finden, die ganze Welt solle dem amerikanischen Modell folgen, und betrachten Regimewechsel wie im Irak als Teil ihrer Sicherheitsinteressen. China hat dagegen kein Interesse daran, die Regierungen oder politischen Systeme anderer Länder zu ändern. Das entspricht nicht der konfuzianischen Philosophie, die sagt: Wenn ihr von uns lernen wollt, unterrichten wir euch, aber wir drängen uns nicht auf.

Wie würde denn eine konfuzianische Supermacht agieren?

Führung beruht immer auf Macht und Moral. Ohne Moral kann sich keine Führung lange halten.

In Sachen Moral steht China aber heute alles andere als vorbildlich da.

Die Moral ist in China heute tatsächlich ein sehr ernstes Thema. Die Polarisierung in China ist gravierend, und die Korruption ein riesiges Problem. Die Anbetung des Geldes hat unsere traditionellen Werte unterwandert. Unsere große Herausforderung besteht deshalb darin, wieder auf den richtigen Weg zurückzufinden. Unsere Regierung ist sich dessen sehr bewusst.

Aber solange sie es nicht gelöst hat, muss der Westen doch skeptisch bleiben, ob China es mit seinem Slogan eines „friedlichen Aufstiegs“ ernst meint.

China hat doch gar keine andere Wahl, als eine Strategie des friedlichen Aufstiegs zu verfolgen. In einer Welt mit Atomwaffen kann sich keine Nuklearmacht mehr einen Krieg mit einer anderen Nuklearmacht leisten, denn das würde das Ende der gesamten Menschheit bedeuten. Atomwaffen sind heute ein Garant des Friedens. Deshalb hat unsere Regierung die Grundsatzentscheidung gefällt, dass Chinas Wiederaufstieg friedlich verlaufen muss, basierend auf dem Wettbewerb von Ideen, Technologie und Wirtschaftskraft.

Was Innovationen und Wirtschaft angeht, wird Chinas Strategie aber auch nicht gerade als friedlich wahrgenommen.

Friede ist klar definiert: Friede heißt keine Tötungen. Handelskriege sind keine echten Kriege, sondern Wettbewerb, und der ist etwas Positives. Die Welt profitiert vom Wettbewerb zwischen China und den USA, auch wenn er hart ist und sich die Verlierer schlecht fühlen.

Und warum wirkt China so sicher, dass es nicht zu den Verlierern gehören wird?

Weil wir Chinesen es historisch gewohnt sind, die besten zu sein. Und warum sollten wir uns heute mit weniger zufrieden geben als unsere Vorfahren?

ZUR PERSON

Yan Xuetong, 57, gehört zu Pekings einflussreichsten Politikberatern und gilt als Verfechter eines aggressiveren chinesischen Auftretens auf der Weltbühne. Yan studierte Politikwissenschaften am Pekinger Institut für Internationale Beziehungen und promovierte an der Universität Berkeley.

Heute ist er Leiter der Fakultät für Internationale Studien an der Pekinger Elite-Hochschule Tsinghua und hat daneben Funktionen in zahlreichen chinesischen Think Tanks. 2008 nahm das US-Magazin „Foreign Policy“ Yan in seine Liste der hundert einflussreichsten Intellektuellen der Welt auf.

Bernhard Bartsch | 09. April 2010 um 03:14 Uhr

 

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