Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Chinas grüne Welle

Immer mehr Chinesen sorgen sich um die gesundheitlichen Folgen der verheerenden Umweltprobleme – und entwickeln ein Bewusstsein für ökologische Lebensmittel.

Am Wochenende macht Familie Wang Großeinkauf. In ihrem Kleinwagen fährt sie quer durch Peking, passiert die großen Shoppingzentren am Stadtrand und lässt die letzten Wohnblocks hinter sich, bis nur noch Felder und kleine Bauernhäuser zu sehen sind. Eine Viertelstunde geht es über die Landstraße, dann sind die Wangs am Ziel: «Willkommen im grünen Dorf Liuminying», empfängt sie ein großes Banner. Herr Wang parkt, öffnet die Tür und atmet demonstrativ durch. «Das nenne ich gute Luft», verkündet er etwas pathetisch, worauf seine Tochter die Augen verdreht, weil er das jedes Wochenende sagt. «Hier kann man noch einkaufen, ohne Angst zu haben, sich zu vergiften.»

«Grünes Dorf» bedeutet, dass in Liuminying ökologische Landwirtschaft betrieben wird. Man sieht dem Ort leicht an, dass hier keine gewöhnlichen Bauern leben: Die Häuser sind großzügig gebaut und weiss gekachelt. An der Straße wartet ein breiter Parkstreifen auf den Wochenendansturm von Großstädtern wie den Wangs. Rund drei Dutzend Kunden begutachten an diesem Samstagmorgen in der Markthalle die Ernte: Kohl und Kartoffeln, Bohnen und Tomaten, Auberginen und Zuckerschoten, auch Eier und eingelegtes Gemüse. Überall sichtbar hängt das grüne Logo des staatlichen Ökosiegels, das garantieren soll, dass hier nur auf natürliche Weise gedüngt und gespritzt wird.

Wer darauf besteht, darf auch ins Gewächshaus gehen und seine Ware selbst ernten. «Auf einem Gemüsefeld zu sein erinnert mich an meine Jugend, denn früher wussten auch wir Stadtkinder, wie es auf dem Land aussieht», erzählt Herr Wang mit Blick auf seine Tochter, die wieder das Gesicht verzieht. Der 48jährige Immobilienmakler geht durch die Reihen mit Pak-Choi-Pflanzen, inspiziert Kürbisse und Bittermelonen, wählt Schlangengurken und Kirschtomaten aus. 274 Yuan (28 Euro) blättert er am Ende seiner Tour für eine Wochenration Gemüse hin. Auf einem normalen Pekinger Markt hätte er für die gleiche Menge weniger als die Hälfte bezahlt.

Die Wangs sind Angehörige von Chinas neuer städtischer Mittelschicht, die 100 Millionen zählt und die es sich leisten kann, für ihr Essen mehr auszugeben als unbedingt notwendig. Oder eher: Sie gehören zu der privilegierten Minderheit, die sich gesunde Ernährung leisten will, weil ihr die Folgen der chinesischen Umweltverschmutzung zunehmend Angst bereiten. Es ist nicht zu ignorieren, dass in China drei Jahrzehnte ungestümen Wirtschaftswachstums verheerende Auswirkungen auf Luft, Wasser und Erde gehabt haben. Immer mehr Chinesen entwickeln deshalb ein Bewusstsein für ökologisch hergestellte Lebensmittel.

Noch ist es zwar nur ein kleiner Trend – der Anteil von Bioprodukten liegt deutlich unter einem Prozent –, aber ein schnell wachsender. Machte bis vor wenigen Jahren noch niemand einen Unterschied zwischen normalen und sogenannten grünen Lebensmitteln, so haben in den Metropolen nun viele Supermärkte eigene Regale für Gemüse und Obst aus kontrolliert biologischem Anbau. In Peking und Schanghai gibt es sogar schon erste Reformhäuser wie «Lohao City» oder «Organic Farm», und rund um die Städte bieten Dutzende Ökodörfer Direktverkauf oder Lieferservice an. Laut offiziellen Statistiken gibt es in China bereits über 3000 Biofarmen, meist Kollektivbetriebe, deren Bauern darauf setzen, mit dem grünen Siegel mehr zu verdienen als mit herkömmlichem Anbau.

«Ernährungstechnisch steckt China in einer Krise», sagt Wen Tiejun, Agrarwissenschaftler an der Pekinger Volksuniversität und Berater des chinesischen Umweltministeriums. «Den Menschen wird zunehmend bewusst, dass ihre Lebensmittel nicht mehr von Bauern stammen, sondern von Konzernen, für die nur der Profit zählt.» Eine ganze Reihe von Lebensmittelskandalen haben in den vergangenen Jahren das Vertrauen erschüttert, darunter Gammelfleisch, gebleichter Reis und radioaktiv belastete Meeresfrüchte.

Als vor den Olympischen Spielen eine staatliche Schweinefarm damit Werbung machte, dass das Fleisch für die Sportler ohne Wachstumshormone hergestellt werde, damit die Athleten nicht fälschlich bei Dopingtests durch fielen, gab es in der Öffentlichkeit einen Aufschrei der Entrüstung, weil sich die Chinesen fragten, nach welchen Standards eigentlich das Fleisch für die normale Bevölkerung hergestellt werde. Eine Greenpeace-Studie stellte kürzlich fest, dass in handelsüblichen Gurken oft bis zu zehn schädliche Chemikalien nachgewiesen werden können.

Zum Symbol der chinesischen Lebensmittelsorgen ist jedoch der Fall um verseuchte Milchprodukte geworden, der im September 2008 aufflog. Skrupellose Händler hatten Molkereien gepanschte Milch verkauft, in der die Industriechemikalie Melamin bei Eiweißtests über den starken Verdünnungsgrad der Milch hinwegtäuschen sollte. Rund 300 000 Kleinkinder erkrankten daraufhin an Nierensteinen, sechs Babies starben. Für besonderen Unmut sorgte die Enthüllung, dass die Behörden die Missstände über Monate gedeckt hatten, um Chinas Ansehen in der Welt während der Olympischen Spiele nicht zu beschädigen.

Zwar kündigte die Regierung eine Verschärfung der Lebensmittelüberwachung an, doch wie es um die Ergebnisse steht, zeigte sich, als Anfang 2010 erneut melaminverseuchtes Milchpulver auf den Markt kam und wochenlang unbemerkt verkauft wurde. Experten warnen, dass in China Prüfmechanismen nicht greifen würden, solange Konsumentenschutzgruppen und Medien dabei keine aktive Rolle zugeschrieben bekämen. «Es ist wichtig, dass die Kontrolle nicht nur von oben, sondern auch von unten kommt», sagt Ben Embarek, Spezialist für Lebensmittelsicherheit bei der Weltgesundheitsorganisation in Peking. «Wirkliche Veränderungen können nur die Konsumenten erzwingen.» Doch bisher gibt es keinen Platz für Konsumentendemokratie im zentralgesteuerten System der Kommunistischen Partei.

Betrügereien wie im Fall von Melamin sind allerdings nur ein Teil des Problems. Mindestens genauso gravierend sind die Auswirkungen der Umweltverschmutzung auf die Nahrungskette. Laut internen Schätzungen des Pekinger Umweltministeriums gehen in der Volksrepublik jährlich 400 000 Todesfälle auf Umwelteinflüsse zurück.

Von den 20 Städten mit der schlechtesten Luft der Welt liegen 16 in China. Auch der größte Teil der Binnengewässer ist verseucht. Experten wie der streitbare Vize-Umweltminister Pan Yue warnen bereits davor, dass die ökologische Katastrophe die Chinesen in die Armut zurückstoßen werde, bevor sie ihr richtig entkommen seien.

Die volkswirtschaftlichen Folgekosten durch die Zerstörung der Natur könnten Chinas Wirtschaftswachstum bei weitem übersteigen, zeigen interne Daten des Umweltministeriums. Über hundert Milliarden Yuan (10 Milliarden Euro) soll allein die Säuberung des 2007 gekippten zentralchinesischen Tai-Sees kosten, in den 1300 Fabriken jahrelang ungeklärte Abwässer leiteten, obwohl er Millionen Menschen als Trinkwasserquelle diente und Tausende Fisch- und Krabbenfarmen beherbergte.

«Wenn die Menschen solche Nachrichten lesen, verwundert es nicht, dass viele das Vertrauen in die Lebensmittelindustrie verlieren», sagt Pan Wenjing, Leiterin des Projekts Lebensmittel und Landwirtschaft bei Greenpeace in China. «Deswegen finden immer mehr, dass sie sich ­aktiv darum kümmern sollten, was sie essen.»

In einer Studie fand Pan Wenjing heraus, dass nur eine Minderheit der chinesischen Supermarktbetreiber ein Qualitätsprogramm für ihre Lebensmittel hat und dies für die Kunden auch transparent darstellt. Führend ist dabei die französische Ladenkette Carrefour, an letzter Stelle befindet sich der amerikanische Konkurrent Walmart. Von den Versäumnissen der Großen profitieren kleine Biofarmen wie im Dorf Liuminying. Allerdings stand dort am Anfang der Ökobewegung kein neues Lebensgefühl oder kritisches Bewusstsein, sondern reine landwirtschaftliche Vernunft.

«Vor wenigen Jahrzehnten waren Chinas Bauern noch alle Ökobauern, denn es gab gar keinen Kunstdünger und keine Pestizide», sagt Zhang Guanghua, Parteisekretärin des grünen Dorfs Liuminying. «Erst die Modernisierung hat uns dazu gebracht, unsere bewährten Anbautechniken aufzugeben.» Die Endfünfzigerin empfängt ihre Gäste in dem leicht überproportioniert wirkenden Sitzungssaal des Rathauses. Zum Gespräch serviert sie Wassermelonen, von denen sie stolz erzählt, sie würden auf einem abgesperrten Feld angebaut, weil sie eigentlich exklusiv für die Küchen des Pekinger Regierungsviertels Zhongnanhai und nicht zum Verkauf bestimmt seien. «Unsere Führung isst ausschließlich grüne Lebensmittel», sagt Zhang. Doch daran war noch nicht zu denken, als die Bauern von Liuminying Ende der 1970er Jahre begannen, den Weg in Richtung Ökolandwirtschaft zu beschreiten.

Am Anfang waren kalte nordchinesische Winternächte. «In unserer Gegend gibt es nicht viel Brennmaterial, so dass wir teure Kohle kaufen mussten», erinnert sich Zhang, die damals die Frauenbeauftragte des Dorfkollektivs war. Zufällig erfuhr sie von der Möglichkeit, mit Agrarabfällen Faulgasanlagen zu betreiben und damit Gas zum Kochen und Strom für Glühbirnen zu generieren. Mit Hilfe von Ingenieuren der Pekinger Landwirtschaftsuniversität installierte sie eine Versuchsanlage. Bald folgten ein zweiter und ein dritter Biogasgenerator. «Es zeigte sich, dass wir damit ein grundlegendes Versorgungsproblem unserer Region gelöst hatten», erzählt sie. Die Initiative fand politische Beachtung. 1987 erhob das Pekinger Amt für Umweltschutz und Energie Liuminying zu einem Modellprojekt und befahl den örtlichen Parteikadern, weitere Verbesserungsvorschläge zu erarbeiten.

Als nächstes kam das Dorfkomitee auf die Idee, nach der weitgehenden Unabhängigkeit von externen Energielieferungen auch bei Düngemitteln autark zu werden. So wurde ein beträchtlicher Teil des Getreides, das auf den Feldern des Ortes wuchs, eingesetzt, um eine Hühnerzucht mit über 200 000 Hennen aufzubauen. Ihre Eier liessen sich gut verkaufen, und der Mist wurde als Dünger eingesetzt. Das war einigermaßen profitabel, wenn auch nur zufällig ökologisch; und hätte nicht der Status als Modelldorf die Bauern dazu gezwungen, ihre Standards aufrechtzuerhalten, hätten sie in den 1990ern womöglich auch zu den immer billigeren Landwirtschaftschemikalien gegriffen.

Doch dann begann um die Jahrtausendwende das Thema Umweltschutz in der Öffentlichkeit breite Beachtung zu finden. Wohlhabende aus der Pekinger Mittelschicht machten sich auf die Suche nach Lebensmitteln, auf deren Qualität Verlass war; und in Liuminying wurden sie fündig. Da das Land seit Jahren nur natürlich gedüngt worden war, sich in der Nähe keine Fabriken befinden und das Wasser zur Bewässerung aus einem eigenen, angeblich besonders tiefen Brunnen bezogen wird, konnte sich das Dorf schnell nach internationalen Standards zertifizieren lassen.

Auch Chinas Regierung erließ damals eigene Ökostandards. «Wir haben ein Gewächshaus nach dem anderen gebaut und mussten sogar Arbeitskräfte von außerhalb anheuern, weil wir die Arbeit nicht allein bewältigen können», erzählt die Parteisekretärin. «Weil die Stadtbewohner für Gemüse mit grünem Zertifikat doppelt bis dreimal so viel zahlen wie für normales, ist unsere Landwirtschaft zu einem profitablen Geschäft geworden.»

Chinesische Ökovordenker wie der Agrarwissenschaftler Wen denken weiter und glauben, dass China gute Chancen habe, sich international als großes Exportland für kontrolliert biologische Produkte zu etablieren. Denn Obst- und Gemüseanbau ohne chemische Dünge- oder Pflanzenschutzmittel ist arbeitsaufwendig und deshalb wie geschaffen für die 750 Millionen Landbewohner Chinas, die bisher meist nur als Wanderarbeiter in den Städten ein anständiges Einkommen verdienen können.

«Chinas Bauern werden von vielen als Belastung für unser Land gesehen», sagt Wen, «dabei stellen sie in Wahrheit ein grosses Potential dar.» In einem offiziellen Weißbuch der Regierung wird dem «Aufbau nationaler Produktionsbasen für ökologische Lebensmittelproduktion» bereits «hohe Priorität» eingeräumt, und auch der Internationale Fonds für Landwirtschaft und Entwicklung (IFAD) der Vereinten Nationen sieht in China einen künftigen Großproduzenten von Bioprodukten.

Rund drei Millionen Hektaren Land sind in China für Biolandwirtschaft ausgewiesen – nur Australien hat flächenmäßig mehr. 2008 führte China immerhin schon ökologisch produzierte Waren im Wert von über 700 Millionen Franken aus, wobei es sich grösstenteils um Rohstoffe wie Sonnenblumenkerne oder Sojabohnen handelte. Doch leicht haben es die chinesischen Exporteure nicht. Denn wer will garantieren, dass in chinesischen Biolieferungen auch tatsächlich Bio drin ist?

«Die Zertifizierung ist in China ein gewaltiges Problem», heißt es deshalb bei IFAD. «Die ökologische Landwirtschaft steht technisch, intellektuell und kulturell vor großen Herausforderungen.» Zwar verfügt auch China über Zertifikate, deren Standards zumindest auf dem Papier internationalen Vergleichen standhalten. Doch das Image der chinesischen Produktkontrolleure ist schlecht – selbst bei chinesischen Konsumenten. «Letztlich ist man in China vor Betrug und Korruption nie sicher», sagt der Liuminying-Kunde Wang. «Aber da ich jede Woche sehe, wie die Bauern hier arbeiten, glaube ich ihnen einfach, etwas anderes bleibt mir nicht übrig.»

Ausländische Importeure können es dagegen nicht beim Vertrauen lassen und sehen sich deswegen häufig gezwungen, selbst nach europäischen Standards zu testen. «China hat als Ökostandort großes Potential, aber bis das ausgeschöpft wird, ist es noch ein weiter Weg», sagt der für China zuständige Einkäufer einer französischen Reformhauskette. «Wir beziehen zwar schon einiges aus China, aber wir haben immer Angst, dass dabei etwas schiefgeht.»

Trotzdem steigen erste internationale Unternehmen ins Ökogeschäft ein. So hat etwa der japanische Lebensmittel- und Brauereikonzern Asahi in der Provinz Shandong 100 Hektar Land gepachtet, um dort Bioprodukte herzustellen. Auch die Provinz Heilongjiang, die mit 1,59 Millionen Hektar mehr als die Hälfte des chinesischen Ökolandes aufweist, hofft auf ausländische Investoren. «Heilongjiang hat gute Umweltbedingungen und ist sehr wettbewerbsfähig», wirbt das Büro für die Entwicklung von Ökolandwirtschaft in der Provinzregierung. Auch chinesische Konzerne streben die Großproduktion an, etwa Chaoda Modern Agriculture, einer der größten chinesischen Ökolandwirtschaftskonzerne, der über 30 000 Hektar Land verfügt.

Obwohl ehrgeizige Großunternehmen helfen könnten, Chinas Ökoindustrie auf ein höheres und professionelleres Niveau zu heben, sind die Projekte nicht jedem geheuer. Biologisch ausgerichtete Landwirtschaftskonzerne würden zu den gleichen Fehlern neigen wie herkömmliche, fürchtet etwa Shi Yan. «Wenn die Menschen den Überblick über die Lebensmittel behalten wollen, die sie essen, müssen wir lokal denken, nicht global», meint die Pekinger Agrarwissenschafterin. Zwar sei der Aufbau einer großen Lebensmittelindustrie unvermeidlich. Immerhin muss die Volksrepublik mehr als einen Fünftel der Weltbevölkerung ernähren, obwohl sie nur über sieben Prozent des global vorhandenen Ackerlands verfügt.

Dass die Chinesen in den Städten innerhalb nur einer Generation das Gefühl dafür verloren haben, woher ihre Lebensmittel kommen, ist für Shi ein Problem – eines, dass ihr in seiner ganzen Tragweite allerdings erst bewusst wurde, als sie 2008 als Promotionsstudentin in die USA ging. Dort lernte sie das Konzept der «Community-supported agriculture» kennen, bei der Landwirte und Konsumenten eine enge Gemeinschaft bilden. «Die Verbraucher geben den Bauern eine Abnahmegarantie und haben dafür vollen Einblick in die Produktion», erklärt Shi. «Es ist darum we niger ein Kunden-Hersteller-Verhältnis als eine Partnerschaft.»

Zurück in Peking, machte sie sich auf die Suche nach einem Dorf, dessen Bauern zu einem vergleichbaren Projekt bereit waren, und eröffnete im Frühjahr 2009 in den Phönix-Bergen am nördlichen Stadtrand eine Gemeinschaftsfarm mit dem Namen «Kleiner Esel». Stadtbewohner können sich hier für rund 2500 Yuan (250 Euro) eine Parzelle von dreißig Quadratmetern mieten und entweder selbst beackern oder gegen eine Gebühr von den Bauern betreuen lassen. Alle Beteiligten sind verpflichtet, sich an die Standards für Ökolandwirtschaft zu halten.

Über hundert Familien aus der Stadt sind bereits Anteilseigner bei der Kleinen-Esel-Farm. Insgesamt ist für rund 300 Parteien Platz. «Viele Leute kommen am Wochenende und genießen es, auf ihrem eigenen Feld arbeiten und ernten zu können», sagt Shi. «Und sie haben absolute Sicherheit, dass sie hier beste Qualität bekommen.» Rund 200 Kilogramm Gemüse kann jeder Anteilseigner im Jahr mitnehmen, wobei Shi die Farm nur in den Monaten Mai bis Oktober bewirtschaften lässt. «Wir sind gegen antizyklische Landwirtschaft», sagt sie. «In Nordchina kann man im Winter nun einmal nichts anbauen.» So werde den Teilnehmern des Projekts bewusst, wie sehr die moderne Gesellschaft von Lebensmitteln abhängig sei, die von weither geliefert würden.

«Ökologische Lebensmittel herzustellen ist nur eine Seite der Medaille», sagt Jiao Shoutian, Leiter des Pekinger Zentrums für Landwirtschaftsforschung. «Die andere Seite ist, dass Lebensmittel heute über weite Strecken transportiert werden, was an sich schon eine Umweltbelastung darstellt.» Zusammen mit Shi arbeitet Jiao derzeit an Konzepten, das Gemeinschaftsfarmkonzept in anderen chinesischen Städten zu verbreiten. «Der Ansatz hat einen hohen pädagogischen Wert», findet Jiao. Selbst wenn er das Problem, in China gesunde und umweltfreundliche Lebensmittel zu bekommen, nicht lösen kann, so kann er wenigstens deutlich machen, wo die Probleme liegen.

Bernhard Bartsch | 09. März 2010 um 15:25 Uhr

 

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