Bernhard Bartsch

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China wird zum Sorgenfall

China kann die Weltwirtschaft nicht retten, aber die globale Krise noch verschlimmern. Die jüngsten Daten verheißen nichts Gutes.

Die globale Krise erreicht das einzige Land, das zuletzt noch positive Konjunkturnachrichten vermelden konnte: Chinas Industrieproduktion hat im November zu schrumpfen begonnen. Das zeigt der Einkaufsmanagerindex, der ein gutes Bild von der Auftragslage in den Fabriken gibt und im vergangenen Monat zurückging, zum ersten Mal seit dem Höhepunkt der Finanzkrise vor mehr als zweieinhalb Jahren. Gegenüber Oktober sackte er um 1,4 Punkte auf 49, erklärte der chinesische Logistik- und Einkaufsverband am Donnerstag. Ein Index unterhalb der Marke von 50 bedeutet eine sinkende Produktion.

Die Nachricht reiht sich in eine Serie von Meldungen, die darauf schließen lassen, dass sich die Sorgen der chinesischen Wirtschaft mehren. Zwar ist die Wachstumsrate noch immer hoch und dürfte für das Gesamtjahr 2011 bei gut neun Prozent liegen. Doch in den vergangenen Monaten hat sich der Boom abgekühlt, und für kommendes Jahr rechnen Ökonomen mit einem Wachstumsrückgang auf rund acht Prozent. Das wären nach westlichen Maßstäben zwar Traumraten, doch die Konjunkturzahlen von Industrienationen und Schwellenländern lassen sich gleichsetzen. Deshalb fürchtet man in Peking, dass schon der derzeitige Rückgang ausreichen könnte, um die tiefliegenden Probleme des Systems, die bisher hinter dem Boom verborgen sind, in den Vordergrund treten zu lassen: sinkende Exporte, schwache Binnenkonjunktur, steigende Inflation, wachsende Ungleichheit, grassierende Umweltverschmutzung, weitverbreitete Korruption ­ die Liste der Sorgenthemen
ist lang.

Nicht nur den Chinesen bereiten sie Kopfschmerzen. Bisher war die chinesische Nachfrage ­ unter anderem nach deutschen Maschinen und Autos – einer der letzten Motoren der weltweiten Konjunktur. Gelegentlich geäußerte Hoffnungen, das devisenreiche China könne als Weltenretter auftreten, waren zwar stets fern jeder Realität. Das Potential, die globale Krise noch zu verschärfen, hat die Volksrepublik dagegen allemal.

Die chinesische Regierung zieht nun alle Register, um die Wirtschaft am Laufen zu halten. Vor allem die Binnennachfrage soll angeregt werden. Kleine- und mittelständische Unternehmen bekommen in Zukunft höhere Steuerfreibeträge. Die Mehrwertsteuer soll neu strukturiert werden. Chinas Banken sollen in Zukunft wieder mehr Geld in Umlauf bringen. Der Mindestreservesatz, der in den vergangenen Jahren sukzessive auf den hohen Wert von 21,5 Prozent angehoben worden war, soll ab Anfang Dezember wieder um einen halben Punkt fallen. Das bedeutet die Abkehr von einer restriktiven Geld- und Zinspolitik, mit der Peking über ein Jahr lang die hohe Inflation in den Griff zu bekommen versuchte ­ ohne großen Erfolg. Die Teuerungsrate liegt derzeit bei über sechs Prozent, worunter vor allem die ärmeren Bevölkerungsschichten leiden.

Auch die Zentralbank deutete an, künftig mehr Geld in die Märkte pumpen und dafür auch einen Teil ihrer Devisenreserven einsetzen zu wollen. Europäer und Amerikaner werden das gleichermaßen beunruhigend finden, denn von Brüssel bis Washington wünscht man sich ein größeres chinesisches Engagement in der Schuldenkrise. Dem Werben des Euro-Rettungsschirms EFSF standen die Chinesen zuletzt allerdings skeptisch gegenüber. Zwar ist es durchaus in Chinas Interesse, eine Implosion der Konjunktur in den USA und Europa nach Kräften zu verhindern. Doch in der Krise ist sich jeder selbst der nächste ­ und Krise ist inzwischen auch in China kein Fremdwort mehr.

Bernhard Bartsch | 01. Dezember 2011 um 23:32 Uhr

 

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