Bernhard Bartsch

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Chinas Ochsentour ins neue Jahr

250 Millionen Chinesen reisen zum traditionellen Neujahrsfest in ihre Heimat. Der Schwarzhandel mit Fahrkarten ist dabei ein Milliardengeschäft.

Das Jahr des Ochsen beginnt für Zhou Xiaofeng mit einer wahren Ochsentour. Sechs Stunden hat sie an diesem Morgen bei Minusgraden am Pekinger Hauptbahnhof angestanden, um ein Ticket in ihr Heimatdorf in der südchinesischen Provinz Zhejiang zu kaufen. „Am Ende habe ich nur einen Stehplatz bis Shanghai bekommen“, sagt die 30-jährige Wanderarbeiterin, die in der Hauptstadt Kleidung verkauft. Die Fahrt wird eine ganze Nacht dauern, und da Zhou im Zug eng eingezwängt stehen wird, will sie nicht nur ihrem dreijährigen Sohn, sondern auch sich selbst Windeln anlegen. In Shanghai wird sie dann erneut durch die Menschenmassen vor den Ticketschaltern kämpfen müssen, um Karten für das letzte Drittel ihrer Reise zu erhalten. „In den letzten Jahren habe ich mir den Stress erspart und bin ich zum Neujahrsfest in Peking geblieben“, sagt Zhou. „Aber weil meine Eltern ihren Enkel noch nie gesehen haben, will ich endlich wieder einmal nach Hause fahren.“

Dabei kann Zhou sich glücklich schätzen. Millionen Chinesen werden es nicht rechtzeitig zum Frühlingsfest in ihre Heimat schaffen, das nach dem traditionellen Mondkalender am 26. Januar beginnt und unter dem Tierkreiszeichen des Ochsen steht. Wie jedes Jahr löst Chinas wichtigstes Familienfest auch diesmal eine Völkerwanderung aus, die wohl die größte der Welt ist. Über 250 Millionen sind laut offiziellen Angaben auf Reisen; jeder fünfte Chinese arbeitet fern seines Heimatortes. Das Transportsystem gerät damit an seine Grenzen: 188 Millionen Menschen reisen mit der Bahn, 24 Millionen mit dem Flugzeug, 31 Millionen mit dem Schiff und mehrere Millionen sind mit Überlandbussen unterwegs. Das Reiseaufkommen ist dieses Jahr noch größer als in den Vorjahren, nachdem vergangenes Jahr eine Schneekatastrophe viele Menschen an der Rückfahrt hinderte. Die Wirtschaftskrise tut ein ihres, um den Menschenstrom in die ländlichen Gebiete anschwellen zu lassen: Weil die Jobs in den Städten rarer werden und zahlreiche Fabriken schließen müssen, zieht ein Teil der Wanderarbeiter zurück aufs Land. „Die Löhne sind in den vergangenen Monaten gesunken, obwohl das Leben in der Stadt immer teurer wird“, sagt ein Bauarbeiter aus der Provinz Hebei, der am Pekinger Bahnhof für ein Ticket ansteht. „Nach dem Neujahrsfest werde ich erst einmal zuhause bleiben.“ Schließlich verheiße das Jahr des Ochsen traditionell den Bauern viel Gutes, tröstet er sich.

Doch noch ist sein Acker weit. Seit Ende vergangener Woche steht er vergeblich an. Jeden Tag werden nur bestimmte Kartenkontingente verkauft. Ein beträchtlicher Teil davon ist nicht am Schalter erhältlich, sondern landet auf dem Schwarzmarkt. Obwohl Lautsprecherdurchsagen die Passagiere davor warnen, Tickets von den zahlreichen Händlern zu kaufen, die Reiseziele murmelnd durch die Reihen streifen, ist es ein offenes Geheimnis, dass viele Bahnhofsangestellte mit der Fahrkartenmafia gemeinsame Sache machen. Vergangene Woche ging der Polizei in Südchina eine Schwarzhändlerbande in die Fänge, die 60.000 Karten weiterverkaufen wollte, in der Regel für das doppelte des aufgedruckten Preises. So ist der Schwarzhandel ein Milliardengeschäft, und seine Strippenzieher sind bis in die höchsten politischen Kreise vernetzt. Selbst Eisenbahnminister Liu Zhijun steht im Verdacht, an dem Chaos auf seinen Bahnhöfen mitzuverdienen. Sein Bruder Liu Zhixiang, selbst ein ranghoher Eisenbahnbeamter in der Provinz Hubei, wurde 2006 wegen Korruption zum Tode verurteilt, nachdem er mit Fahrkartenschieberei über vier Millionen Euro ergaunert hatte. Dass Minister Liu trotz der Fehltritte seines Bruders im Amt bleiben durfte, gilt vielen Chinesen als Beweis für den Filz im politischen System.

So gibt es denn auch reichlich Spott, dass die Transportbehörden ihrerseits das Neujahrsgedränge nutzen, um von der Zentralregierung mehr Mittel einzufordern. Schuld an den Fahrkartenengpässen sei der mangelnde Ausbau des Schienennetzes, ließ Eisenbahnminister Liu letzte Woche verkünden. In den vergangenen drei Jahrzehnten sei die Gesamtstrecke lediglich um die Hälfte auf rund 80.000 Kilometer verlängert worden. Das Straßennetz sei dagegen um ein vielfaches gewachsen. Tatsächlich kann Liu im Rahmen des Pekinger Konjunkturpakets nach dem Frühlingsfest auf staatlich finanzierte Großinvestitionen hoffen: Der Ausbau des Bahnverkehrs gehört zu den Schwerpunkten des chinesischen Infrastrukturprogramms.

Aber bevor die Zentrale die Milliarden fließen lässt, muss Liu den Neujahrsansturm bewältigen, ohne dass es für sein Ministerium zu größeren PR-Desaster kommt. Dabei kommt es jährlich zu mehreren tödlichen Unfällen. Der erste ereignete sich dieses Jahr im südostchinesischen Hangzhou, wo ein 60-jähriger Mann nach einer durchwachten Nacht in der Warteschlange zusammenbrach und starb. Staats- und Parteichef Hu Jintao forderte daraufhin, das Eisenbahnministerium müsse „sein Gehirn benutzen“, um endlich eine Lösung für das Problem zu finden: „Soziale Spannungen müssen entschärft werden, um sicherzustellen, dass das Frühlingsfest reibungslos ablaufen kann.“

Auch dieser Appell gehört inzwischen zu den Ritualen des chinesischen Frühlingsfests. Doch Händler Wang Qi hofft, dass am Pekinger Bahnhof auch in den kommenden Jahren Ausnahmezustand herrschen wird. Denn er macht in diesen Tagen das Geschäft des Jahres: mit Klapphockern.

Bernhard Bartsch | 21. Januar 2009 um 17:13 Uhr

 

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