Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Chinas Sorgenkinder

Die Angst chinesischer Eltern um ihren Nachwuchs wächst, seit sich Entführungen, Impfskandale und Unfälle häufen. Der Staat versagt.

Vierte Stunde. „Ethik und Moral“ steht auf dem Unterrichtsplan. Die Achtklässler der Pekinger Chen-Jinglun-Schule springen zackig von ihren Pulten auf und verbeugen sich tief. „Guten Morgen, Frau Lehrerin“, rufen sie im Chor, stehen einen Moment lang stramm wie ein Paradebataillon und schnellen dann zurück in die Bänke. „Wir behandeln heute ein sehr aktuelles Thema“, verkündet die Lehrerin. Mit einem Mausklick erscheint ein Video auf einer Leinwand, ein Ausschnitt der Hauptnachrichten von vor wenigen Tagen: In der Provinz Gansu ist ein Minibus mit Kindergartenkindern verunglückt. In dem für neun Personen zugelassenen Fahrzeug befanden sich 62 Kinder, 19 von ihnen starben, die übrigen wurden verletzt. „Auf Kinder wie euch lauern in der heutigen Gesellschaft viele Gefahren“, sagt die Lehrerin und wendet sich mit ihrer Kreide der Tafel zu. „Deshalb diskutieren wir in dieser Stunde die Frage: Wie können wir uns vor Gefahren schützen?“ Die Schüler schlagen im Akkord ihre Notizbücher auf.

Die Achtklässler gehören wohl zu den am besten behüteten Kindern Chinas. Die Shen-Jinglun-Schule ist eine der renommiertesten der Hauptstadt, gelegen in unmittelbarer Nachbarschaft von Ministerien, Botschaften und teuren Büroadressen. Doch auch hier stehen Lehrer, Eltern und Kindern im Bann einer Debatte, die das Land seit einigen Jahren beschäftigt und alle paar Wochen neue Wellen schlägt: Wie sicher sind Chinas Kinder? Dass am Schultor bewaffnete Wachmänner postiert sind, ist das Ergebnis einer Serie von Schulhof-Attentaten, die das Land im vergangenen Jahr in Atem hielten. Die Bauarbeiten in den Gebäuden wiederum sind eine Reaktion auf das verheerende Sichuan-Erdbeben von 2008, bei dem Tausende Kinder in maroden Schulhäusern ums Leben kamen. Und in den Handys, die viele Schüler mit sich herumtragen, sind Polizeihotlines gespeichert, weil immer wieder Entführungen Schlagzeilen machen.

Mit jedem neuen Unglück wächst in der Bevölkerung das Gefühl der Bedrohung und es wächst der Druck auf die Regierung, die Sicherheit der Kinder zu garantieren. Denn obwohl die Chinesen ihren Politikern gewöhnlich mit desillusionierter Anspruchslosigkeit gegenüberstehen – bei ihren Kindern hört die Leidensfähigkeit auf.

„Was sollte man machen, wenn man in ein Auto gezerrt und entführt wird?“, fragt die Lehrerin die achte Klasse. Aus dem starren Frontalunterricht wird schnell eine hitzige Diskussion. „Man sollte laut schreien, damit einen jemand hört“, sagt ein Mädchen. „Wer weint und schreit verschwendet seine Energie“, widerspricht ein Junge, „man sollte lieber ruhig bleiben und die Entführer beobachten.“ Einer seiner Mitschüler will aus dem fahrenden Auto springen, ein anderer stimmt zu, aber nur, wenn draußen Felder sind, in denen man sich verstecken könnte. Ein Mädchen will mit Klopfzeichen „SOS“ morsen. Die Klasse lacht.

Um die eigentliche Frage, die chinesische Medien und vor allem die weniger staatlich überwachten Internetforen beschäftigt, macht die Stunde jedoch einen weiten Bogen: Wie kann es sein, dass in China die staatlichen Kontrollmechanismen dort nicht greifen, wo es der Gesellschaft am wichtigsten ist? Denn die Mehrzahl der beunruhigenden Vorfälle sind nicht einfach Unfälle oder alltägliche Tragödien, sondern Skandale, die auf ein krasses Versagen des Staates zurückzuführen sind – was die Kommunistische Partei nach Kräften zu verbergen versucht.

Die Liste der Fälle ist lang. Anfang der Woche berichteten Medien über den Ausbruch von Hepatitis C unter Kindern in den Provinzen Henan und Anhui. Auslöser waren infizierte Injektionsnadeln. 160 Kinder wurden bei einem Schnelltest positiv getestet. Der Fall erinnert an einen Impfskandal im vergangenen Jahr, als in der Provinz Shaanxi mindestens vier Kinder starben und 74 erkrankten, weil sie unsachgemäß gelagerte Impfstoffe gespritzt bekommen hatten. Die Regierung reagierte wie so häufig mit Zensur. Die Berichterstattung über den Fall wurde unterdrückt und die Journalisten der Pekinger Zeitung, die den Skandal aufgedeckt hatten, wurden entlassen. Doch in Internetforen kursiert das Thema weiter. Viele Chinesen sorgen sich seither, wenn ihre Kinder geimpft werden.

Ähnlich verlief der wohl bekannteste Skandal um verseuchtes Milchpulver, bei dem 2008 rund 300 000 Babys erkrankten und mindestens sechs starben. Kriminelle hatten Milchlieferungen mit Wasser gestreckt und die Industriechemikalie Melamin beigemischt, um einen erhöhten Eiweißgehalt vorzutäuschen, was bei Kindern Nierensteine auslöste. Um Chinas internationales Image während der Olympischen Spiele in Peking nicht zu gefährden, vertuschten die Behörden den Fall monatelang. Nachdem eine Zeitung dennoch darüber berichtet hatte, wurden die Verantwortlichen zwar in einem Schauprozess zu hohen Strafen verurteilt. Doch gleichzeitig wurden die Familien daran gehindert, bei Gerichten Schadensersatzklagen einzureichen. Der Vater eines erkrankten Mädchens, der im Internet eine Selbsthilfegruppe betroffener Eltern gründete, wurde wegen „Anstiftung von öffentlichem Aufruhr“ zu einer Gefängnisstrafe verurteilt.

Auch der kritische Künstler Ai Weiwei, den Chinas Behörden unter dem Vorwand der Wirtschaftskriminalität mundtot zu machen versuchen, engagierte sich in einem Kinderskandal: Als sich die Regierung nach dem Erdbeben in der Provinz Sichuan weigerte, die Einsturzursachen der zerstörten Schulen transparent zu untersuchen und die Zahl der getöteten Kinder zu veröffentlichen, organisierte er per Internet eine Bürgerinitiative, die ihre eigenen Nachforschungen anstellte. Innerhalb weniger Wochen konnte er den Tod von über 5 000 Kindern nachweisen. Das Internet ist Schlüsselmedium für die öffentliche Sorge um Chinas Kinder geworden. Dass viele Paare wegen der Geburtenplanungspolitik nur ein Kind haben dürfen, schürt die Panik. Das hat nicht nur emotionale Gründe. Ein großer Teil der chinesischen Eltern sind im Alter auf das Einkommen ihres Kindes angewiesen, weil sie keine oder nur wenig Rente bekommen. Die Familie ist in China noch immer das wichtigste Sozialsystem.

Doch auch darüber wird in der achten Klasse nicht gesprochen. Stattdessen zeigt die Lehrerin einen Filmausschnitt, in dem Premier Wen Jiabao verspricht, als Reaktion auf das Minibusunglück in Gansu schnell neue Gesetze zu erlassen. Zum Abschluss der Stunde stellt sie ihren Schülern noch eine Hausaufgabe: Über ihr neu erlerntes Wissen zum Selbstschutz sollen sie einen Aufsatz schreiben. Oder, wenn sie lieber wollen, auch ein Gedicht.

Bernhard Bartsch | 02. Dezember 2011 um 02:48 Uhr

 

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