Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

RSS Home | Archiv | ImpressumKontakt

Chinas Stilberaterin

Von Mao zu Missoni: Angelica Cheung erteilt als Chefredaktorin der chinesischen «Vogue» ihren Landsleuten Nachhilfeunterricht in Mode.

Die erste Modenschau des Tages sieht Angelica Cheung morgens im Lift. 25 Stockwerke fährt sie bis zur höchsten Etage von «Corporate Avenue», einem Schanghaier Büroturm, aus dem Weltkonzerne den Chinamarkt zu erobern versuchen. Es ist ein Wolkenkratzer, in dem die Gewinner des Wirtschaftswunders zur Arbeit gehen. Eine Frau kommt im schwarzen Hosenanzug, eine andere im roten Abendkleid. Ein Mann bestreitet den Tag in massgeschneidertem Kaschmir. «Die Chinesen geben viel Geld für Mode aus, aber stilistisch sind sie noch sehr unsicher», meint Cheung. «Wie sollte es auch anders sein? China ist von Karl Marx direkt zu Karl Lagerfeld gesprungen. Die Menschen hatten keine Zeit zu lernen, wie man sich anzieht.»

Aber dafür gibt es ja sie: Angelica Cheung, 39, Bob-Frisur, Chanel-Outfit, Prada-Tasche, Goldhandy von Dolce & Gabbana, ist Chefredaktorin der chinesischen Ausgabe von «Vogue». Ihr Credo: «Mode ist eine internationale Sprache, und unsere Aufgabe ist es, sie den chinesischen Frauen beizubringen.» Die Nachfrage nach den Lektionen aus dem Zentralorgan der Modewelt ist beträchtlich. Seit August 2005 ist «Vogue» in der Volksrepublik am Start und verkauft für 20 Yuan (3,15 Franken) Monat für Monat 300000 Exemplare. In jedem Heft finden sich über hundert Werbeseiten à 20000 US-Dollar. Gemessen an der Auflage ist «Vogue China» bereits die zweitgrösste der weltweit 16 «Vogue»-Ausgaben.

Seht her, ich bin reich

Der Erfolg der Stil-Bibel zeigt, wie viele Chinesen es mittlerweile zu Wohlstand gebracht haben. Zwar liegt Chinas durchschnittliches Pro-Kopf-Einkommen mit 14000 Yuan (2200 Franken) pro Jahr noch immer auf dem Niveau eines Schwellenlandes. Doch inzwischen gibt es über drei Millionen Yuan-Millionäre (158000 Franken) und gut 250000 Dollarmillionäre, die im Volksmund «Baofahu» heissen: «explosionsartig reich Gewordene». Ein Begriff, in dem mitschwingt, dass der Reichtum nicht immer ehrlich erarbeitet ist. Da viele Wohlhabende ihre Jugend noch im System sozialistischer Einheitslöhne verbracht haben, wo materielles Glück in der propagierten Dreifaltigkeit aus Fernseher, Kühlschrank und Waschmaschine gipfelte, mangelt es ihnen häufig an Phantasie, um ihr Geld in Lebensqualität umzuwandeln. Viele richten sich bizarre Paradiese ein und leben in Wohnanlagen, die «Dollar Mountain» oder «Drachenturm» heissen und mit Plastic-Dinosauriern ausgestattet sind.

Luxus bedeutet für die neuen Reichen, genau auf den Preis zu schauen und dann das Teuerste zu kaufen. Von Understatement keine Spur. «Westliche Kunden bevorzugen diskreten Luxus», meint Claire Kent, Analystin der Investmentbank Morgan Stanley, «Chinesen haben lieber bekannte Logos, die rufen: Seht her, ich bin reich.» Alle grossen Markenunternehmen buhlen um die «Goldkrägen», wie Marktforscher die chinesischen Reichen nennen. Nach einer Studie der Investmentbank Goldman Sachs machte China 2004 zwölf Prozent des weltweiten Umsatzes mit Luxusgütern aus; 2010 könnten es 20 Prozent sein. «Die Kaufkraft wächst sehr schnell, aber trotzdem haben wir es noch mit einem unterentwickelten Markt zu tun», sagt Cheung und zeigt auf ihre Bürowand, wo die schon fertigen Seiten der Dezemberausgabe hängen. «Das Thema ist Weihnachten», erklärt sie. «Das wird in China zwar nicht gefeiert, aber die Leute gehen zu Christmas-Partys, und deshalb müssen wir ihnen erklären, was Weihnachten ist, was es bedeutet und was man dazu trägt.»

Wer sich auskennt, sieht sofort, dass hier nicht «Vogue France» oder «Vogue Italia» entsteht, sondern «Vogue China», und das, obwohl nur ein Bruchteil der Models Asiatinnen sind. Aber während in Europa oder Amerika die neuesten Kollektionen in Szene gesetzt werden, finden sich in China lange Strecken mit Archivbildern, Zeichnungen und Textblöcken. «Hier muss man alles im Detail erklären und historische Vergleiche heranziehen. Weil das für viele noch nicht reicht, geben wir auch ein paar konkrete Kleider-Tipps», erklärt Cheung. Sie wühlt in einem Stapel auf ihrem Schreibtisch und zieht eine alte Ausgabe mit dem Titel «Sixties Chic» hervor. «Im Westen sind die Sechziger Retro, aber für Chinesen ist das neu», erklärt sie und blättert durch Bilder von den Beatles und Andy Warhol, Mary Quant und Twiggy. «Als das Mode war, hatten wir die Kulturrevolution.»

Eines der ersten Bilder, das Cheung von sich selbst besitzt, stammt aus jener Zeit. Sie ist fünf Jahre alt, schwenkt Maos kleines Rotes und trägt ein Kleid, das auch Jacky Kennedy ihren Kindern hätte anziehen können. «Mein Vater war Diplomat und hatte Zugang zu internationalen Zeitschriften», erzählt sie, «und meine Grossmutter hat das dann kopiert.» Die väterlichen Privilegien wurden der Familie zum Verhängnis. Die Roten Garden schickten den Vater zur Landarbeit; er starb an den Folgen der Misshandlung, als Cheung neun Jahre alt war.

Nach der Kulturrevolution

Weltoffen blieb die Familie trotzdem. Ihre Mutter liess sie Englisch lernen. Nach einem Jurastudium an der Pekinger Universität zog sie mit 23 nach Hongkong, wo sie als Journalistin für englischsprachige Zeitungen arbeitete und nach wenigen Jahren zur Ressortleiterin aufstieg. «Auf Modejournalisten habe ich damals etwas hinabgeschaut», gesteht sie heute. Doch dann übernahm sie die Leitung eines lokalen Modemagazins, wurde bald Chefredaktorin der Hongkonger Ausgabe von «Marie Claire», zog weiter zur chinesischen «Elle», bevor sie die neue «Vogue» aus der Taufe hob. «Inzwischen sehe ich die Modewelt mit anderen Augen», sagt sie. «Wir sind zwar keine Doktoren, die Leben retten, oder Anwälte, die für Gerechtigkeit kämpfen. Aber wir helfen Menschen, dass sie sich selbstbewusster fühlen. Mode ist Teil eines besseren Lebens.»

Allem Glamour zum Trotz ist Cheungs Arbeitsplatz bescheiden. Sie sitzt in einer engen Vier-mal-vier-Meter-Wabe, umgeben von Magazinen, importiertem Evian-Wasser und einem Playmobil-Männchen, das Karl Lagerfeld darstellt. Der Tischkalender zeigt Prinzessin Diana. Zwar sind zwei Sektionen im Heft den chinesischen Designern vorbehalten, doch bisher spielen diese kaum eine Rolle. In Trendsetter-Manier hat Cheung den einheimischen Designern nun eine Tür aufgestossen: Sie kreierte den «Schanghai-Chic», eine Hommage an die zwanziger Jahre, als die Huangpu-Stadt schon einmal eine Weltstadt war. «Jetzt redet die ganze Branche vom Schanghai-Chic», erklärt Cheung stolz.

Erschienen in: NZZ am Sonntag, 26. November 2006

Bernhard Bartsch | 26. November 2006 um 17:26 Uhr

 

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.