Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Chinas Hack-Ordnung

Forscher entdecken chinesisches Hackernetzwerk. Die Cyberspione sollen unter anderem den Dalai Lama und Indiens Verteidigungsministerium ausgespäht haben.

Die Kriege der Zukunft – egal ob kalt oder heiß, militärisch oder ökonomisch – werden maßgeblich im Internet ausgefochten. Dass China auf die kommenden Konflikte gut vorbereitet ist, wollen nun eine amerikanisch-kanadische Forschergruppe der Universität Toronto und internationale Sicherheitsexperten der Stiftung Schadowserver herausgefunden haben. In einer achtmonatigen Studie sei es gelungen, ein „komplexes System von Cyber-Spionage“ aufzudecken, das seit Jahren Pekings Widersacher ausspioniere, darunter den Dalai Lama, die indische Regierung und internationale Organisationen wie Nato und Uno. In dem am Dienstag vorgestellten Bericht „Shadows in the Cloud“ (Schatten in der Wolke) heißt es, zwei Hacker seien eindeutig in der westchinesischen Stadt Chengdu lokalisiert worden.

Die Forscher entdeckten unter anderem 1500 E-Mails aus dem Büro des tibetischen Religionsoberhaupts, sowie als „geheim“ gekennzeichnete Dokumente aus dem indischen Verteidigungsministerium zur nationalen Sicherheitslage und zu den Auslandsbeziehungen. Von indischen Regierungsrechnern hätten die Hacker auch vertrauliche Dokumente aus zahlreichen anderen Ländern sowie von internationalen Organisationen. „Die Spur unserer Untersuchung und Analyse führt eindeutig in die Volksrepublik und zu bekannten Einheiten im kriminellen Untergrund der Volksrepublik“, schreiben die Autoren. Trotz der offensichtlichen Korrelation zwischen dem Netzwerk, den gestohlenen Dokumenten und den strategischen Interessen des chinesischen Staates, lasse sich allerdings nicht beweisen, dass die Angriffe im Auftrag der Regierung ausgeführt worden seien. Allerdings könnten die Informationen des Schattennetzwerkes „leicht in den Besitz einer Regierungsbehörde gelangen“. Das Forscherteam hatte bereits vergangenes Jahr mit einem ähnlichen Bericht Aufmerksamkeit erregt, in dem sie Cyber-Angriffe auf exiltibetische Organisationen rekonstruiert hatten.

Chinas Außenministerium wies den Vorwurf einer möglichen Verwicklung in Hacker-Aktivitäten am Dienstag entschieden zurück und erklärte, man lehne Cyber-Verbrechen entschieden ab. Allerdings mussten sich die chinesischen Behörden in den vergangenen Monaten vielfach gegen den Vorwurf der Internetkriminalität wehren. Anfang Januar hatte das US-Internetunternehmen Google berichtet, Opfer chinesischer Hackerattacken geworden zu sein, wobei gezielt E-Mail-Adressen chinesischer Regimekritiker angegriffen worden seien. Google begründete damit seinen Rückzug vom chinesischen Markt. Auch ausländische China-Korrespondenten zuletzt von Hackern angegriffen worden. Mehrere E-Mail-Konten internationaler Journalisten wurden geknackt und sämtlicher Briefverkehr heimlich an eine weitere Email-Adresse weitergeleitet. Mehrere Korrespondentenbüros berichteten außerdem von Softwareangriffen, mit denen ihre Computer von außen steuerbar gemacht wurden. Ende vergangener Woche legten Hacker außerdem die Internetseite des Clubs der Auslandskorrespondenten in China lahm. Nach Angaben der Journalistenvereinigung soll es sich um einen „relativ isolierten Angriff, möglicherweise von einem Einzelnen oder einer kleine Gruppe“ gehandelt haben. Im März war die Webseite der in Hongkong ansässigen chinesischen Menschenrechtsgruppe Chinese Human Rights Defenders (CHRD) außer Betrieb gesetzt worden.

Bernhard Bartsch | 07. April 2010 um 01:39 Uhr

 

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