Bernhard Bartsch

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China setzt auf Sonne

Peking startet Subventionsinitiative für Solarkraftwerke. Erneuerbare Energien sollen in China zur Schwerpunktindustrie werden – auch für den Export.

China gilt als Land der nachholenden Modernisierung – doch bei den Technologien der Zukunft will die Volksrepublik von Anfang an vorne mitspielen. Besonders bei erneuerbaren Energien: Mit einer neuen Subventionsoffensive will die Pekinger Regierung ihr Land innerhalb kurzer Zeit zur weltweit treibenden Kraft beim Bau von Solaranlagen machen. Investoren, die im kommenden Jahr ein Sonnenkraftwerk mit einer Spitzenleistung von mindestens 300 Kilowatt errichten, können die Hälfte der Kosten dem Finanzministerium in Rechnung stellen. Für unabhängige Fotovoltaik-Anlagen in entlegenen Regionen mit bisher schlechter Energieversorgung will der Staat sogar 70 Prozent der Baukosten übernehmen. In Peking geht man davon aus, dass damit in den kommenden zwei bis drei Jahren mindestens sieben Milliarden Dollar an privatem Kapital in den Solarsektor fließen werden. Bereits im März hatte das Finanzministerium auch ein Förderprogramm für Solaranlagen an Gebäuden angekündigt. Bis 2020 will China mindestens 20 Gigawatt aus Sonnenenergie gewinnen – fast zweihundert Mal so viel wie heute.

Mit der Initiative schlägt die Regierung mindestens drei Fliegen mit einer Klappe: Sie hilft der einheimischen Industrie durch die Wirtschaftskrise, erschließt chinesischen Unternehmen Weltmarktchancen in einer künftigen Schlüsselindustrie und unterstreicht ihr Engagement für den Klimaschutz. Das nun verkündete Solarprogramm ist Teil eines größeren Projekts: Ende Mai hatte die Regierung angekündigt, mehr als 300 Milliarden Euro für erneuerbare Energieformen ausgeben zu wollen. Noch stärker als Sonnenstrom sollen die Windkraftkraftkapazitäten ausgebaut werden, von derzeit 12 Gigawatt auf 100 Gigawatt im Jahr 2020. Bisher bezieht China, mit rund 800 GW installierter Kapazität der zweitgrößte Energieverbraucher der Welt, noch rund 70 Prozent seiner Energie aus Kohlekraft.

Für die chinesische Solartech-Branche bedeutet die Subventionsinitiative nicht nur einen gewaltigen Wachstumsschub mitten in der Krise, sondern auch einen völlig neuen Markt. China ist schon seit Jahren der weltweit größte Hersteller von Solaranlagen, doch bisher wurden 98 Prozent der Produkte exportiert, davon große Teile nach Spanien und Deutschland. In den vergangenen Monaten war die Nachfrage allerdings dramatisch eingebrochen, weil Investitionsprojekte weltweit auf Eis gelegt und die staatliche Unterstützung von Solaranlagen in vielen Ländern zurückgeschraubt wurden. Deshalb will China nun selbst Nachfrage schaffen. Chinesische Experten gehen davon aus, dass jedes installierte Megawatt Solarstrom 32 Arbeitsplätze schafft – gegenüber nur einem Job beim Ausbau der Kapazität von Kohlekraftwerken. Allein Chinas größter Solarzellenhersteller Suntech gibt an, sich in seiner Heimat Aufträge für Anlagen mit einer Gesamtkapazität von 1,8 Gigawatt gesichert zu haben.

Allerdings soll die Initiative nicht nur Jobs kreieren, sondern auch Patente. China will technologisch selbständig werden, und nicht weiter auf ausländische Kooperationen oder Lizenzen angewiesen sein. Seitdem Peking erneuerbare Energien zur nationalen Schwerpunktindustrie erklärt hat, sind an chinesischen Universitäten und Forschungsinstituten tausende Wissenschaftler mit der Entwicklung von Solaranlagen beschäftigt. Damit sich daraus auch eine international wettbewerbsfähige Industrie entwickeln kann, brauchen die chinesischen Ingenieure allerdings eigene Solarkraftanlagen, bei deren Entwurf, Bau und Betrieb sie Erfahrungen sammeln können. Deshalb sollen auch Unternehmen ermutigt werden, mit Solarkraft einen Teil ihres eigenen Energiebedarfs zu decken. Chinas Netzwerkbetreiber sind verpflichtet, überschüssigen Strom zu kaufen. Zwar gibt es noch keine Einspeisegarantien, die in westlichen Ländern Investitionen die erneuerbaren Energien stützen. Die Nationale Energiekommission hatte jedoch kürzlich angekündigt, an einer Preispolitik für Ökostrom zu arbeiten.

Sollten in China in den kommenden Jahren tatsächlich dutzende oder gar hunderte Sonnenkraftwerke entstehen, hätte die chinesische Industrie eine reelle Chance, sich eine internationale Spitzenposition zu erkämpfen. Dass die ausländische Konkurrenz derzeit noch tief in der Krise steckt, kommt den Chinesen dabei äußerst gelegen. Schon jetzt hat die westliche Solarindustrie Schwierigkeiten, mit den Produktionskosten der chinesischen Konkurrenz mitzuhalten. „Dieses Jahr ist der Preisverfall am Solarmarkt extrem“, klagte Anfang des Monats der Chef der Solarsparte des Energieriesen BP, Reyad Fezzani. „Schon jetzt liegen die Preise für Solarmodule mindestens ein Drittel niedriger als vor einem Jahr, zum Teil sogar 40 Prozent.“ Eine Studie des Marktforschungsinstituts Photon Consulting kam sogar zu dem Ergebnis, dass die Fertigung von Solarmodulen in deutschen Firmen doppelt so viel koste wie beim chinesischen Konkurrenten Suntech. 2008 wurden weltweit Fotovoltaikanlagen mit einer Gesamtkapazität von 5,5 GW installiert, was einem Jahreszuwachs von über hundert Prozent entsprach. Dieses Jahr erwartet die Branche allerdings eine Stagnation oder gar einen Rückgang. Der weltweite Anteil von Solaranlagen, die in China entstehen, dürfte damit also dramatisch steigen.

Nicht zuletzt dient das Solarprogramm als Vorzeigeprojekt für Chinas Klimaschutz-Bemühungen. Bei den kommenden Verhandlungen über die Reduktion von Treibhausgasen spielt die Volksrepublik eine Schlüsselrolle. „Ohne China wird es dieses Jahr keinen Erfolg für einen neuen globalen Klima-Rahmenvertrag geben“, erklärte UN-Generalsekretär Ban Ki-moon am Freitag. „Aber mit China gibt es ein enormes Potential, dass die Welt in Kopenhagen ein Abkommen schließt.“ Vergangene Woche hatte US-Energieminister Steven Chu davor gewarnt, Chinas Wachstum führe zu Neuemissionen, die größer seien als die Einsparungen des Westens. „Die entwickelten Länder haben dieses Problem gemacht, aber die Entwicklungsländer können es noch viel schlimmer machen“, sagte Chu in Peking. Jonathan Lash, Präsident der US-Umweltorganisation World Resources Institute, hatte der Volksrepublik allerdings kürzlich gute Noten ausgestellt und erklärt, China habe „in den vergangenen fünf Jahren mehr Fortschritte gemacht als die USA“.

Vergangenes Jahr hatte die Volksrepublik die USA als größten Produzent von Treibhausgasen überholt – auch wenn Chinas Pro-Kopf-Emissionen noch weit unter dem Niveau westlicher Industrienationen sind. Peking hatte lange Zeit gefordert, der Westen müsse den Entwicklungsländern umweltfreundliche Technologien zur Verfügung stellen, war in den Verhandlungen aber von dieser Position abgerückt, wie Deutschlands Umweltminister Sigmar Gabriel kürzlich in Peking beobachtete.

Da China nun technologisch selbständig werden will, dürfte es für internationale Solarhersteller jedoch schwierig sein, von dem Boom zu profitieren. China hatte kürzlich mit einer „Buy-Chinese“-Regel für Unmut gesorgt, wonach Lokalregierungen bei öffentlichen Aufträgen chinesische Lieferanten bevorzugen sollen. Ausgerechnet im Zusammenhang mit einem Solarenergieprojekt hatte dies Mitte Juni zu einem offenen Disput zwischen der europäischen Handelskammer und dem chinesischen Wirtschaftsministerium geführt. „China zwingt europäische Firmen manchmal zum Technologietransfer”, beklagte sich damals Jörg Wuttke von der Europäischen Handelskammer in Peking, „und bevorzugt gleichzeitig bei der Auftragsvergabe immer wieder heimische Firmen.“

Bernhard Bartsch | 25. Juli 2009 um 03:23 Uhr

 

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