Bernhard Bartsch

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„China muss zivilisierter werden“

Der chinesische Reformvordenker Ding Xueliang über den G20-Gipfel, Chinas Rolle in der internationalen Politik und den Streit mit den asiatischen Nachbarn.

Bernhard Bartsch: Professor Ding, heute treffen sich in Seoul die Regierungschefs der G-20-Staaten, zum fünften Mal seit Beginn der Finanzkrise. Hat sich das Zwanziger-Forum als neue Weltregierung etabliert?

Ding Xueliang: Für die Lösung der großen Probleme sind die G 20 zweifellos eine viel bessere Plattform als früher die G 8. Dass die großen Wirtschaftsmächte sich jetzt regelmäßig abstimmen, ist eine entscheidende Voraussetzung, um die Restrukturierung des globalen Finanzsystems zu bewerkstelligen, auch wenn es da noch immer viele Uneinigkeiten gibt.

Für China ist die Stärkung der G 20 ein Erfolg, denn Peking hat die G 8 immer mit dem Argument abgelehnt, sie sei nicht ausreichend genug. Wird die Volksrepublik sich nun stärker in die Weltpolitik einmischen?

Ja, China will mehr Mitspracherechte. Aber die Regierung weist dabei immer darauf hin, dass an die Volksrepublik als Entwicklungsland nicht die gleichen Ansprüche gestellt werden können wie an reiche Nationen. Peking wünscht sich relative Spielregeln, nicht allgemeingültige.

Was bedeutet das?

Das bedeutet, dass China zwar Teil des weltweiten Handels und Technologietransfers sein, aber nicht auf hohe Standards verpflichtet werden will, etwa beim Handelsrecht. Im Yuan-Streit zum Beispiel argumentiert China: Wir sind ein armes Land und können es uns deshalb noch nicht leisten, unsere Währung an internationale Standards anzugleichen – und niemand hat das Recht, uns dafür zu kritisieren.

Die Weltgemeinschaft kritisiert China aber sehr wohl, und in Seoul könnte der Yuan-Streit ein beherrschendes Thema werden. Dabei beschweren sich nicht nur reiche Länder, sondern auch arme, denn ihrer Wirtschaft schadet Chinas künstlich billige Währung am meisten.

Es fällt China immer schwerer, die Rolle des armen Landes zu spielen. Natürlich gibt es noch immer viele arme Menschen und Regionen, aber die Regierung hat inzwischen viel Geld und zeigt das auch. Sie hat die Olympischen Spiele und die Weltausstellung ausgerichtet und für viel Geld Rohstoffvorkommen in Südostasien oder Afrika gekauft. Deshalb erwartet die Welt von China jetzt auch ein angemessenes Auftreten.

Im Ausland wird Chinas Außenpolitik als zunehmend konfrontativ wahrgenommen, nicht nur im Währungsstreit, sondern auch bei den Territorialkonflikten im südchinesischen oder ostchinesischen Meer oder bei den plötzlichen Lieferbeschränkungen von Seltenerdmetallen.

Das ist eine bedenkliche Entwicklung der letzten Monate. Eigentlich hatte China in den vergangenen Jahren eine sehr kluge und kühle Strategie, um Länder in der Region oder in Afrika wirtschaftlich an sich zu binden. Aber dann ist den Pekinger Diplomaten ihre Macht offenbar zu Kopf gestiegen, und sie haben in kürzester Zeit einen großen Teil des mühsam aufgebauten Vertrauens wieder zerstört. Ich hoffe, dass man das in Peking sehr selbstkritisch analysieren wird.

Was sollte bei dieser Selbstkritik herauskommen?

Die Erkenntnis, dass China Kompromisse suchen muss, statt anderen mit seiner Macht Angst einzuflößen. Denn der Unmut, den China durch aggressives Auftreten als Wirtschaftsmacht verursacht, ist langfristig viel gefährlicher als der Streit um ein paar unbewohnte Inseln. Da muss Chinas Regierung sensibler werden.

Warum glauben Sie, dass Peking diese Sensibilität fehlt?

Weil Chinas Politiker und Bürokraten glauben, dass die ganze Welt so funktionieren würde wie China. In der Volksrepublik ist die Regierung ungeheuer mächtig, und die chinesische Diplomatie ist darauf ausgerichtet, gute Beziehungen zu anderen Regierungen aufzubauen – als ob damit alle bilateralen Probleme gelöst wären. Aber in den meisten Ländern der Welt ist die Regierung längst nicht so stark wie die chinesische, sondern muss auf ihr Volk hören.

Und wenn die Bevölkerung China kritisch gegenübersteht, wird auch die Regierung kritisch auftreten müssen.

Ja, deshalb ist sogenannte „soft power“ in der modernen Welt so entscheidend. Mann muss sich nur die Geschichte anschauen: Vor 300 Jahren dachten die Kolonialmächte schon einmal, dass sie in anderen Ländern lediglich gute Beziehungen zu den lokalen Machthabern aufbauen müssten, um ungestörten Zugang zu den Ressourcen zu bekommen. Aber dann haben sie gemerkt, dass sie die Meinung des einfachen Volkes nicht ignorieren können. Also sind sie Schritt für Schritt geschickter geworden – und humaner, bis es mit dem Kolonialismus schließlich ganz vorbei war. Aber China benimmt sich heute häufig genau so wie die Kolonialmächte vor 300 Jahren, egal, ob es in armen Ländern Südostasiens oder Afrikas ist oder in internationalen Organisationen. Wie kann China erwarten, im Ausland akzeptiert zu werden, wenn es nicht anfängt, zivilisierter zu werden?

Bernhard Bartsch | 09. November 2010 um 04:43 Uhr

 

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