Bernhard Bartsch

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„China kann nicht mehr unauffällig agieren“

Chinas Einfluss in der Welt hat zugenommen, doch seine Möglichkeiten sind noch immer begrenzt. Ein Interview mit Politologen und Regierungsberater Shi Yinhong.

Frage: Professor Shi, China wird in der Welt zunehmend als neue Supermacht wahrgenommen. Ist man in Peking stolz darauf?

Shi Yinhong: China ist noch weit davon entfernt, eine Supermacht zu sein. Und selbst wenn es einmal eine werden sollte, was bei einem Volk von 1,3 Milliarden Menschen ja nicht besonders überraschend wäre, hieße das noch lange nicht, dass China in irgendeiner Weise die Welt regieren würde. Das haben ja nicht einmal die USA geschafft.

Aber immerhin ist China heute nach den USA der zweitmächtigste Staat der Welt.

Das ist eine Frage der Perspektive. Wenn man die chinesische Wirtschaftskraft nimmt, kann man das sicherlich so sehen. Aber fragen Sie einmal die Russen: Die sehen sich selbst als Nummer zwei in der Welt, weil sie immer noch über ein gewaltiges Atomwaffenarsenal verfügen. Oder die Europäer: die können sich auch als Nummer zwei betrachten, weil sie einen so hohen Lebensstandard haben und bei wichtigen Themen wie Umweltschutz ganz vorne sind. Zweifellos hat der chinesische Einfluss stark zugenommen, aber trotzdem ist er noch immer sehr beschränkt.

Stapeln Sie da nicht tief? Schließlich reden einige Strategen bereits davon, dass die Weltpolitik künftig von „Chimerica“ oder einer „G-2-Gruppe“ dominiert wird.

Das ist doch Unsinn. Solche Schlagworte hören sich zwar gut an, aber mit der Realität hat das wenig zu tun, und weder die chinesische noch die amerikanische Regierung streben etwas Derartiges an. Schauen Sie sich doch die großen Themen der Weltpolitik an: Iran, Nordkorea, Klimaschutz – all das lässt sich nicht von zwei Staaten alleine lösen, sondern braucht einen breiteren Konsens. Deshalb setzt sich China sehr für die Stärkung der G 20 ein und bemüht sich um einen engeren Zusammenschluss in Asien.

Solche chinesischen Initiativen sind aber eine deutliche Abkehr von der 30 Jahre alten Vorgabe von Deng Xiaoping, dass China sich außenpolitisch möglichst unauffällig verhalten und nie eine Führungsrolle anstreben solle.

China kann sich nicht mehr unauffällig verhalten. Die Welt würde das nicht mehr zulassen, und die chinesische Wirtschaft lässt es auch nicht zu. Wie könnte China auch unauffällig sein, wenn unsere Unternehmen in Afrika, dem Iran oder dem Nahen Osten nach Öl und Erdgas suchen? Trotzdem verhält sich unsere Regierung noch relativ zurückhaltend und versucht sich so gut wie möglich auf die innenpolitischen Probleme zu konzentrieren. Aber es kann nicht ausbleiben, dass China auf der Welt mehr Verantwortung übernehmen wird – nicht nur weil das Ausland uns dazu drängt, sondern weil das im chinesischen Interesse ist. Gerade in der Finanzkrise hat China gelernt, dass es internationale Entwicklungen aktiv mitgestalten muss, weil sich die Welt sonst in eine Richtung entwickelt, die auf unsere Bedürfnisse keine Rücksicht nimmt.

Was sind denn Chinas Bedürfnisse?

Bis jetzt liegen unsere großen Herausforderungen noch eindeutig im Inland: Wir haben gewaltige soziale Spannungen, riesige Umweltprobleme und eine sehr unausgewogene Entwicklung. Erst wenn wir das lösen können, werden wir ein Land werden, das für den Rest der Welt wirklich attraktiv ist. In gewisser Hinsicht sind wir natürlich auch heute schon attraktiv, etwa durch unseren Markt, unsere Devisenreserven oder auch unsere Geschichte. Aber ansonsten ist unser Bild in der Welt leider noch nicht besonders gut.

China ist sehr darum bemüht, durch Kulturveranstaltungen oder den Ausbau von Auslandsmedien sein Image zu verbessern. Offenbar will Peking neben seiner harten politischen, wirtschaftlichen und militärischen Macht nun auch „soft power“ entwickeln.

Natürlich bemüht sich die chinesische Regierung darum, dass die Menschen im Rest der Welt einen guten Eindruck von unserem Land haben. Aber letztlich kommt China nicht darum herum, seine Hausaufgaben zu machen: Wenn wir es schaffen, unsere Probleme zu lösen, das Leben unserer Menschen zu verbessern und dem Ausland zu beweisen, dass wir zur weltweiten Entwicklung etwas Positives beizutragen haben, brauchen wir uns um „soft power“ keine Sorgen mehr zu machen – das kommt dann ganz von alleine.

ZUR PERSON
Shi Yinhong, 58, ist Professor für internationale Politik und Leiter des Zentrums für Amerikastudien an der Pekinger Volksuniversität, einer der führenden chinesischen Ausbildungsstätten für Regierungsbeamte. Er hat zahlreiche Bücher und strategische Studien veröffentlicht, unter anderem Überlegungen zur chinesischen Außenpolitik im Allgemeinen und zum japanisch-chinesischen Verhältnis.

Bernhard Bartsch | 04. März 2010 um 17:58 Uhr

 

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