Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Chinas schmutziges Geheimnis

Zwanzig Jahre nach dem Tiananmen-Massaker schweigt die Partei die Tragödie noch immer tot. Chinas junge Intellektuelle interessieren sich gerade deshalb dafür.

Die Touristen kommen kurz vor Sonnenaufgang. Mit einheitlichen Schirmmützen steigen sie aus ihren Bussen und folgen den Fähnchen der Reiseleiter, die per Megafon lustlos Erklärungen aufsagen: 40 Hektar, größter gepflasterter Platz der Welt, hier das Denkmal der Revolutionshelden, dort das Mausoleum des Vorsitzenden Mao. Im Westen die Große Halle des Volkes, im Norden das Tor des Himmlischen Friedens. Dann erschallt Musik, tausende Besucher drängen sich um den Flaggenmast, an dem Soldaten in Paradeuniformen eine rote Fahne befestigen und zum Klang der Nationalhymne in die Höhe ziehen. „Steht auf, seid kein Volk von Sklaven mehr“, singen einige mit.

Am Ende wird applaudiert, manche reiben sich die Augen trocken. „Jeder Chinese träumt davon, einmal im Leben in Peking auf dem Platz des Himmlischen Friedens zu stehen und unsere rote Flagge aufsteigen zu sehen“, sagt eine pensionierte Lehrerin aus der mittelchinesischen Provinz Shaanxi. „Dieser Ort ist das Herz unseres Landes.“

Wohl kaum einer der chinesischen Touristen, die sich an diesem Morgen zum Flaggenritual versammelt haben, denkt an die Tragödie, die sich vor 20 Jahren auf dem Platz abspielte. Viele der Jüngeren dürften noch nie in ihrem Leben von dem sogenannten „6-4-Ereignis“ gehört haben, die Älteren haben es häufig vergessen oder verdrängt. Denn dass in der Nacht zum 4. Juni 1989 die Volksbefreiungsarmee in der Hauptstadt aufmarschierte und schätzungsweise bis zu 3000 Studenten tötete, die wochenlang friedlich für mehr politische Mitbestimmung demonstriert hatten, ist bis heute Chinas bestverschwiegenes historisches Ereignis. Seit 20 Jahren arbeitet der Zensurapparat der Kommunistischen Partei daran, die öffentliche Erinnerung daran auszulöschen. Keine Zeitung darf darüber berichten, kein Historiker dazu forschen, keine Bibliothek die ausländischen Magazine von damals archivieren. Wer das Thema in der Öffentlichkeit anspricht, riskiert harte Strafen – wegen des Verrats von Staatsgeheimnissen.

Doch Geschichtsklitterung ist auch nicht mehr, was sie einmal war. In früheren Jahrhunderten konnten Chinas Kaiser noch nach Belieben die Geschichte ihrer eigenen Herrschaft umschreiben, aber heute spielt die Unterdrückungsmaschine der KP nur auf Zeit. Die eigenen Medien mag sie in der Hand haben, doch im chinesischen Internet lassen sich die Informationen trotz aller Zensurmechanismen längst nicht mehr vollständig unterdrücken – ganz zu schweigen vom Ausland, wo das Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens, dem Tiananmen, als Schlüsselerlebnis des modernen China wahrgenommen wird. Über Blogs und geschmuggelte Bücher sickert die Erinnerung nach China zurück, und auch wenn die Massen davon nichts mitbekommen, wird das Thema bei Studenten, Intellektuellen und kritischen Geistern heimlich, aber heiß diskutiert.

„Dass die Partei das Tiananmen-Ereignis bis heute so konsequent tabuisiert, macht es erst richtig spannend“, sagt ein einflussreicher chinesischer Blogger, der sich als bissiger Kommentator des chinesischen Zeitgeschehens einen Namen gemacht hat, über das Massaker aber nur im Vertrauen redet. Über die Gräuel der Kulturrevolution oder die Hungersnot in Zeiten des Großen Sprungs dürfe man heute relativ offen reden, nicht jedoch über den 4. Juni. „Das kann doch nur eines bedeuten“, sagt er: „Beim Thema Tiananmen kann man die allerschmutzigsten Geheimnisse der Kommunistischen Partei finden.“

Was zu Chinas schmutzigstem Geheimnis wurde, begann als offenes Geheimnis. „Mitte der 80er Jahre gab es in der Partei eine große Debatte darüber, ob China nach den Wirtschaftsreformen auch eine politische Neuerung wagen solle“, erzählt Wu’er Kaixi, 41, der vor 20 Jahren einer der Anführer der Studentenproteste war. Nach der Niederschlagung der Bewegung floh er ins Ausland und lebt heute im taiwanesischen Exil, wo er als Investmentbanker arbeitet. „Der Richtungskampf wurde nicht offen ausgetragen, aber jeder wusste davon. Wenn man in einer Diktatur lebt, lernt man schließlich, zwischen den Zeilen zu lesen.“ Als Kopf des Reformerflügels in der Partei galt der damals 73 Jahre alte Hu Yaobang, dessen Tod – ein Herzinfarkt – am 15. April 1989 zum Auslöser der Studentenbewegung wurde.

„Schon kurz nachdem die Meldung von Hus Tod verbreitet wurde, gab es auf dem Campus die ersten Plakate“, erinnert sich Wu’er. Einige trugen die Aufschrift „Der Falsche ist gestorben“. Die Studenten hätten lieber Chinas mächtigsten Mann, Deng Xiaoping, im Grab gesehen, der zwar wirtschaftlich liberalen Ideen zugeneigt war, politisch aber fest an militärische Strukturen glaubte.

Die Campuskundgebungen wuchsen sich schnell zu Protestzügen aus. Als Hu eine Woche nach seinem Tod beerdigt wurde, setzten sich über 100 000 Studenten zu einer Mahnwache auf den Tiananmen-Platz – und entschieden, dort zu bleiben, bis die Regierung zu einem Dialog mit ihnen bereit sei. „Unsere Forderungen waren keineswegs radikal“, sagt Wu’er. „Wir wollten weder die Kommunistische Partei stürzen noch ein Mehrparteiensystem einführen, sondern einfach nur mit der Führung darüber reden, was aus unserem Leben und unserem Land einmal werden würde.“

Der Unmut des Volkes traf die Parteiführung unvorbereitet und weckte bei den Konservativen um Deng Xiaoping und Premierminister Li Peng Erinnerungen an die Anarchie der Kulturrevolution, als das Land nur noch durch Maos gefährliches Charisma zusammengehalten worden war. Als sich die Studenten nach einem Monat noch immer nicht zum Rückzug bewegen ließen, befahl Deng aus Angst vor landesweiten Unruhen, einen Militäreinsatz vorzubereiten. Widerspruch gegen den Armeeaufmarsch wagte nur einer: Parteichef Zhao Ziyang, der die Studenten mit Zugeständnissen und einem offiziellen Dank für ihr politisches Engagement an die Universitäten zurückloben wollte. Für seinen Ungehorsam musste Zhao den Rest seines Lebens unter Hausarrest verbringen.

„Im Nachhinein kann einem unsere Aktion natürlich ziemlich naiv vorkommen“, sagt Han Dongfang. „Gewalt ist in China schließlich immer das Gesetz gewesen.“ Der heute 46-Jährige war als Arbeiterführer zu den Studenten gestoßen und hatte die Unabhängige Pekinger Arbeiterunion gegründet, Chinas erste freie Gewerkschaft. Nach der Niederschlagung der Proteste brachte ihn das zusammen mit den Studentenführern auf die Liste der 20 meistgesuchten Kriminellen. Er stellte sich freiwillig, „der Würde wegen“, wie er sagt. Ohne Gerichtsverfahren wurde er ins Arbeitslager geschickt, wo er eine Lungenentzündung bekam, die ihn einen Lungenflügel und fast das Leben kostete. 1992 durfte Han auf internationalen Druck zur Behandlung ausreisen.

Als er ein Jahr später wieder zurückwollte, wurde er an der Grenze abgewiesen. Seitdem lebt er in Hongkong. „Ich glaube, dass die Partei damals eine historische Chance verspielt hat, sich für eine Form von Rechtsstaat und Zivilgesellschaft zu öffnen“, sagt Han. „Chinas größte Probleme, etwa die Korruption oder die Ausbeutung von Arbeitern, hätten sich damals noch viel leichter in den Griff bekommen lassen als heute.“

Han ist einer der wenigen 89er-Aktivisten, für die der Kampf um Veränderungen zu einer lebenslangen Aufgabe geworden ist. Von seinem schmucklosen Büro in einem grauen Hongkonger Mietshaus aus führt er die Arbeiterrechtsorganisation China Labour Bulletin. An der Wand hängt ein Foto von einer weißen Maobüste in einer verwucherten Landschaft. Wo das Bild herkommt, wisse er nicht mehr, sagt Han, aber ein politisches Statement sei das herumliegende Haupt auf keinen Fall. Rebellionssymbole seien nicht mehr sein Stil. „Abstrakte Debatten nützen nichts“, sagt er.

Stattdessen hilft er Arbeitern in China, ihre gesetzlich festgeschriebenen Rechte einzufordern, etwa indem er ihre Fälle in seinem Radioprogramm auf dem US- Kurzwellensender Radio Free Asia behandelt – der über die Grenze nach China ausstrahlt – oder Anwälte finanziert. „Wer sein Recht bekommen will, darf nicht auf die Partei oder das System schimpfen, sondern muss sie für seine Zwecke zu nutzen lernen“, sagt Han über den Äther, und dann beginnt er zu erklären, was im chinesischen Arbeitsrecht steht und wie ein Gerichtsverfahren funktioniert. Wörter wie „Demokratie“ oder „Menschenrechte“ vermeidet er. „Die Partei soll sehen, dass sie keine Angst vor mir haben muss, sondern dass ich ihre Bemühungen um mehr Stabilität unterstütze“, sagt Han. „Ich weiß, ich bin ein kleiner Träumer.“

Träume hat auch Ding Zilin. Albträume. „Jedes Jahr um den 4. Juni kommen sie wieder“, sagt die 73-Jährige. Man sieht ihr an, dass sie lange nicht mehr gut geschlafen hat. Die ehemalige Professorin verlor vor 20 Jahren ihren Sohn Jiang Jielian. Heute kämpft die Gründerin der Organisation „Tiananmen-Mütter“ für eine offizielle Entschuldigung der Regierung. Seit 1995 schreibt sie zweimal im Jahr an die Führung. Ihr erster Brief hatte 27 Unterzeichnerinnen; inzwischen sind es 129. Eigentlich hatte sie es zum 20. Jahrestag auf 200 Namen bringen wollen, doch die Zahl derer, die bereit sind, sich um der Toten willen auf einen Dauerkonflikt mit der Regierung einzulassen, ist geringer, als sie gedacht hat.

„Früher habe ich immer geglaubt, dass die Partei sich eines Tages zu ihrem Fehler bekennen würde“, sagt Ding. „Aber die Führung hat sich all die Jahre keinen Millimeter bewegt, und ich weiß nicht, ob ich den Tag miterleben werde, an dem in China offen über den 4. Juni gesprochen werden kann.“ Mit ihrem Kampf hat sich Ding gesellschaftlich isoliert. Selbst viele ihrer ehemaligen Nachbarn und Kollegen haben sich von ihr distanziert. „Sie wechseln die Straßenseite, wenn sie mich sehen“, sagt Ding. Anerkennung bekommt sie nur aus dem Ausland. Schon mehrfach wurden die Tiananmen-Mütter für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen.

In einer Ecke ihres Wohnzimmers hat Ding einige Auszeichnungen aufgestellt, daneben hängt ein gerahmtes Foto ihres Sohnes, das ihn 1989 mit einer Fahne an der Spitze eines Protestmarsches zeigt. Davor stehen Blumensträuße, und auf einem Regal liegt ein Stück der Berliner Mauer. Ein Bekannter hat es ihr aus einem Souvenirladen am Brandenburger Tor mitgebracht. Ding sieht darin eine bittere Symbolik: 1989 war weltweit das Schicksalsjahr des Kommunismus. Nur in China fiel es aus.

Erschienen in: Der Tagesspiegel, 04. Jun 2009

Bernhard Bartsch | 04. Juni 2009 um 02:02 Uhr

 

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