Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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„China ist surreal“

Der Schriftsteller Yu Hua spricht im Interview über sein Lieblingsbuch, konkurrierende Chinabilder und Pekings Instrumentalisierung chinesischer Auslandsstudenten.

Yu_Hua_2Herr Yu, bei der Frankfurter Buchmesse werden viele verschiedene Chinabilder aufeinanderprallen: positive und negative, geschönte und geschwärzte, gut und schlecht informierte. Was für eines steuern Sie bei?

Vielleicht das surreale. Ich bemühe mich in meinen Büchern zwar um eine objektive Beschreibung der chinesischen Gegenwart. Aber die Entwicklung, die China in den vergangenen Jahrzehnten durchgemacht hat, ist absolut unwirklich. Normalerweise sehen wir Schriftsteller uns ja gerne als Ärzte der Gesellschaft, die soziale Phänomene diagnostizieren. Aber in der heutigen chinesischen Gesellschaft geht das nicht mehr. Da sind wir alle Patienten.

Damit werden Sie sich bei ihren Landsleuten nicht beliebt machen. Immerhin hat das Pekinger Kulturministerium offiziell die Devise ausgegeben, Chinas Gastlandauftritt solle der Welt die Erfolge der chinesischen Reformära demonstrieren.

Solche Slogans haben mit Chinas Wirklichkeit wenig zu tun, aber leider setzen sie sich in den Köpfen fest. Ich erinnere mich, wie ich einmal einen Vortrag an der University of British Columbia in Vancouver gehalten habe und mir ein chinesischer Student in der anschließenden Diskussion erzählen wollte, China sei eine „aufsteigende Großmacht“ und „harmonische Gesellschaft“. Ich habe ihm entgegnet, dass man nicht auf Peking und seine Hochhäuser hereinfallen dürfe. China – das sind Wanderarbeiter, die in ständiger Unsicherheit leben, das sind 30 Millionen Menschen, die im Jahr von 600 Yuan (ca. 60 Euro) leben, das sind Kinder, die sterben, weil ihre Eltern nicht 10 Yuan (1 Euro) für einen Arztbesuch aufbringen können. Und wissen Sie, was der chinesische Student mir darauf geantwortet hat? Geld sei nicht der einzige Maßstab des Glücks. Das meine ich mit Surrealität. Hinterher habe ich übrigens gehört, dass der Junge der Sohn eines Vizegouverneurs der Provinz Shanxi war.

Im Westen denkt man häufig, dass Chinesen, wenn sie ins Ausland gehen, einen neuen Blick auf ihr Land entwickeln und sehr kritisch werden.

Das habe ich früher auch gedacht. Aber es ist nicht immer so. Ich habe zum Beispiel in den USA viele chinesische Studenten gefragt, was sie über die Ereignisse vom 4. Juni wissen…

… das Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens, 1989.

Viele haben davon gar nichts gewusst, und es interessiert sie auch nicht. Selbst von der Kulturrevolution haben sie nur ganz wenig gehört. Und es ist nicht so, dass sie einem Autor wie mir dankbar wären, dass er darüber schreibt. Als ich kürzlich eine Vorlesung in Harvard gehalten habe, hat sich der dortige Verband der chinesischen Studenten geweigert, meinen Besuch bekannt zu machen. In deren Augen bin ich ein Störenfried. Die Vorsitzenden des Studentenverbandes kamen dann aber doch zu meinem Vortrag und ich habe sie gefragt, wer eigentlich seinen Verband finanziert. Da haben sie mir ganz offen erzählt, dass sie Geld vom chinesischen Konsulat erhalten und dafür jede Woche einen Bericht über ihre Arbeit abliefern müssen. Seitdem fühle ich mich unter Auslandsstudenten manchmal unsicherer als unter chinesischen Studenten in China. Ich muss aber sagen, dass dies in Europa nicht der Fall ist.

Ihr jüngster Roman, „Brüder“, wurde in China ein Millionenerfolg, obwohl Sie darin sehr offen über die Kulturrevolution und diverse Probleme schreiben.

„Brüder“ ist von allen meinen Büchern mein Lieblingsbuch, weil es ein großes Panorama der chinesischen Gegenwart ist. Darin passieren ungeheuer viele verrückte Sachen, aber die sind alle real. Inzwischen wird das Buch sogar von chinesischen Soziologen benutzt, um ihren Studenten etwas über die jüngste Geschichte beizubringen.

Und das ist trotzdem nicht zensiert worden?

In der Literatur hat man in China gewisse Freiheiten. Aber jetzt arbeite ich gerade an einem kleinen Band mit zehn Aufsätzen zu zentralen Themen der chinesischen Gegenwart. Drei habe ich schon fertig, über das chinesische Volk, über unsere Führung und über den großen Dichter Lu Xun. Ich schreibe sehr offen, so dass der Band in China bestimmt nicht erscheinen kann.Deswegen überlege ich, ihn nur in Englisch, Deutsch, Französisch und anderen Sprachen herauszubringen, nicht auf Chinesisch. Das fände ich eine gute Botschaft: Manche Wahrheiten über China kann man eben nur erfahren, wenn man Fremdsprachen beherrscht.


ZUR PERSON
Yu Hua, 49, gehört zu den führenden chinesischen Gegenwartsschriftstellern. In der südchinesischen Provinz Zhejiang geboren, arbeitete Yu zunächst als Zahnarzt, bevor er sich 1983 der Schriftstellerei zuwendete. Anfang der Neunziger wurde der von Zhang Yimou verfilmter Revolutionsroman „Leben“ sein erster Welterfolg. Yus jüngstes Werk, „Brüder“, verkaufte sich in der Volksrepublik über eine Million mal und erzielte bei ausländischen Verlagen die höchsten Lizenzgebühren, die je für die Rechte eines chinesischen Buches bezahlt wurde. Auf Deutsch ist „Brüder“ soeben bei S. Fischer erschienen. Trotz seiner kritischen Haltung gegenüber der chinesischen Regierung besucht Yu die Frankfurter Buchmesse als Mitglied der offiziellen Autorendelegation.


Bernhard Bartsch | 12. Oktober 2009 um 02:20 Uhr

 

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