Bernhard Bartsch

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Chinas großer Atomeinstieg

Kernenergie gilt Peking als probates Mittel gegen den Klimawandel. Die chinesischen Meiler sollen auch in den Export gehen.

Zhang Shanming ist auf Journalisten schlecht zu sprechen. „Sensationalismus“ wirft der Präsident der China Guangdong Nuclear Power Corp (CGNPC) Hongkonger Medien vor, die kürzlich kritisch über den staatlichen Atomenergiekonzern berichtet hatten: Ende Oktober waren Arbeiter im südchinesischen Atomkraftwerk Daya Bay durch ein leckendes Kühlsystem radioaktiver Strahlung ausgesetzt worden. Es war bereits das zweite Mal binnen eines halben Jahres, dass CGNPC Unregelmäßigkeiten in seinem Reaktor erst öffentlich machte, nachdem Medien längst darüber berichtet hatten. „Wir haben alle international üblichen Regeln eingehalten“, verteidigt sich Zhang und fordert von den Journalisten, ihre Rolle lieber darin zu sehen, Vertrauen in die Sicherheit, Wirtschaftlichkeit und Umweltfreundlichkeit von Atomstrom zu schaffen. Zhangs Worte ernten beifälliges Nicken – schließlich ist man unter sich, beim ersten China-Kongress des internationalen Branchenverbands World Nuclear Association (WNA), der diese Woche in Peking stattfindet.

Für die internationale Atomindustrie ist Chinas wirtschaftlicher Aufschwung die größte Geschäftsmöglichkeit seit Jahrzehnten. Denn während in den westlichen Industrienationen seit dem Kernkraftboom der Siebziger und Achtziger nur noch wenige neue Reaktoren gebaut werden, plant die Volksrepublik dutzende neue Atommeiler. 13 Reaktoren mit einer Gesamtkapazität von rund zehn Gigawatt sind derzeit am Netz, was der Hälfte der deutschen Atomstromproduktion entspricht. Doch 2020 soll die Kernkraftkapazität bereits 70 Gigawatt betragen, sagt der Vizedirektor des Chinesischen Nuklearenergieverbands, Zhao Chengkun. „Kernenergie ist in China zweifellos auf der Überholspur“, meint Zhao. Andere Experten gehen sogar davon aus, dass die Regierung das Plansoll für die Atomindustrie in ihrem neuen Energiekonzept, das in den kommenden Monaten vorgestellt werden soll, noch weiter nach oben schraubt, auf 80, vielleicht sogar auf 90 Gigawatt. Dabei liegt die staatlich vorgegebene Zielmarke für das Jahr 2020 derzeit noch bei 40 Gigawatt – und selbst das hielten viele in der Branche bereits für einen ehrgeizigen Plan. Denn die Chinesen wollen ihre Kraftwerke nicht mehr vom Ausland bauen lassen, sondern größtenteils mit eigener Technologie verwirklichen – und darüber hinaus auch noch exportieren.

Der Grund für die plötzliche Expansion liegt nicht nur in Chinas rapide wachsendem Strombedarf. Erst kürzlich hat die Volksrepublik die USA als größten Energieverbraucher der Welt überholt. Mithilfe von Kernenergie will Peking deshalb nun sein selbst gesetztes Klimaschutzziel erreichen, die Energieeffizienz bis 2020 um 40 bis 45 Prozent gegenüber 2005 zu verbessern. Bisher liegt der Anteil der Kernenergie in China bei weniger als zwei Prozent, während rund drei Viertel des Stroms aus Kohle gewonnen wird. In zehn Jahren soll der Kohleanteil auf 60 Prozent reduziert werden, zugunsten von „grünen Energieträgern“, zu denen in China neben Wasser-, Wind- und Sonnenkraft eben auch Nuklearstrom zählt. „Atomkraft spielt eine wichtige Rolle bei der Reduktion von klimaschädlichen Emissionen und beim Aufbau einer kohlenstoffarmen Gesellschaft“, sagt Zhang Huazhu, Vorsitzender des Nuklearenergieverbands. Atomenergie sei die einzige saubere Energieform, die fossile Brennstoffe ersetzen könne. Yury Sokolov, stellvertretender Direktor der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) fordert, Investitionen in Kernenergie offiziell als Klimaschutzmaßnahmen anzuerkennen. „Über den Klimawandel verhandeln Menschen, die sich dem Umweltschutz verpflichtet sehen, und nicht diejenigen, die für die Sicherung der Energieversorgung verantwortlich sind“, sagt der Russe. „Leider sprechen beide Seiten nicht die gleiche Sprache.“

Als China Anfang der Achtziger mit der Planung für sein erstes Atomkraftwerk begann, war das Projekt noch mehr Experiment als Zukunftsvision. 1992 ging der mit amerikanischer Technologie von Westinghouse gebaute Meiler in Daya Bay, nahe Shenzhen und Hongkong, ans Netz. Auch die folgenden Reaktoren entstanden mit importierter Technik. Doch inzwischen haben internationale Hersteller wie Westinghouse aus den USA, Toshiba aus Japan, Atomstroyexport aus Russland und das französisch-deutsche Unternehmen Areva in China nur noch Verkaufschancen, wenn sie sich auf weitgehenden Technologietransfer einlassen. Durch die Kooperationen und eigene Forschungsbemühungen sind die Chinesen mittlerweile in der Lage, eigene Reaktoren zu bauen. „China beherrscht jetzt den gesamten Kreislauf“, behauptet Yu Jianfeng, Vizepräsident der China National Nuclear Corp (CNNC). „Wir sind jetzt in der Phase der Massenproduktion und beginnen uns auf den internationalen Markt zu konzentrieren. Das ist für China die Erfolgsgeschichte des Jahrzehnts.“ Einen Auftrag aus Pakistan hat das Unternehmen bereits. „Atomenergie ist eine Industrie mit anspruchsvoller Technologie, einer langen Wertschöpfungskette und hohen Managementansprüchen“, weiß CNEA-Vize Zhao. „Wenn ein Land in der Atomenergie selbstständig ist, zeigt das seine nationale Stärke und Wettbewerbsfähigkeit.“ Chinas Hersteller würden einmal eine „wichtige Position auf dem Weltmarkt“ spielen, meint Wang Jun, Chefingenieur der State Nuclear Power Technology Corp (SNPTC), die Chinas Patentrechte hält. „Jetzt geht es darum, Chinas eigenen Markennamen in der Kernenergiebranche aufzubauen.“

Von möglichen Wachstumsbarrieren will man in China nichts wissen. Weder ein Mangel an Know-how noch die Versorgung mit Uran gelten in der Volksrepublik als Problem, und auch eine Debatte über die Endlagerung von verbrauchten Brennstäben gibt es nicht. „Wir haben gute Managementsysteme und genügend qualifiziertes Personal, um unsere Wachstumsziele zu erreichen“, sagt CGNPC-Chef Zhang. Branchenverband-Vize Zhao sieht Chinas eigene Uran-Vorräte als ausreichend, um bis mindestens 2020 selbstständig zu sein. „Danach werden wir uns über den Markt und Kooperationen mit anderen Ländern versorgen“, sagt Zhao. Schon jetzt sind chinesische Staatsunternehmen an Uranminen in Zentralasien und Afrika beteiligt, und erst am Dienstag unterzeichnete die CGNPC einen neuen Liefervertrag mit dem kanadischen Unternehmen Cameco, das in den kommenden 15 Jahren rund 14 500 Tonnen angereichertes Uran liefern soll. Auch die IAEA glaubt nicht, dass die Uranversorgung zum Stolperstein für den Ausbau von Atomkraft werden könne. „Uran ist billig und macht nur zehn bis 15 Prozent des Strompreises aus“, sagt Sokolov. Es sei sogar wünschenswert, dass der Uranpreis steige, um die Entwicklung von geschlossenen Brennstoffkreisläufen voranzutreiben.

Über Chinas Pläne zum Umgang mit radioaktivem Müll hat die Regierung bisher nicht mehr verraten, als dass bis 2020 in Lanzhou in der nordchinesischen Provinz Gansu eine zentrale Wiederaufbereitungsanlage entstehen soll. Bis dahin werden verbrauchte Brennstäbe auf dem Gelände der Kraftwerke gelagert. Dass man deswegen demonstrieren könnte, scheint in China undenkbar – zumindest solange Pekings Presse die Rolle spielt, die der Staat ihr zugedacht hat.

Bernhard Bartsch | 26. November 2010 um 05:06 Uhr

 

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