Bernhard Bartsch

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China im Sog der Finanzkrise

Die Volksrepublik China hat lange zu den Hauptgewinnern der Globalisierung gehört. Nun zeigt sich, wie stark auch deren Schatten auf sie fallen.

Zurzeit helfen nicht einmal Engel. Die weiss gewandeten Damen mit den angesteckten Flügeln und aufgesetz- ten Heiligenscheinen, die kürzlich bei einer Immobilienmesse im ostchinesischen Dalian zur Besichtigung einer neuen Wohnanlage animieren sollten, bekamen nur wenige der bereitgestellten Busse voll. «In den letzten Jahren mussten wir immer noch Sonderfahrten organisieren», erzählt eine der Hostessen. «Diesmal haben wir nicht einmal halb so viele Kunden wie sonst, und die meisten sind Rentner, die ohnehin nur zum Spass hier sind.» Einige der Aussteller versuchten ihre Wohnungen loszuwerden, indem sie Käufern die komplette Einrichtung, ein Auto oder eine zweiwöchige Europareise für die ganze Familie dazu schenkten. Andere gewährten saftige Rabatte – ein Novum in Chinas Immobiliengeschäft, wo die Preise bisher immer nur nach oben gingen.

So wie an den Messeständen in Dalian ist derzeit quer durch die chinesische Gesellschaft zu spüren, wie stark die globale Wirtschaftskrise auch die Volksrepublik erfasst hat. Pünktlich zum 30. Jahrestag des Beginns der Öffnungspolitik im Dezember zeigt sich, wie sehr China mittlerweile in die Weltwirtschaft integriert ist, in guten wie in schlechten Zeiten. Lange gehörte das Land zu den Hauptgewinnern der Globalisierung, denn seinen Aufschwung verdankt das Land grösstenteils der Exportwirtschaft. Doch nun muss China erkennen, dass es auch vor den negativen Nebenwirkungen der weltweiten Vernetzung nicht gefeit ist.

In den ersten drei Quartalen wuchs das Bruttoinlandprodukt mit 9 Prozent so langsam wie seit sechs Jahren nicht mehr. Letztes Jahr waren es noch 11,9 Prozent. Für 2009 hat Peking als Planziel 8 Prozent ausgegeben, was einige Analysten allerdings für überoptimistisch halten. Damit ist China zwar noch weit von einer Rezession entfernt, wie sie viele andere Länder trifft, aber schmerzhaft ist der Einbruch nichtsdestoweniger. Zumal Ökonomen der Chinesischen Akademie der Wissenschaften darauf hinweisen, dass die Wachstumszahlen von Schwellenländern nicht direkt mit denen von entwickelten Wirtschaften vergleichbar sind. So bescherten das niedrige Ausgangsniveau Chinas, die in die Städte drängende arme Landbevölkerung sowie die günstige Demografie dem Land ein Grundwachstum von zwischen 5 und 6 Prozent pro Jahr. Sollte China diesen Wert unterschreiten, müsste es mit Rezessions-Symptomen, insbesondere mit einem starken Anstieg der Arbeitslosigkeit und einem deutlichen Rückgang des Konsums rechnen.

In vielen Bereichen sind derartige Anzeichen bereits zu beobachten. Laut Schätzungen des Hongkonger Unternehmerverbands stehen in Südchina rund 20 000 Fabriken unmittelbar vor dem Bankrott. Millionen von Arbeitern und ihre Familien verlieren damit ihr Einkommen. In mehreren grossen Städten ist es in den vergangenen Wochen zu Protesten von Taxifahrern gekommen, die von der Regierung Subventionen verlangen, weil viele Fahrgäste derzeit auf billigere Verkehrsmittel umsteigen. Selbst der Abfall wird mancherorts seltener abgeholt, weil die kommerziellen Müllsammler für verwertbare Stoffe nur noch halb so viel bekommen wie bisher. Und im August ergab eine Umfrage unter Universitätsabsolventen, dass 80 Prozent von ihnen derzeit keine Arbeit finden.

Um die Abwärtsspirale zu stoppen, hat die Pekinger Regierung vergangene Woche ein 4 Billionen Yuan (700 Milliarden Franken) schweres Konjunkturpaket angekündigt. Das Geld soll vor allem für Infrastruktur wie Strassen, Schienennetz, Flughäfen, aber auch für den Aufbau des Sozialsystems und technische Innovationen ausgegeben werden. Unklar ist allerdings, inwieweit es sich dabei tatsächlich um neu bereitgestellte oder um bereits eingeplante Budgets handelt. Die von guten Nachrichten entwöhnte Weltwirtschaft nahm den chinesischen Plan jedoch trotzdem dankend an: Das Paket löste an den internationalen Börsen den grössten Kurssprung aus, den je eine chinesische Ankündigung verursacht hat – auch das ein Zeichen, wie sehr die Abhängigkeit zwischen China und dem Rest der Welt mittlerweile auf Gegenseitigkeit beruht.

Erschienen in: NZZ am Sonntag, 16. November 2008

Bernhard Bartsch | 16. November 2008 um 16:15 Uhr

 

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