Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

RSS Home | Archiv | ImpressumKontakt

Chinas Angst vor dem Nobelpreis

Der inhaftierte Demokratieaktivist gilt als aussichtsreicher Anwärter auf den Friedensnobelpreis. Peking wappnet sich für eine antiwestliche Propagandaschlacht.

Trauen sie sich oder trauen sie sich nicht? Das ist die Schlüsselfrage, bevor Norwegens Nobelpreisjuroren am Freitagvormittag um elf Uhr Mitteleuropäischer Zeit den Träger des diesjährigen Friedensnobelpreises bekanntgeben. Selten haben Beobachter und Buchmacher im Vorfeld einen klareren Favoriten ausgemacht – und selten war das mit ihm verbundene politische Risiko höher: Die Auszeichnung des chinesischen Dissidenten Liu Xiaobo wäre für Chinas Kommunistische Partei ein schmerzhafter Gesichtsverslust, weshalb Pekings Diplomaten bereits schwerwiegende Konsequenzen für die chinesisch-norwegischen Beziehungen angedroht haben.

Der 54jährige Liu war im vergangenen Dezember wegen „Anstiftung zur Untergrabung der Staatsgewalt“ zu elf Jahren Haft verurteilt worden. Er hatte das Demokratiemanifests „Charta 08“ initiiert, das sich an der Charta 77 der früheren tschechoslowakischen Dissidenten orientiert und von 300 Schriftstellern, Anwälten und Aktivisten unterzeichnet wurde. Es ist Lius dritter Gefängnisaufenthalt: Der Literaturwissenschaftler hatte bereits wegen seiner Teilnahme an den Studentenprotesten von 1989 zwei Jahre im Gefängnis verbracht, und wurde später wegen offener Kritik gegen Chinas Ein-Partei-Herrschaft noch einmal zu drei Jahren Arbeitslager verurteilt.

Bei Wettbüros ist Liu der mit Abstand aussichtsreichste Anwärter. 90 Prozent der Tipps würden derzeit auf den Chinesen abgegeben, heißt es beim irischen Buchmacher Paddy Power. Dort werden Lius Chancen derzeit mit 4 zu 5 bewertet werden, sprich: Wer fünf Pfund auf Liu setzt, bekommt bei einem Sieg nur vier Pfund zurück. Weitere Top-Kandidaten am Wettmarkt sind der U2-Sänger und Afrikaaktivist Bono (Wette: 4-1), die Europäische Union (12-1) und die ehemalige irische Präsidentin Mary Robinson (12-1) und Simbabwes Premierminister Morgan Tsvangirai (14-1). Die SOS-Kinderdörfer gelten als aussichtsreichster deutscher Anwärter (25-1). Ebenfalls hoch gehandelt werden die afghanische Ärztin und Frauenrechtlerin Sima Samar und die Mitbegründerin der russischen Menschenrechtsorganisation Memorial, Swetlana Gannuschkina. Mit einer Auszeichnung an eine Frau könnte das Komitee seine häufig kritisierte Geschlechterquote aufbessern: Unter den bisher 97 Friedensnobelpreisträgern waren bisher nur zwölf Frauen. Als aussichtsreiche Chinesen gelten neben Liu Xiaobo noch der ebenfalls in Haft sitzende Menschenrechtsaktivist Hu Jia, der kürzlich aus dem Gefängnis entlassene Anwalt Chen Guangcheng, der verschollene Aktivist Gao Zhisheng, sowie der im Exil lebende Demokratieaktivist Wei Jingsheng.

Gleich zwei chinesische Spitzenpolitiker reisten in den vergangenen Monaten mit Warnungen nach Oslo: Im Juni verlangte Vize-Außenministerin Fu Ying ein Gespräch mit dem Direktor des norwegischen Nobel-Instituts, Geir Lundestad, und erklärte, die Auszeichnung an Liu würde als „unfreundlicher Akt“ gewertet, der „negative Konsequenzen für die Beziehungen zwischen Norwegen und China“ haben werde. Ähnliche Drohungen soll auch Politbüromitglied He Guoqiang, in der Pekinger Machthierarchie die Nummer Acht und zuständig für Parteidisziplin, Norwegens Außenminister Jonas Gahr Støre überbracht haben. Dass Lundestad und Støre die Einschüchterungsversuchte öffentlich machten, könnte der Auftakt für den bevorstehenden diplomatischen Schlagabtausch sein. Chinas Außenministeriumssprecherin Jiang Yu konterte daraufhin mit der Bemerkung, Liu sei ein verurteilter Verbrecher, weshalb eine Auszeichnung eine „für jeden offensichtlich total falschen Entscheidung“ sei. Das Nobelpreiskomitee besteht darauf, dass man sich noch nie habe beeinflussen lassen, auch nicht von China, wo der Friedensnobelpreis für den Dalai Lama im Jahr 1989 für Empörung sorgte. Dass seit Jahren über eine Auszeichnung für einen chinesischen Menschenrechtsaktivisten diskutiert werde, hatte Lundestad 2001 angedeutet, als er in einem Interview sagte: „Früher oder später müssen wir die chinesische Frage angehen.“

Außerhalb Chinas wäre dem Nobelpreiskomitee für die Ehrung Liu Xiaobos überwältigende Zustimmung gewiss – und die könnten Nobels Erbverwalter nach der vielfach kritisierten Auszeichnung von US-Präsident Barack Obama gut gebrauchen. Wie selten vor einer Verleihung wurde in den vergangenen Wochen für Liu geworben, unter anderem von den Friedensnobelpreisträgern Vaclav Havel, Desmond Tutu und dem Dalai Lama. Auch kritische Intellektuelle in China machten sich für Liu stark und versuchen damit deutlich zu machen, dass die Vergabe für alle chinesischen Regimekritiker ein starkes Signal der Unterstützung wäre. Der Nobelpreis verkörpere die „zentralen Werte einer zivilisierten Gesellschaft“, schrieb Xu Youyu, Professor an der Akademie der Sozialwissenschaften, in einem offenen Brief. „Angesichts der Tatsache, dass Liu Xiaobo und viele andere Unterzeichner der Charta 08 Verfolgung und Unterdrückung allein für die Bekräftigung dieser Werte erlebt haben, verdienen ihre Anstrengungen eine Antwort der zivilisierten Welt.“

Bernhard Bartsch | 07. Oktober 2010 um 09:45 Uhr

 

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.