Bernhard Bartsch

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China über Südkorea verstimmt

Chinas Außenminister Yang Jiechi hat seine Reise nach Südkorea verschoben. Die Ursache sind wohl Unsicherheiten über den Umgang mit Nordkorea.

Zwei Tage nach dem tödlichen Gefecht an der innerkoreanischen Seegrenze hat Chinas Außenminister Yang Jiechi eine Reise nach Südkorea auf unbestimmte Zeit verschoben. Dabei standen bei dem Treffen unter anderem Beratungen zum Neustart der Sechser-Gespräche über das nordkoreanische Atomprogramm auf der Tagesordnung. Angeblich habe es Terminprobleme gegeben, erklärte Seoul. Wahrscheinlicher scheint jedoch, dass es zu tiefen Verstimmungen über den Umgang mit Nordkorea gekommen ist. Pjöngjangs Militär hatte am Dienstag die Insel Yonpyong unter Beschuss genommen und dabei zwei Soldaten sowie zwei Zivilisten getötet. Nachdem Südkoreas Armee öffentlich für ihre zögerliche Reaktion kritisiert worden war, trat Verteidigungsminister Kim Tae Young am Donnerstag zurück.

Präsident Lee Myung Bak will am heutigen Freitag einen Nachfolger ernennen. Gleichzeitig kündigte er einen „Paradigmenwechsel“ an, wonach die Armee ihre „eher passive “ Haltung aufgeben werde. Für Reaktionen auf Angriffe des Nordens sollen künftig neue Regeln gelten. Das Militär beantragte beim Parlament, den Verteidigungshaushalt für das kommende Jahr um 264 Milliarden Won (171 Millionen Euro) aufzustocken. Damit soll die Präsenz auf fünf Inseln nahe der Grenze verstärkt werden.

Südkoreas Medien spekulierten derweil weiter über die Motive für den plötzlichen Gewaltausbruch. Nordkorea hatte sich nach eigenen Angaben von einem Marinemanöver in der Nähe der umstrittenen Seegrenze provoziert gefühlt. Südkoreas Verteidigungsministerium erklärte dagegen, der Angriff habe die Autorität von Kim Jong Ils designiertem Nachfolger, seinem schätzungsweise 27-jährigen Sohn Kim Jong Un, stärken sollen. Die südkoreanische Zeitung Joongang berichtete unter Berufung auf Regierungskreise, dass der Befehl direkt von Diktator Kim Jong Il gekommen sei. Die beiden Kims sollen kurz vor dem Beschuss den zuständigen General Kim Kyok Sik getroffen haben.
Südkorea fordert von China, Nordkoreas Aggression endlich offen zu verurteilen. Doch auch nach dem jüngsten Angriff lässt sich Peking nicht von seiner Strategie abringen, auf jede öffentliche Bloßstellung seines Verbündeten zu verzichten. Schon nach dem Abschuss des südkoreanischen Kriegsschiffes Cheonan, das im März nach Überzeugung internationaler Experten von einem nordkoreanischen Torpedo getroffen wurde und mit 46 Matrosen an Bord unterging, hatte sich China um eine Schuldzuweisung gedrückt. Trotzdem können die Chinesen mit dem Verhalten ihrer nordkoreanischen Verbündeten keineswegs zufrieden sein. Denn die Eskalation des Korea-Konflikts gibt den USA einen Grund, ihre militärische Präsenz in der Region zu verstärken.

Am Sonntag wollen die USA und Südkorea gemeinsam ein viertägiges Seemanöver im Gelben Meer starten, für das unter anderem der Flugzeugträger „George Washington“ ins Gelbe Meer verlegt wird. Schon nach dem Cheonan-Untergang hatten die beiden Streitkräfte Manöver in Chinas unmittelbarer Nachbarschaft abgehalten und damit scharfen Protest aus Peking auf sich gezogen.
Der chinesische Regierungschef Wen Jiabao rief alle Beteiligten zu „äußerster Zurückhaltung“ auf und warnte vor weiteren militärischen Provokationen. „China hat sich immer zur Aufrechterhaltung von Frieden und Stabilität auf der koreanischen Halbinsel bekannt“, sagte Wen. „Die internationale Gemeinschaft sollte größere Anstrengungen unternehmen, um die Spannungen abzubauen“, zitierte die Nachrichtenagentur Xinhua den Regierungschef. Der beste Weg, um Stabilität und eine koreanische Halbinsel ohne Atomwaffen zu erreichen, sei die Wiederaufnahme der Pekinger Sechser-Gespräche.

Nordkorea schickte derweil seinen Granaten rhetorische Geschosse hinterher. Die Armee sei „ohne Zögern bereit, starke zweite und dritte physische Vergeltungsschläge durchzuführen, sollten die südkoreanischen Kriegstreiber weitere verwegene militärische Provokationen unternehmen“, schrieb die offizielle Nachrichtenagentur KCNA.

Bernhard Bartsch | 25. November 2010 um 15:08 Uhr

 

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