Bernhard Bartsch

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Chinas blinder Seher

Dem chinesischen Menschenrechtsaktivisten Chen Guangcheng ist die Flucht aus dem Hausarrest gelungen. In einem Video stellt er Premier Wen Jiabao Forderungen.

China wollte ihn mundtot machen, doch nun kann er wieder frei sprechen: Dem blinden Menschenrechtsaktivisten Chen Guangcheng ist unter spektakulären Umständen die Flucht aus dem Hausarrest gelungen. In einer Videobotschaft, die er am Freitag im Internet veröffentlichte, beschreibt der 40-Jährige, wie er und seine Familie jahrelang misshandelt wurden. „Sehr geehrter Premierminister Wen Jiabao, ich habe endlich fliehen können“, beginnt Chen seine 15-minütige Botschaft, in der er von Wen eine Untersuchung seines Falles fordert. Regelmäßig seien er und seine Angehörigen von lokalen Beamten geschlagen worden. „Sie sagten: Wir brauchen kein Gesetz, was kannst du uns schon anhaben?“ sagt Chen. Seine Frau habe Brüche am Schädel, Brustkorb und Hüfte davongetragen. Selbst seine siebenjährige Tochter sei auf dem Weg zur Schule von drei Männern begleitet worden und nach dem Unterricht zuhause eingesperrt worden. „Wie können jahrelang solche Verbrechen passieren?“

Der von Geburt an blinde Chen, der sich im Selbststudium Jurakenntnisse aneignete, zählt zu Chinas prominentesten Bürgerrechtlern. 2005 unterstützte er eine Gruppe von Frauen bei einem Prozess gegen erzwungene Abtreibungen und Sterilisierungen. Für die lokalen Behörden war dies überaus peinlich. Aus Rache ließen die Kader ihn unter fadenscheinigen Vorwänden zu vier Jahren Haft verurteilen und stellten ihn anschließend unter Hausarrest. Journalisten, Diplomaten und Aktivisten, die Chen in seinem Heimatdorf Dongshugu in der ostchinesischen Provinz Shandong besuchen wollten, wurden regelmäßig von Schlägertrupps angegriffen.

Wie genau Chen die Flucht aus seinem streng bewachten Haus gelang, ist bisher unklar. Die Aktivistin He Peirong, die sich seit Jahren für Chen einsetzt, erklärte per Mikroblog, sie habe ihn in einer nächtlichen Aktion abgeholt und an einen sicheren Ort gebracht. In chinesischen Internetforen wird darüber spekuliert, dass es sich dabei um die US-Botschaft in Peking handeln könnte. Von amerikanischer Seite gibt es dazu bisher keinen Kommentar. „Sollte Chen sich nicht in einer ausländischen Botschaft befinden, schwebt er noch immer in Gefahr“, erklärte Teng Biao, einer seiner Anwälte, gegenüber dieser Zeitung. „Die Reaktion unserer Regierung ist noch nicht absehbar.“ Nicholas Bechelin von Human Rights Watch glaubt allerdings, dass Chen in seiner Videobotschaft bewusst darauf geachtet habe, die Schuld den lokalen Behörden zuzuschreiben: „Er lässt der Regierung genügend Spielraum, um den Fall intelligent und ohne Gesichtsverlust zu lösen.“

In Chens Heimatort reagierten die örtlichen Beamten offenbar wütend auf sein Verschwinden. Seine Frau und andere Verwandte wurden verhaftet. Ein Neffe, der fliehen konnte, berichtete von blutigen Auseinandersetzungen. Auch Chen zeigte sich besorgt um seine Familie. „Ich mag in Sicherheit sein“, sagte er mit tränenerstickter Stimme, „aber sie sind in großer Gefahr.“ Dem als liberal geltenden Premierminister stellte er drei Forderungen: Er solle dafür sorgen, dass Verbrechen sowie Korruption nach dem Gesetz bestraft und die Sicherheit seiner Angehörigen garantiert werde.

Chens Flucht kommt für die Kommunistische Partei zu einem überaus heiklen Zeitpunkt. Seit Wochen bemüht sich die Führung, die Diskussionen über Machtmissbrauch auf höchster Ebene zu beenden, die der Sturz von Chongqings Parteichef Bo Xilai ausgelöst hat. Stattdessen dürfte nun die Debatte über Bürgerrechte neu aufflammen, und das ausgerechnet wenige Tage vor einem Besuch von US-Außenministerin Hillary Clinton. Die chinesische Menschenrechtsszene reagierte dagegen euphorisch auf die Nachrichten. „Ich bin sehr aufgeregt, dass ihm die Flucht gelungen ist“, sagte der Aidsaktivist Hu Jia. Nachdem er die Neuigkeiten gehört habe, sei er direkt zum Pekinger Studio des Künstlers Ai Weiwei gefahren um mit diesem zu feiern. Der Blogger Bei Feng zeigte sich dagegen erleichtert, dass Chen auf seinem Video weitgehend gesund wirkte: „Chen Guangcheng sieht okay aus, ich bin froh.“

Bernhard Bartsch | 27. April 2012 um 11:45 Uhr

 

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