Bernhard Bartsch

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Chinalco plant größte chinesische Auslandsinvestition

In der Krise sinkt die Scheu vor chinesischen Beteiligungen: Der australische Minenkonzern Rio Tinto will 19,5 Milliarden Dollar von einem Staatsbetrieb annehmen.

Chinas staatlicher Rohstoffkonzern Chinalco plant die größte Auslandsinvestition, die ein chinesisches Unternehmen je getätigt hat. Für 19,5 Milliarden Dollar will das Unternehmen Anteile und Minenbeteiligungen des australischen Bergbauriesen Rio Tinto kaufen, verkündeten die beiden Konzernchefs am Donnerstag bei einer gemeinsamen Pressekonferenz in London. Das Geschäft muss noch von Australiens Finanzministerium genehmigt werden und dürfte nicht nur dort zu kontroversen Diskussionen führen. Denn Chinalcos Vorstoß scheint Spekulationen zu bestätigen, dass die Volksrepublik die Finanzkrise und ihre gewaltigen Devisenreserven nutzen will, um die internationale Expansionen ihrer Konzerne in strategisch wichtige Sektoren voranzutreiben.

Die Vereinbarung sieht vor, dass Chinalco Wandelanleihen im Wert von 7,2 Milliarden Dollar kauft und seinen bisherigen Anteil an Rio damit auf 18 Prozent verdoppelt. Die übrigen 12,3 Milliarden Dollar sollen in strategische Partnerschaften in den Bereichen Kupfer, Aluminium und Eisenerz fließen. Dabei erhält Chinalco Anteile an neun Minen in Australien, Indonesien sowie Nord- und Südamerika. Die Chinesen bezahlen in bar und ermöglichen Rio so, einen Teil seiner Schulden von fast 39 Milliarden Dollar abzutragen. „Chinalcos Barinvestition von 19,5 Milliarden US-Dollar wird Rio Tintos Bilanzen verbessern und unsere Flexibilität erhöhen, damit wir wachsen können, wenn die Märkte sich erholen“, erklärte Rios Aufsichtsratschef Paul Skinner am Donnerstag und bezeichnete das Geschäft als „Verbindung des Besten aus der entwickelten und der sich entwickelnden Welt“. Im vergangenen Februar hatte Chinalco bereits für 14,2 Milliarden Dollar neun Prozent an Rio übernommen, um eine feindliche Übernahme der Australier durch den britischen Konkurrenten BHP Billiton zu verhindern. Die Chinesen sind seitdem Rios größter Einzelaktionär. Chinalco-Präsident Xiao Yaqing versuchte am Donnerstag, Vorbehalte gegen einen weiterreichenden Einstieg zu zerstreuen. „Obwohl wir ein Staatsbetrieb sind, möchte ich betonen, dass wir vollständig unabhängig und kommerziell agieren“, erklärte er.

Doch genau das ist umstritten. Denn Chinas Wirtschaft ist bei Ressourcen weitgehend auf Importe angewiesen und investieren seit Jahren in Minen sowie Öl- und Gasfeldern in aller Welt. Dabei verkaufen chinesische Rohstoffkonzerne in der Regel nicht auf den Weltmärkten, sondern liefern exklusiv in ihre Heimat. So könnte es zu Konflikten zwischen nationalen und unternehmerischen Interessen kommen. Bei Rio hatte der Vertrag deshalb im Vorfeld zu scharfen internen Auseinandersetzungen geführt. Der designierte Vorstandschef Jim Leng hatte sich gegen einen Schuldenabbau mit chinesischer Hilfe ausgesprochen. Als er sich damit nicht durchsetzen konnte, erklärte er Anfang der Woche, sein Amt nicht antreten zu wollen.

Auch Australiens Finanzminister Wayne Swan steht nun unter Druck, nachdem er kürzlich angekündigt hatte, die Investitionsbestimmungen durch ausländische Staatsunternehmen zu verschärfen und streng auf ihre kommerziellen Ziele zu überprüfen. Zwar hatte er den Chinesen vergangenes Jahr bereits eine Erhöhung ihre Beteiligung auf 15 Prozent der börsennotierten Aktien in Aussicht gestellt, was rund 11 Prozent am Gesamtkonzern entspricht. Doch damals hatte Chinalco noch versichert, keinen Sitz in Rios Vorstand beanspruchen zu wollen. Medienberichten zufolge soll das neue Abkommen nun aber vorsehen, dass die Chinesen zunächst einen und später sogar zwei Direktoren berufen dürfen. Damit hätten sie starken Einfluss auf alle Entscheidungen.

Sollte der Deal dennoch genehmigt werden, verdanken die Chinesen dies wohl vor allem der Finanzkrise. Denn angesichts verebbter Kapitalströme und explodierender Staatsschulden dürfte es Politikern und Unternehmern zunehmend schwer fallen, chinesisches Geld zu verweigern. Als Chinas Ministerpräsident Wen Jiabao kürzlich mit einer großen Unternehmerdelegation durch Europas Hauptstädte reiste, wurde er vielerorts als potentieller Investor empfangen. „Chinesisches Kapital, sei es von Unternehmen oder Staatsfonds, ist hier willkommen“, erklärte Deutschlands damals noch amtierender Wirtschaftsminister Michael Glos. Auch in den USA regte sich Anfang der Woche kaum Protest, als Medien über einen möglichen Verkauf der Ford-Tochter Volvo an einen chinesischen Automobilkonzern berichteten. So betreibt die Finanzkrise ihre eigene Form der Geldwäsche: Aus Chinas bösen Dollars werden gute Dollars.

Bernhard Bartsch | 13. Februar 2009 um 02:15 Uhr

 

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