Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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China im Würgegriff

Mit einem Raketentest meldet Indien seine Machtansprüche an – vor allem gegenüber China. Dort fühlt man sich zwar nicht direkt bedroht, aber zunehmend eingekesselt.

Eine turbulentere Woche hatten Chinas Sicherheitspolitiker wohl lange nicht mehr. Am Donnerstag testete Indien erfolgreich seine neue Langstreckenrakete Agni-V, die das Land in die Lage versetzt, Atomwaffen in alle grossen chinesischen Städte zu schiessen. Aus Sicht der chinesischen Volksbefreiungsarmee ist dies die seit Jahren grösste Provokation im Verhältnis der beiden bevölkerungsreichsten Staaten, zwischen denen jahrzehntealte Grenzkonflikte für Spannungen sorgen.

Doch nicht nur an Chinas Westflanke herrscht Unruhe. Im Ostchinesischen Meer befinden sich Peking und Tokio im Dauerstreit um eine Inselgruppe, die für die Chinesen Diaoyu und die Japaner Senkaku heisst. Am Montag kündigte Tokios rechtspopulistischer Bürgermeister Shintaro Ishihara an, die umstrittenen Inseln, die sich nach japanischem Dafürhalten in Privatbesitz befinden, mit Steuergeldern kaufen und damit Japans Machtanspruch unterstreichen zu wollen. Der Vorschlag dürfte zwar kaum praktische Folgen haben, doch Peking fühlte sich trotzdem genötigt, das Ansinnen als «illegal und ungültig» zurückzuweisen. Im Süden gibt es weiteren Ärger: Dort erhebt China Anspruch auf Inseln, die auch Vietnam, Malaysia, die Philippinen und Brunei für sich fordern. In einer dieser Inselgruppen, dem Scarborough Riff, versuchen derzeit chinesische und philippinische Schiffe, ihren Platz zu behaupten und die andere Seite zu vertreiben.

Zwar sind die Spannungen an keiner der drei Fronten so brenzlig, dass sie kurzfristig ausser Kontrolle zu geraten drohen. Dennoch beobachtet Peking die Häufung der Zwischenfälle mit Sorge. Chinas Strategen sind überzeugt, dass sie es mit einer von den USA gesteuerten Taktik der Umzingelung zu tun haben.

In Südkorea und Japan haben die Amerikaner seit dem Zweiten Weltkrieg Truppen stationiert, Taiwan beliefern sie mit Waffen. Seit 2010 hat Washington auch den Status quo im Südchinesischen Meer zu einem amerikanischen Kerninteresse erklärt und ermutigt damit die Regierungen in den Philippinen oder Vietnam, ihrem grossen Nachbarn die Stirn zu bieten. Indiens Nuklearprogramm hat den besonderen Segen der USA, seit George W. Bush den Subkontinent zum amerikanischen Stabilitätsanker in der unruhigen Weltgegend erkor.

In Peking gibt man sich dennoch Mühe, die Bedeutung des Agni-V-Tests tief zu hängen. Zwar warnte die parteinahe Zeitung «Huanqiu Shibao» die Regierung in Delhi, sie solle nicht ihre «westlichen Alliierten überschätzen oder den Profit, der sich daraus schlagen lässt, an der Eindämmung Chinas mitzuwirken». Allerdings sei das chinesische Militär dem indischen weit überlegen. «Indien weiss genau, dass Chinas strategische Nuklearkräfte stärker und verlässlicher sind», kommentierte das Blatt. «In absehbarer Zukunft hat Indien keine Chance, einen umfassenden Rüstungswettlauf gegen China zu gewinnen.»

Trotzdem haben die Feindseligkeiten zwischen den asiatischen Mächten in der Region zu einer starken Aufrüstung geführt. Nach Angaben des Stockholm International Peace Research Institute (Sipri) tätigt China inzwischen nach den USA die zweithöchsten Verteidigungsausgaben der Welt. 2011 gab die Volksrepublik demnach 923 Milliarden Yuan (133 Milliarden Franken) für ihr Militär aus, wovon allerdings nur rund zwei Drittel im offiziellen Rüstungsbudget auftauchen. Gegenüber dem Jahr 2002 seien Chinas Militärausgaben um etwa 170 Prozent gestiegen, schreibt das SIPRI. Indiens Verteidigungsbudget stieg im gleichen Zeitraum um 66 Prozent, ist aber nur rund ein Drittel so hoch wie das chinesische und liegt im internationalen Vergleich auf Rang sieben.

Im Fokus der chinesischen Aufrüstung steht insbesondere die Marine. Vergangenen Sommer stellte das Land seinen ersten Flugzeugträger vor. Kurz zuvor hatte Peking eine neuartige Anti-Schiffs-Rakete präsentiert. Zwar gehen Militärexperten davon aus, dass China noch Jahre brauchen wird, bis es eingespielte Flottenverbände hat, die fernab des chinesischen Festlands Kriege führen können. Doch ihre territorialen Ansprüche machen die Chinesen schon jetzt deutlich. In Pakistan und Burma bauen sie Häfen, um von dort aus im Indischen Ozean präsent sein zu können. Offiziell geht es dabei um den Schutz von Handelsrouten. Doch China dürfte massgeblich darauf bedacht sein, die Umzingelung durch die USA und ihre Alliierten aufzubrechen.

Bernhard Bartsch | 22. April 2012 um 05:37 Uhr

 

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