Bernhard Bartsch

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China holt Silber

China löst Japan als zweitgrößte Volkswirtschaft ab – und könnte um 2025 auch die USA überholen.

Die Weltwirtschaft ist nicht die Fußball-Bundesliga. Trotzdem verfolgen auch Ökonomen gerne Ranglisten und diskutieren statistische Auf- oder Abstiege. Vielen gilt es deshalb als historische Zäsur, dass China im vergangenen Jahr Japan als zweitgrößte Wirtschaftsmacht abgelöst hat. Die Japaner hatten den Rang hinter den USA 42 Jahre inne.

Der Rollenwechsel ist keine Überraschung, doch mit der Präsentation von Japans abschließenden Konjunkturdaten für 2010 ist er nunmehr offiziell. Im letzten Quartal schrumpfte die japanische Wirtschaft aufs Jahr hochgerechnet um 1,1 Prozent, gab Tokios Finanzministerium am Montag bekannt. Im Gesamtjahr stieg Japans Bruttoinlandsprodukt zwar trotzdem um 3,9 Prozent, doch China zog mit einem BIP-Wachstum von 10,3 Prozent vorbei. „Als Nachbar begrüßen wir Chinas wirtschaftliche Entwicklung“, gab Japans Wirtschafts- und Fiskalminister Kaoru Yosano den guten Verlierer. Allerdings sei es für Volkswirtschaften nicht entscheidend, „um Ranglisten zu wetteifern, sondern dafür zu arbeiten, die Leben der Bürger zu verbessern.“

Tatsächlich ist die BIP-Liga vor allem symbolischer Natur. Die Volksrepublik hat 1,3 Milliarden Einwohner, zehnmal so viel wie Japan. Dass Chinas Bruttoinlandsprodukt in der Summe knapp über dem japanischen liegt, bedeutet also nichts weiter, als dass Chinas durchschnittliches Pro-Kopf-Einkommen gerade einmal ein Zehntel des japanischen beträgt.

Dennoch sehen viele Japaner den Verlust des zweiten Platzes als weiterer Rückschlag auf ihrem langen Weg der wirtschaftlichen Genesung. Seit über zwei Jahrzehnten befindet sich die Konjunktur im Krisenmodus. Seit Ende der Achtziger hat die Regierung dutzende Stimulus- und Subventionsprogramme aufgelegt und dem Land damit eine Verschuldung von fast 200 Prozent des BIP aufgebürdet, mehr als jede andere Industrienation. Im Januar hatte die Ratingagentur Standard & Poor’s Japans Kreditwürdigkeit abgewertet, womit die Schuldenfinanzierung künftig noch teurer werden dürfte. Außerdem kämpft Tokio derzeit gegen eine Deflationsspirale und den hohen Kurs des Yen, der die wichtige Exportindustrie belastet. Dennoch sehen Japans Wirtschaftslenker Licht im Dunkel und glauben, dass das Wachstum im ersten Quartal wieder positiv sein wird.

Auch Chinas Konjunkturplaner leben trotz des Booms keineswegs sorgenfrei. Seit Jahren versuchen sie für ihre Wirtschaft ein nachhaltigeres Entwicklungsmodell einzuführen. Bisher beruht das chinesische Wachstum maßgeblich auf Exporten, die von einem künstlich billigen Yuan-Kurs profitieren, sowie auf hohen staatlichen Investitionen und einem landesweiten Immobilienboom. Der Binnenkonsum spielt noch immer eine untergeordnete Rolle, und die Kluft zwischen Arm und Reich wächst unaufhaltsam, was zu großen sozialen Spannungen führt. Außerdem boomt das Land auf Kosten der Umwelt, deren Sanierung China in den kommenden Jahrzehnten noch teuer zu stehen kommen wird.

In der ökonomischen Weltrangliste schlagen sich diese Probleme nicht nieder. Da China als Schwellenland allein schon wegen seines Nachholbedarfs weitaus schneller wachsen dürfte als entwickelte Industrienationen, haben Analysten der Weltbank bereits hochgerechnet, wann die Volksrepublik wohl die USA überholen wird. Um 2025 dürfte es soweit sein, glauben sie. Das wäre nun wahrlich eine historische Marke: Die Goldmedaille gehört den Amerikanern immerhin seit Anfang des 20. Jahrhunderts.

Bernhard Bartsch | 14. Februar 2011 um 04:03 Uhr

 

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