Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Chinas verbotene Bücher

Der Hongkonger Verleger Bao Pu veröffentlicht Enthüllungsbücher über die Kommunistische Partei. Leser sind vor allem Chinas Eliten.

Der Bucheinband landet gleich im Papierkorb. Er zeigt einen älteren Herren mit einer mächtigen Hornbrille und einem Gesichtsausdruck, der zwischen Spott und Sorge liegt. Die Kundin weiß, dass sie mit seinem Bild lieber nicht im chinesischen Zoll auffallen sollte. Also schnell weg damit.

Der ältere Herr auf dem Bild ist Zhao Ziyang, der ehemalige Vorsitzende von Chinas Kommunistischer Partei. Weil er im Jahr 1989 dagegen war, die Volksbefreiungsarmee auf die friedlich demonstrierenden Studenten auf Pekings Platz des Himmlischen Friedens schießen zu lassen, ist sein Name in der Volksrepublik aus den Geschichtsbüchern verbannt. Doch im Buchladen des Hongkonger Flughafens sind seine Memoiren ein Bestseller. „Die Kunden sind alle Chinesen aus der Volksrepublik“, erzählt die Verkäuferin. „Viele kommen vor dem Abflug ganz gezielt zu uns, um Bücher zu kaufen, die in China verboten sind.“

Davon kann sie ein ganzes Regal voll anbieten: Geschichtsbände über die Mao-Zeit, Erinnerungen an die Kulturrevolution und kritische Biographien über die derzeitige Parteiführung. Der größte Renner sei in diesen Wochen „Chinas größter Schauspieler Wen Jiabao“, eine Satire über den Premierminister. „Der Autor, Yu Jie, steht in Peking unter Hausarrest“, sagt die Buchhändlerin, was aus ihrem Mund wie Werbung klingt. Auch Bücher über den inhaftierten Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo verkaufen sich gut. „Verstecken Sie das Buch aber lieber in Ihrer dreckigen Wäsche“, rät sie den Kunden fürsorglich. Sie weiß, dass Chinas Grenzer sich nicht gerne die Hände schmutzig machen.

Dass die ehemalige britische Kronkolonie Hongkong auch 13 Jahre nach ihrer Rückkehr unter Pekings Hoheit noch immer weitgehende Pressefreiheit genießt, hat sie zur heimlichen Hauptstadt der chinesischen Regimekritiker gemacht. Hier darf offen gedruckt werden, was in der Volksrepublik nur im Privaten gesagt oder im Stillen gedacht werden kann, weshalb viele chinesische Besucher in Hongkong zu erfühlen versuchen, wie es wohl wäre, in einer Demokratie zu leben.

Was sie dabei erleben, verdanken sie Menschen wie Bao Pu, einem dynamischen 44-Jährigen, dessen Verlag mit dem Namen „New Century Press“ einige der spektakulärsten Titel auf dem Tisch der verbotenen Bücher herausgebracht hat. „Unsere Nische sind vor allem Erinnerungen hoher Politiker, die bei wichtigen Ereignissen der chinesischen Geschichte dabei waren, aber sich nicht offen darüber äußern dürfen“, sagt Bao. „Wenn die Menschen wüssten, wie sich vieles tatsächlich abgespielt hat, hätte die Partei ein gewaltiges Legitimationsproblem.“

Pensionierte Kader, die im Interesse der Wahrheit gegen Pekings Schweigegebot verstoßen, gibt es viele. „Die Partei ist kein homogener Apparat, in dem alle gleichermaßen stillhalten wollen“, weiß Bao. „Ich bekomme zwanzigmal mehr Angebote, als ich drucken kann.“ Viele Manuskripte werden ihm heimlich zugespielt, und zum Druck wählt er aus, was Pekings Geschichtskonstrukt am meisten erschüttert. „Die Partei hat zu allen Geschehnissen ihre eigene Version und hofft, dass die Zeitzeugen sterben, bevor sie diese anfechten können“, meint der Verleger. „Wir wollen verhindern, dass die Regierung damit durchkommt.“

Sein größter Coup gelang Bao im Mai vergangenen Jahres, als er wenige Wochen vor dem 20. Jahrestag des Tiananmen-Massakers die Memoiren des damaligen Parteichefs Zhao Ziyang herausbrachte. Zhao, der nach seinem Sturz unter Hausarrest gestellt wurde, hatte dort seine Erinnerungen heimlich auf Kassette gesprochen. Seine Rekapitulation der Tragödie ist eine bittere Abrechnung mit dem bis heute unantastbaren Parteigranden Deng Xiaoping und Ex-Premier Li Peng, denen er die Schuld für das Blutbad gibt.

„Deng zeichnete sich unter den Parteiältesten immer dadurch aus, dass er die Nützlichkeit der Diktatur betonte“, so Zhao in seinem Buch. „Wenn er von Stabilität sprach, sprach er automatisch auch von diktatorischen Mitteln.“ Zhao selbst plädierte dagegen leidenschaftlich dafür, den wirtschaftlichen Reformen auch politische folgen zu lassen. „Das westliche parlamentarische Demokratiesystem hat sich als das lebhafteste erwiesen“, kommentiert Zhao. „Es ist derzeit das Beste, das es gibt.“

Nach Zhaos Tod im Jahr 2005 schmuggelten Vertraute die Bänder außer Landes, wo Bao sie transkribierte und unter dem Titel „Gefangener des Staates “ veröffentlichte. Das Buch verkaufte sich bisher 180 000 Mal, wobei die meisten Exemplare am Flughafen verkauft wurden – ein Indiz dafür, dass ihre Käufer aus der Volksrepublik stammen. Außerdem sei das Manuskript hunderttausendfach im Internet heruntergeladen und als Raubkopie auf dem chinesischen Schwarzmarkt verbreitet worden, sagt Bao, der es gerne hört, wenn man seinen Verlag mit der Enthüllungsplattform Wikileaks vergleicht. „Ich gehe davon aus, dass ein großer Teil der Leser Systeminsider sind, denn die interessieren sich schließlich am meisten für solche Interna.“

Bao weiß, wie Chinas Eliten denken. Er entstammt der Pekinger Nomenklatura – und hat mit dieser seine eigenen offenen Rechnungen. Sein Vater Bao Tong gehörte einst zu den Vordenkern der chinesischen Reformbewegung und den engsten Mitarbeitern von Zhao Ziyang.
Weil Bao Tong wie auch sein Chef mit den Tiananmen-Demonstranten sympathisierte, wurde er zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt und war damit der ranghöchste Kader, der wegen seiner Unterstützung für die Studenten ins Gefängnis musste. „Heute lebt mein Vater unter ständiger Überwachung“, sagt Bao, der seinerzeit selbst Teil der Protestbewegung war und nach der Niederschlagung in die USA ging, bevor er dann nach Hongkong kam.

Heute helfen die familiären Beziehungen, Kontakte zu System-Insidern zu bekommen, die ihre Version der Geschichte erzählen wollen. Dass dies nicht nur alte Freunde seines Vaters sind, zeigte sich Anfang des Jahres, als Verleger Bao ein Manuskript von Zhao Ziyangs altem Gegenspieler zugetragen bekam: ein Tiananmen-Tagebuch von Ex-Premier Li Peng. Dieser wollte von der Geschichte offenbar nicht die Schuld für das Massaker zugeschoben bekommen und versuchte deshalb seinerseits, die Verantwortung auf Deng Xiaoping abzuwälzen. „Li hat sieben Jahre lang versucht, seine Sicht der Dinge in China zu veröffentlichen, aber die Parteispitze hat es ihm verboten“, erzählt Bao.
So habe schließlich selbst der ausgewiesene Hardliner den Weg ins freie Hongkong gewählt. Allerdings platzte die Veröffentlichung bei New Century Press im letzten Moment, weil kurz vorher bereits im chinesischen Internet eine Version von Lis Tagebüchern auftauchte – die eingescannte Version eines Leseexemplars, das der ehemalige Premier einem Pekinger Politbüromitglied geschickt hatte. „Jemand aus dessen Familie hat das gefunden und weitergegeben“, erzählt Bao. Er ist überzeugt: „Das zeigt, wie selbstverständlich in den chinesischen Eliten über Themen gesprochen wird, die in der Öffentlichkeit tabu sind.“

Bao macht sich keine Illusionen, dass seine Bücher allein ausreichen würden, um China zu demokratisieren. Doch der stetig steigende
Verkauf am Hongkonger Flughafen zeigt, dass Chinas Eliten mehr nachdenken, als der Partei lieb ist. Auch für sein nächstes Buch rechnet Bao mit gutem Absatz: Am 10. Dezember, dem Tag der Friedensnobelpreisverleihung, veröffentlicht er ein neues Buch mit Texten von Liu Xiaobo. „Eine Revolution wird der Nobelpreis nicht auslösen“, meint Bao, „aber die Evolution wird er beschleunigen.“

Bernhard Bartsch | 04. Dezember 2010 um 10:55 Uhr

 

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