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China zählt durch

Die grösste Volkszählung aller Zeiten soll Aufschluss über Chinas gewaltige Umwälzungen geben. Doch nicht alle Chinesen wollen sich erfassen lassen.

Das grösste Volk der Welt wird durchgezählt: An diesem Montag beginnt in China die aufwendigste Volkszählung aller Zeiten. Innerhalb von zehn Tagen sollen die Bevölkerungsstatistiken des Landes mit einer Bevölkerung von 1,3 Milliarden Menschen aktualisiert werden. Seit Wochen werden die Chinesen mit einer Medienkampagne aufgefordert, sich gegenüber den Zensusbeamten kooperativ zu verhalten. 6,5 Millionen Volkszähler sollen mit Fragebögen ausschwärmen. Das ganze Land ist dafür in rund fünf Millionen Abfragestellen unterteilt worden. Jedem Zähler sind zwischen 80 und 100 Haushalte mit insgesamt 250 bis 300 Personen zugeteilt, denen der Beamte je 28 Fragen stellen muss. Die Kosten für Chinas sechsten Zensus werden mit umgerechnet rund 1,3 Milliarden Franken angegeben. Die Ergebnisse sollen ab April 2011 veröffentlicht werden und neue Erkenntnisse über die Umwälzungen in der chinesischen Gesellschaft bringen.

Das grösste Problem für die Statistiker ist die Erfassung der Wanderarbeiter. Schätzungsweise 200 Millionen Menschen leben nicht in ihrem Heimatort. Aufgrund des komplizierten chinesischen Meldesystems lebt ein Grossteil der Wanderarbeiter aber ohne offizielle Wohn- oder Arbeitsgenehmigung in den Städten. Viele von ihnen werden versuchen, sich vor den Volkszählern zu verstecken. Die Demografen versprechen zwar, dass sie die Informationen nur zu statistischen Zwecken verwenden werden. Ausserdem verzichten sie auf heikle Fragen, etwa zu Einkommen und Religionszugehörigkeit. Aber da das Amt für die Zählung zum grossen Teil auf lokale Beamte zurückgreift, lässt sich Anonymität kaum garantieren. Lokale Zeitungen berichteten, dass den Volkszählern bei der Vorbereitung vielerorts die Tür vor der Nase zugeknallt oder sogar Gewalt angedroht worden sei.

Die Ergebnisse könnten unter anderem die Weiterführung der Geburtenplanung beeinflussen. In China gilt seit 1979 die sogenannte Ein-Kind-Politik, die das galoppierende Bevölkerungswachstum bremsen sollte. Weil die Beschränkung der Geburten aber zu einer schnellen Veralterung der Gesellschaft geführt hat, fordern Kritiker die Aufhebung der Regelung. Die Kommission für Bevölkerungsplanung hat angekündigt, unter Berücksichtigung der neuesten Daten neu abzuwägen, wie lange die Regelung noch in Kraft bleiben soll.

Neue Impulse könnte die Volkszählung auch der Regulierung des Immobilienmarktes geben. Die Regierung hat das Ziel ausgegeben, dass jeder Chinese eine eigene Wohnung besitzen soll, doch in den vergangenen Jahren sind die Preise so stark gestiegen, dass der Kauf trotz günstigen Krediten der Staatsbanken für viele Chinesen nicht in Frage kommt. Die Volkszählung soll Aufschluss darüber geben, wie spekulationsgetrieben der Wohnungsmarkt tatsächlich ist, wie viele Menschen in den Appartements leben und wie viele Immobilien leer stehen.

Bernhard Bartsch | 01. November 2010 um 05:13 Uhr

 

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