Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Chinas Schicksalsfrage

Die Bevölkerung konsumiert zu wenig und spart lieber. Ökonomen fordern ein neues Entwicklungsmodell.

Wenn Chinas Wirtschaftspolitiker schlaflose Nächte haben, ist es wegen Menschen wie He Kecheng. Der Pekinger Ladenbesitzer und seine Familie konsumieren zu wenig, jedenfalls viel weniger, als es sich die Regierung wünscht. Von den rund 12 000 Yuan (1 500 Euro), die He und seine Frau monatlich verdienen, wandert die Hälfte auf ein Sparkonto statt in die Kassen von Geschäften oder Restaurants. Dabei glauben die Staatsökonomen, dass es in Hes bestem Interesse sei, mehr Geld auszugeben: Würden die Chinesen stärker konsumieren, bekäme die Konjunktur neuen Schwung und alle würden reicher, He Kecheng eingeschlossen. Soweit die Theorie.

Wenn He Kecheng schlaflose Nächte hat, ist es wegen Chinas Wirtschaftspolitikern. Denn nach Jahren, in denen es für seinen Elektronikladen beständig bergauf ging, stagniert das Geschäft. Gleichzeitig wird das Leben in der Hauptstadt immer teurer, und in den kommenden Jahren sieht der Mittvierziger eine regelrechte Kostenlawine auf sich zurollen. „Die Ausbildung unserer Kinder verschlingt eine Menge Geld“, sagt der zweifache Vater. Außerdem müssen er und seine Frau, eine Universitätsdozentin, ihre alten Eltern unterstützen. „Was ist, wenn einer von uns plötzlich krank wird?“, fragt sich He. „Ohne Ersparnisse wären wir dann aufgeschmissen. Deshalb leben wir lieber sparsam.“ Soweit die Praxis.

Wie konsumfreudig oder sparsam Chinesen wie He Kecheng sind, ist für die Volksrepublik eine Schicksalsfrage – und dass Theorie und Praxis weit auseinanderliegen, ein ernsthaftes Problem. Beim Parteitag der Kommunistischen Partei, der am 8. November in Pekings Großer Halle des Volkes beginnt und eine neue Führung ins Amt heben soll, ist Chinas wirtschaftlicher Kurs deshalb das Schlüsselthema, allen Kaderskandalen und Machtkämpfen zum Trotz. Denn das Ein-Partei-System, das nur noch dem Namen nach kommunistisch ist, legitimiert sich vor allem durch den dramatischen Boom, der China seit Anfang der 1980er von einem armen Entwicklungsland zur zweitgrößten Volkswirtschaft der Erde gemacht hat.

Doch nun geht die Phase stürmischen Wachstums zu Ende, und die „fünfte Politikergeneration“ um den designierten Präsidenten Xi Jinping steht vor der Aufgabe, in kurzer Zeit ein neues Entwicklungsmodell durchzusetzen, das nachhaltiger, umweltfreundlicher und sozialer ist als das alte. Neu ist die Forderung nicht. Schon Xis Vorgänger und Vorvorgänger sprachen davon, dass Chinas Wirtschaft sich aus der Abhängigkeit von billigen Exportwaren, teuren Infrastrukturprojekten und ökologischem Raubbau befreien müsse und verstärkt auf Binnenkonsum, Hochtechnologie und Umweltschutz setzen sollte. Doch über Ankündigungen und einige Vorzeigeprojekte ist der Systemumbau bisher nicht hinausgekommen. Und mittlerweile tickt die Uhr.

China bleiben nur noch wenige Jahre, um einen Kurswechsel zu vollziehen, der nicht weniger fundamental wäre als die epochemachende Reformpolitik, mit der Deng Xiaoping China einst vom kommunistischen Weg auf den kapitalistischen lenkte, mahnt die Weltbank in ihrer Studie „China 2030“. Gelingt dies, könne die Volksrepublik in den kommenden zwei Jahrzehnten die USA als größte Wirtschaftsmacht überholen. Andernfalls drohe die Wirtschaft in die sogenannte Falle der mittleren Einkommen zu geraten und an Dynamik zu verlieren, bevor sich der Wohlstand in die Mitte der Gesellschaft ausbreiten konnte. Der Politologe Ding Xueliang von der Hong Kong University of Science and Technology, formuliert es deutlicher: „Chinas Entwicklungsmodell hat sein Verfallsdatum erreicht, und wenn das Land kein neues findet, können die Fortschritte der letzten Jahrzehnte schnell wieder verloren gehen.“

Große Worte. Doch hinter den makroökonomischen Szenarien steckt letztlich nichts anderes als der Versuch, die Lebensentscheidungen von Menschen wie He Kecheng vorherzusehen und nach Kräften zu lenken. Was bräuchte es, damit er sein Geld bereitwilliger in den Konsum steckt? „Obwohl unser Leben heute viel besser ist als früher, sind wir das Gefühl von Unsicherheit nie losgeworden“, sagt der Mittvierziger. Krankheitsfälle etwa können eine Familie leicht in den Ruin treiben, weil die Krankenkassen stets nur einen Teil der Kosten übernehmen. Doch ein staatliches Gesundheitssystem zu etablieren, das alle Chinesen gegen Schicksalsschläge absichert, übersteigt Chinas Finanzkraft bisher bei Weitem. Die städtischen Angestellten sind dabei noch vergleichsweise gut versorgt, weitaus besser jedenfalls als die Menschen auf dem Lande, wo noch mehr als die Hälfte der Chinesen lebt.

Ähnliche Unsicherheit verbreitet die Altersvorsorge. Zwar wird Hes Frau als Universitätsangestellte einmal eine Rente bekommen, doch ihr Mann ist als Ladenbesitzer auf die eigenen Ersparnisse angewiesen. „Allerdings bieten die Staatsbanken nur niedrige Zinsen“, sagt He. „Angesichts der Inflation verliert unser Guthaben ständig an Wert.“ Nach ökonomischer Theorie sollten geringe Zinsen die Menschen zwar ermutigen, ihr Geld nicht auf der Bank liegen zu lassen, sondern mehr auszugeben. Doch He zieht daraus, wie viele Chinesen, den gegenteiligen Schluss, dass es um die Wirtschaft des Landes nicht gut stehe und er sein Geld mehr denn je zusammenhalten solle.

Durchschnittlich 38 Prozent ihres Einkommens parken Chinesen auf Sparkonten. Infolgedessen ist die chinesische Wirtschaft heute mehr denn je auf die Wachstumsmotoren angewiesen, die es eigentlich austauschen will: Exporte und Investitionen. Dabei hat die Krise in Europa, den USA und Japan die Nachfrage in den wichtigsten Absatzmärkten für Made-in-China-Produkte abgekühlt, und viele Infrastrukturmaßnahmen scheinen nicht mehr nur der Modernisierung des Landes, sondern zunehmend der Arbeitsbeschaffung zu dienen. Nur 35 Prozent der chinesischen Wirtschaftskraft stammt heute aus dem Privatkonsum. Vor zehn Jahren waren es noch 45 Prozent. In Europa macht die Binnennachfrage dagegen 57 Prozent der Wirtschaft aus, in den USA sogar 71 Prozent.

Dabei sind diejenigen Chinesen, die vor der Frage „Sparen oder konsumieren?“ stehen, die privilegierte Minderheit. Die meisten sind noch immer weit vom Mittelschichtniveau entfernt. Zwar haben alle Chinesen vom Boom der vergangenen Jahrzehnte profitiert. Doch der Vergleich mit der Vor-Reform-Ära ist längst nicht mehr der Maßstab, an dem die Chinesen ihr eigenes Leben messen. „Die Menschen wollen teilhaben an dem Reichtum, der inzwischen im ganzen Land sichtbar ist“, sagt der bekannte Blogger und Systemkritiker Li Chengpeng. „Aber bisher kommt der Wohlstand viel zu wenigen zugute.“

Die Kluft zwischen Arm und Reich, die Peking eigentlich schließen will, wachse beständig, sagt Wang Xiaolu vom National Economic Research Institute, einem unabhängigen Think Tank: „Die reichsten zehn Prozent des Landes haben mittlerweile 65 mal mehr als die ärmsten zehn Prozent.“ Dieser Unterschied sei dreimal so groß, wie die Regierung in ihren offiziellen Statistiken eingestehe. Das Gefälle führt zu sozialen Spannungen, die sich täglich in Hunderten lokaler Proteste und hitziger Internetdebatten entladen. Die grassierende Korruption tut das ihrige, um das Vertrauen in das System zu unterwandern.

In Peking ist man sich der Probleme durchaus bewusst. Der scheidende Präsident Hu Jintao klagt rituell über den „Mangel an Gleichgewicht, Koordination und Nachhaltigkeit“. Die Weltbank hat für die künftige Regierung einen ganzen Katalog von Empfehlungen geschrieben, wie die neue Reformpolitik aussehen müsse: Es brauche mehr Privatwirtschaft und offenere Märkte, besseren Patentschutz und stärkere Sozialsysteme.

Die Vorschläge decken sich weitgehend mit dem, was China auch in seinem jüngsten Fünfjahresplan vorsieht. Doch die Umsetzung ist schwer. Durch den Boom sind mächtige Interessengruppen entstanden, die ihre Privilegien nicht aufgeben wollen: einflussreiche Staatsbetriebe, die den Wettbewerb mit der Privatwirtschaft und ausländischer Konkurrenz scheuen; reiche Stadtbewohner, die sich vor einem Ansturm der armen Landbevölkerung fürchten; skrupellose Fabrikbesitzer, denen Umwelt- oder Sozialstandards gleichgültig sind. Ob China vor einer Phase der Stagnation oder neuer Reformen steht, ist deshalb ungewiss. „Das System ist so undurchsichtig und über die neue Führung ist so wenig bekannt, dass niemand wirklich weiß, was zu erwarten ist“, sagt Hu Xingdou, Ökonom am Beijing Institute of Technology.

Ladenbesitzer He Kecheng hat seine eigene Vision von der Zukunft. Wohlstand herrsche in China erst dann, wenn die Chinesen nicht mehr nur an Geld und Arbeit denken würden. „Als Kind wollte ich Musiker werden, aber mein Vater, der bei der Armee war, hat es mir verboten“, erzählt He. Heute lässt er seine Tochter täglich Klavier üben. Das gehe zwar nicht ohne Zwang, gibt er zu. „Aber eines Tages, wenn sie Zeit hat, sich den schönen Seiten des Lebens zu widmen, wird sie mir danken.“ Noch ist das Theorie. Aber vielleicht wird es ja Praxis.

Bernhard Bartsch | 31. Oktober 2012 um 11:11 Uhr

 

Ein Kommentar

  1. Prima Beitrag, danke!

    23. Juli 2013 um 07:23

    Des Pudels Kern mit Sach- und Menschenverstand informativ & unterhaltsam dargestellt – bravo und danke.