Bernhard Bartsch

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China wächst – aber wohin?

Chinesisches BIP legte 2009 um 8,7 Prozent zu. Doch ein Teil der staatlichen Konjunkturspritzen fließt in neue Spekulationsblasen.

James Chanos lebt davon, gegen den Trend zu denken. Vor neun Jahren hat der amerikanische Hedgefonds-Manager ein Vermögen verdient, als er zum richtigen Zeitpunkt auf einen Kursverfall der Aktie des Energiekonzerns Enron wettete. Seitdem wird seinen Prognosen in Investorenkreisen Gewicht beigemessen, weshalb es für ein gewisses Aufsehen sorgte, als Chanos kürzlich über den Absturz der chinesischen Wirtschaft orakelte. Der Immobilienmarkt sei völlig überhitzt, sagt Chanos, und die Volksrepublik sei deshalb „wie Dubai mal tausend – oder schlimmer“. Zustimmung erntete Chanos kaum.

Schließlich gilt China derzeit als das Land, das die Wirtschaftskrise am besten überstanden hat. Vergangenes Jahr legte das Bruttoinlandsprodukt (BIP) um 8,7 zu und lag damit nicht weit unter dem Vorjahreswert von 9,6 Prozent. Angesichts der hohen Dynamik steht China unmittelbar davor, Japan als zweitgrößte Wirtschaftsmacht nach den USA abzulösen. Das ist nicht überraschend und war nur eine Frage der Zeit, denn schließlich gibt es 1,3 Milliarden Chinesen. Japan zählt dagegen nur knapp 130 Millionen Einwohner. Den Titel des Exportweltmeisters haben die Chinesen den Deutschen inzwischen abgenommen. Da Chinas Devisenreserven mit 2 130 Milliarden Dollar die mit Abstand größten der Welt sind, scheint das Land gut gewappnet, um künftige Einbrüche abzufedern.

Doch trotz der Erfolgsstatistiken ist Chanos nicht der einzige, der Zweifel an der Nachhaltigkeit des chinesischen Aufschwungs hat – auch wenn kaum einer seine Radikalität teilt. In Peking macht man sich keine Illusionen darüber, warum China das Krisenjahr 2009 – zumindest was die BIP-Zahlen angeht – gut bewältigt hat. Die magische Wachstumsmarke von acht Prozent, die in der Regierung als Minimum für die Aufrechterhaltung der sozialen Stabilität gilt, wurde ermöglicht durch staatliche Investitionsprogramme und großzügige Kreditvergabe der Staatsbanken, die umgerechnet 400 Milliarden Euro in das System pumpten. Doch die konjunkturelle Erste Hilfe ist längst nicht überall in zukunftsträchtige Projekte geflossen. Ein beträchtlicher Teil des Geldes, das für Straßen, Kraftwerke oder Schulen budgetiert war, floss tatsächlich in Spekulationen auf dem Aktien- oder Immobilienmarkt. Die Weltbank warnte jüngst vor „Zeichen von Blasen“. Es bestehe eine „Verletzlichkeit durch zu viele Konjunkturanreize“, sagte Weltbankökonom Hans Timmer. „Den chinesischen Behörden ist das sehr bewusst.“

Die Regierung steht erneut vor einem alten Problem, das vor der Finanzkrise jahrelang als die größte – und bisher ungelöste – Aufgabe der Wirtschaftssteuerung galt: Nicht alles Wachstum ist gutes Wachstum. Ein überproportionaler Anteil des BIP stammt aus Investitionen, die zum Teil in Sektoren mit ohnehin schon beträchtlichen Überkapazitäten oder großen Umweltproblemen fließen. Einige Experten fordern schon seit Monaten ein Ende der Politik des billigen Geldes, doch offensichtlich traute Peking seinem staatlichen Finanzsystem nicht recht zu, bei der Mittelvergabe volkswirtschaftlich sinnvolle von sinnlosen Projekten zu unterscheiden. Deswegen blieb der Geldhahn auch dann noch weit aufgedreht, als die Preise von Aktien und Wohnungen im vergangenen Sommer wieder unvernünftig in die Höhe zu schnellen begannen.

Doch damit soll nun Schluss sein. Jüngst kündigte Bankenaufsichtschef Liu Mingkang eine Einschränkung der Kreditvergabe an. Die Zentralbank erhöhte die Rendite für dreimonatige Schatzwechsel sowie die Mindestreserven für die Geschäftsbanken. Medienberichten zufolge wurde einigen großen Instituten wie der China Merchants Bank oder der Agricultural Bank of China sogar bis Ende Januar die Vergabe neuer Kredite vollständig untersagt – was ebenfalls nicht für das staatliche Vertrauen in das Finanzsystem spricht.

Die Weltbank geht davon aus, dass China im Jahr 2010 um rund neun Prozent wachsen wird und damit weit schneller als die Weltwirtschaft, der sie im Durchschnitt nur 2,7 Prozent zutraut. Für Deutschland liegen die Prognosen bei mageren 1,5 bis zwei Prozent. Doch selbst das wäre schon ein Erfolg. Bei allen Gefahren – für die deutschen Maschinenbauer ist das starke Wirtschaftswachstum in China ein Segen. Und nicht nur für Deutschland ist China so etwas wie eine Konjunkturlokomotive.

Bernhard Bartsch | 22. Januar 2010 um 05:51 Uhr

 

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