Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Chinas Filz

Immer mehr Chinesen werden reich. Bekennen will sich jedoch kaum jemand zu seinem Vermögen. Denn häufig ist der Wohlstand auf Korruption gebaut.

Bill Gates und Warren Buffett sind es nicht gewohnt, dass man sie meidet. Doch wenn der Software-Pate und der Investment-Guru diese Woche in Peking Superreiche für ihre Idee zu gewinnen versuchen, die Hälfte ihres Vermögens für wohltätige Zwecke zu spenden, müssen sie keinen Ballsaal mieten. Nur wenige der Eingeladenen haben ihr Kommen angemeldet. Nicht dass es China an Reichen mangeln würde. Laut dem US-Magazin «Forbes» gibt es 64 chinesische Dollar-Milliardäre sowie mehrere hunderttausend Millionäre. Doch chinesische Wohlhabende bekennen sich nur ungern zu ihrem Geld. Denn Wirtschaft und Politik sind in China enger verbunden, als die Öffentlichkeit wissen soll.

Viele der erfolgreichsten chinesischen Kapitalisten stammen aus Familien ranghoher Kader der Kommunistischen Partei. Dass dies kein Zufall sein kann, ist in China ein offenes Geheimnis. Vergangenes Jahr veröffentlichte die hochoffizielle «Volkszeitung» eine Online-Erhebung, in der 91 Prozent der Befragten glaubten, dass reiche Familien einen politischen Hintergrund haben. Das Ergebnis war für das Image der Partei so verheerend, dass die Zeitung ihre Geschichte dementieren musste. Im Internet wurde darüber dennoch heiss diskutiert. Ein Eintrag lautet: «Korrupte Beamte und ihre reichen Kinder destabilisieren die Gesellschaft.» In einem anderen steht, es sei «besser, einen guten Vater zu haben, als gut zu lernen». Zwar müssen Kader in China neuerdings Einkünfte offenlegen. Ob die Angaben stimmen, wird aber allgemein bezweifelt.

Wann immer ein prominenter Politiker wegen Korruption angeklagt wurde, waren auch Familienmitglieder darein verwickelt. Als 2006 der Schanghaier Parteichef Chen Liangyu über einen Immobilienskandal stürzte, wurden mit ihm auch seine Söhne Chen Weili und Chen Liangjun verhaftet. Auch der frühere Pekinger Bürgermeister Chen Xitong, der wegen ähnlicher Vorwürfe ins Gefängnis musste, wurde mit seinem Sohn Chen Xiaotong verurteilt. Li Jinhua, von 1998 bis 2008 Chinas ranghöchster Korruptionsbekämpfer, erklärte öffentlich, dass «viele Korruptionsprobleme durch Söhne oder Töchter abgewickelt werden».

Familiäre Synergieeffekte sind in China ein beliebtes Gesprächsthema. Besonders häufig taucht dabei der Name von Staats- und Parteichef Hu Jintao auf, dessen Sohn Hu Haifeng 2009 in einen Bestechungsskandal verwickelt war. Das von ihm gemanagte Unternehmen Nuctech, Chinas grösster Hersteller von Scannern für Flughäfen, wurde in Namibia wegen illegaler Geschäftspraktiken angeklagt. Eine offizielle chinesische Stellungnahme zu dem Fall gab es nie, und auch Nuctech schweigt. Dem Vernehmen nach soll Hu junior inzwischen aber auf einen anderen einflussreichen Posten gewechselt sein: Der 39-Jährige ist nun stellvertretender Parteichef der renommierten Tsinghua-Universität. Auch seine um ein Jahr jüngere Schwester Hu Haiqing bewegt sich in den Kreisen der chinesischen Wirtschaftselite. Sie studierte in den USA und Schanghai Wirtschaft und ist mit dem Internetunternehmer Mao Daolin verheiratet, dem ehemaligen Geschäftsführer von Chinas grösstem Webportal Sina. Nicht weniger prominent sind die Geschäfte der Familie von Premierminister Wen Jiabao. Der 68-jährige Regierungschef selbst pflegt ein bescheidenes Image und lässt gerne darüber berichten, dass er seit über zehn Jahren dasselbe Paar Turnschuhe trage. Dabei könnte sich seine Familie ein neues Outfit leisten. Seine Frau Zhang Peili ist stellvertretende Vorsitzende des chinesischen Diamantenverbandes und damit an der Schaltstelle eines der grössten Edelsteinmärkte der Welt. Wens Sohn Wen Yunsong, der auch auf den englischen Namen Winston hört und seinen MBA an der renommierten US-Business-School Kellogg machte, arbeitet für die chinesische Beteiligungsfirma New Horizon Capital. Das Unternehmen verwaltet von grossen institutionellen Anlegern wie der Deutschen Bank oder der UBS über eine Milliarde Dollar.
Die Familie des Regierungschefs ist damit in guter Tradition. Die Kinder von Wens Vorgänger Zhu Rongji, einem der Architekten der Wirtschaftsreformen, sind beide im Finanzgeschäft: Sein Sohn Zhu Yunlai, genannt Levin, der an der University of Wisconsin-Madison in Meteorologie promovierte, arbeitete zuerst für Credit Suisse First Boston in New York, bevor er in China bei der China International Capital Corp anheuerte. Seine Schwester Zhu Yanlai ist stellvertretende Geschäftsführerin der Bank of China in Hongkong. Die Familie von Zhus Amtsvorgänger Li Peng kontrolliert derweil einen grossen Teil des chinesischen Elektrizitätsmarktes, der unter ihrem Vater restrukturiert wurde. Lis Tochter Li Xiaolin ist Vorstandschefin von China Power International Development Limited, sein Sohn Li Xiaopeng ist Vizechef des staatlichen Stromnetzbetreibers State Grid.

Dass Chinas «Prinzlinge», wie die Kinder einflussreicher Parteifunktionäre genannt werden, im Windschatten ihrer Väter erfolgreich sind, ist nicht neu. «Früher strebten die Prinzen selbst in die Politik, aber heute wollen sie meist lieber Geld verdienen», sagt Bo Zhiyue, Politologe an der National University of Singapore, der seit Jahren den Familienhintergrund von Chinas Mächtigen auszuleuchten versucht. Zwar sei eine enge Verstrickung von politischem und wirtschaftlichem Einfluss auch in anderen Ländern üblich, doch je intransparenter das System, umso grösser die Wahrscheinlichkeit von Machtmissbrauch. «Jeder möchte sich mit Chinas Mächtigen gut stellen», meint Bo. «Oft müssen die Väter nicht einmal selbst etwas unternehmen, damit ihre Kinder hohe Posten bekommen – ihr Umfeld macht das ganz von alleine.»

Auch viele westliche Firmen bemühen sich um Kontakte zu den Politikerkindern. «Prinzlinge können Türen öffnen, die kein anderer aufbekommt», erzählt ein deutscher Unternehmer. «Sie an Bord zu haben, ist wie eine Versicherung gegen Schikanen der Behörden.» In einem Markt, in dem ausländische Unternehmen über Benachteiligung und bürokratische Hürden klagen, sind gute Verbindungen in die Parteispitze viel wert. «Manchmal hilft es schon, die Kontakte vorzutäuschen», meint ein europäischer Unternehmensberater. «Eine Foto mit dem Präsidenten kann oft Wunder bewirken – selbst eine gefälschte.»

Bernhard Bartsch | 26. September 2010 um 16:18 Uhr

 

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