Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Chinas Gesichtswahrer

Vize-Außenminister Wu Dawei soll im Koreakonflikt Chinas Interessen wahren.

Chinas Diplomaten spielen wieder einmal „good cop, bad cop“. Der böse Bulle ist Außenminister Yang Jiechi: Als Südkorea in der vergangenen Woche als Reaktion auf Nordkoreas Artillerieangriff auf die Insel Yeonpyeong ein großes Marinemanöver mit den USA ankündigte, sagte er kurzerhand einen Besuch in Seoul ab – offenbar aus Ärger darüber, dass abermals eine Militärübung in unmittelbarer Nachbarschaft der Volksrepublik stattfindet. Doch sein Stellvertreter darf nun die Rolle des guten Bullen spielen: Wu Dawei, seit fünf Jahren Verhandlungsführer bei den Sechs-Parteien-Gesprächen zu Nordkoreas Atomprogramm, kündigte gestern eine Vermittlungsmission an.

Wu will sich Anfang Dezember in Peking mit den Vertretern von Nord- und Südkorea, den USA, Japan und Russland treffen. Dabei will er nicht nur die Konfrontation auf der koreanischen Halbinsel stoppen, sondern vor allem Chinas Gesicht wahren. Denn Peking wird international vorgeworfen, den Provokationen seines Verbündeten nicht Einhalt zu gebieten.

Der 64-jährige Wu, der schon zu Maos Zeiten in den diplomatischen Dienst eintrat, ist einer der wichtigsten Architekten der chinesischen Strategie in Ostasien. Insgesamt vier Mal schickte ihn das Außenministerium auf Posten nach Japan, zuletzt als Botschafter. Von 1998 bis 2001 war er zudem Botschafter in Südkorea und sorgte für Proteste vor seinem Amtssitz, als er offen gegen südkoreanische Aktivisten wetterte, die sich um nordkoreanische Flüchtlinge in Nordchina kümmern. Aus Rücksicht auf Pjöngjangs hindert Chinas Polizei nordkoreanische Flüchtlinge nach Kräften daran, in der Volksrepublik politisches Asyl und Ausreise nach Südkorea zu beantragen. Stattdessen schickt Peking jährlich tausende Überläufer in ihre Heimat zurück, obwohl ihnen dort drakonische Strafen drohen – aus Sicht von Menschenrechtsgruppen ein Verstoß gegen die Flüchtlingskonvention der Vereinten Nationen.

Wu versteht sich erwiesenermaßen gut darauf, ausländische Kritik an China abzuschmettern. Seit er 2004 zum Vizeaußenminister befördert wurde und damit auch die Verhandlungsführung bei den Sechsergesprächen übernahm, hat er sich einen Ruf als unerbittlicher Verteidiger chinesischer Interessen verdient. Der größte Erfolg der Verhandlungen war zwar, dass überhaupt verhandelt wurde. Doch das ist für China besser als gar nichts. Denn Peking ist es wichtig, bei den internationalen Treffen zum Thema Nordkorea Hausherr zu sein. In Peking betrachtet man das isolierte Land als exklusive politische und wirtschaftliche Einflusszone, stützt das Regime in Pjöngjang mit Hilfslieferungen und diplomatischer Schützenhilfe – und erhält im Gegenzug alleinigen Zugang zu Nordkoreas Rohstoffen. Zuletzt hatten US-Wissenschaftler sogar den Verdacht geäußert, Nordkoreas neue Anlage zur Urananreicherung sei mit chinesischer Hilfe gebaut worden. Es wäre nicht das erste Mal, dass zwischen Chinas Worten und Taten im Korea-Konflikt eine große Kluft prangt.

Bernhard Bartsch | 28. November 2010 um 17:52 Uhr

 

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