Bernhard Bartsch

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Chinas Mann für Lagarde

Der Chinese Zhu Min wird Vizechef des Internationalen Währungsfonds und soll dort Pekings umstrittene Wirtschaftspolitik hoffähig machen.

Für den Chefsessel hat es nicht gereicht, doch der Platz daneben ist womöglich ohnehin der mächtigere: Der chinesische Wirtschaftspolitiker Zhu Min, der in den vergangenen Wochen als möglicher Pekinger Kandidat für den Topposten im Internationalen Währungsfonds (IWF) gehandelt wurde, soll eine neugeschaffene Position als Stellvertreter bekommen. Die frisch gekürte IWF-Geschäftsführerin Christine Lagarde nominierte den 58-Jährigen als erstes chinesisches Mitglied der IWF-Spitze.

Zhus Mission ist offensichtlich: Er soll Pekings Stimme in der internationalen Finanzwelt mehr Gewicht verleihen und die Kritik an Chinas umstrittener Währungspolitik abschwächen. Sein wichtigstes Druckmittel sind dabei Pekings gewaltige Devisenreserven (Stand Juni: 3,2 Billionen US-Dollar), von denen die Regierung immer wieder deutlich gemacht hat, dass es sie sowohl zur Stützung als auch zur Schwächung des IWF einsetzen kann – je nachdem, wie sich der Fond zu China stellt.

Womöglich erfüllt Lagarde mit der Schaffung eines vierten Vize-Postens ein Versprechen, mit dem sie sich Pekings Unterstützung für ihre IWF-Kandidatur gesichert hat. Allerdings hatte schon ihr Vorgänger Dominique Strauss-Kahn Chinas Rolle gestärkt, indem er Zhu vergangenes Jahr als Sonderberater nach Washington holte. Zuvor war Zhu auf dem internationalen Parkett bereits als Vize-Gouverneur der chinesischen Zentralbank präsent.

Zhu, 1952 in Shanghai geboren und während der Mao-Zeit aufgewachsen, gehörte Anfang der Achtziger zu den ersten Chinesen, die nach der Kulturrevolution zum Studium ins Ausland geschickt wurden. Er studierte an den US-Eliteuniversitäten Princeton und Johns Hopkins, wo er in Wirtschaftswissenschaften promovierte. Im Auftrag der chinesischen Regierung arbeitete er Anfang der Neunziger bei der Weltbank, später für die Vereinten Nationen. 1996 wurde er ins Management der staatlichen Bank of China berufen und plante deren Börsengang. 2009 übernahm er in der Zentralbank die Abteilung für Internationale Angelegenheiten, politische Analyse und Kreditinformationen, bevor er 2010 Sonderberater des IWF-Chefs wurde.

Lagarde begründete seine Beförderung damit, dass bisher unterrepräsentierte Länder besser vertreten sein müssten. Schwellenländer wie China tragen mittlerweile rund 70 Prozent zum weltweiten Wirtschaftswachstum bei. Die zweitgrößte Wirtschaftsmacht soll im IWF künftig 6,19 Prozent der Stimmen haben und damit zur Nummer Zwei hinter den USA aufsteigen.

Dennoch hatte Peking sich gescheut, Zhu als eigenen Kandidaten für den IWF-Vorsitz ins Rennen zu schicken. Der Chinese wäre auch kaum konsensfähig gewesen, nicht zuletzt, weil Zhu mit zu den Architekten der chinesischen Währungspolitik gehört, die zu einem internationalen Politikum ersten Ranges geworden ist. Viele Länder werfen Peking vor, seinen Exporten durch seinen künstlich billigen Yuan unfaire Wettbewerbsvorteile zu verschaffen und damit massiv zu den Ungleichgewichten des internationalen Wirtschaftssystems beizutragen. Auch der IWF hat diese Politik wiederholt kritisiert, in den vergangenen Monaten allerdings auffällig leiser als früher.

Mit Zhu ist Peking nun in der Spitze der beiden wichtigsten internationalen Finanzorganisationen vertreten. Seit 2008 ist der Chinese Justin Lin Yifu Chefökonom der Weltbank. Allerdings stößt Lin immer wieder auf Kritik, weil er in der heiß diskutierten Yuan-Frage unbeirrt Pekings offizielle Linie vertritt.

Bernhard Bartsch | 13. Juli 2011 um 10:09 Uhr

 

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