Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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„China hat keinen Hebel, nur einen Hammer“

Nordkorea-Spezialist Andrei Lankov über Pekings Einfluss in Pjöngjang und Szenarien für einen Regimewechsel.

Bernhard Bartsch: Professor Lankov, die Lage auf der koreanischen Halbinsel spitzt sich zu. China gilt als das einzige Land, das auf Pjöngjang Druck ausüben könnte.

Andrei Lankov: Der Einfluss ist gering. Niemand hat einen Hebel, mit dem sich die nordkoreanische Politik in die eine oder andere Richtung steuern ließe, nicht einmal die Chinesen. Allerdings haben sie so etwas wie einen Hammer: Wenn sie den Handel und ihre finanzielle Unterstützung für Nordkorea kappen würden, wäre das für Kim Jong Il ein existenzieller Schlag. Aber im Moment ist noch nicht absehbar, dass die Chinesen ihren Hammer hervorholen würden.

Welche Ziele verfolgt Peking?

Chinas oberste Priorität ist Stabilität. Peking kann keinerlei Unruhe, Bürgerkrieg oder militärischen Konflikt in seiner Nachbarschaft gebrauchen. Deswegen sorgen die Chinesen zum Beispiel mit Lebensmittellieferungen dafür, dass es in Nordkorea zu keiner echten Hungersnot kommt, die das Land destabilisieren könnte. An zweiter Stelle steht die Aufrechterhaltung der koreanischen Teilung. Peking braucht Nordkorea als Pufferstaat zu Südkorea und den dort stationierten US-Truppen. Die nukleare Abrüstung spielt für die Chinesen nur eine untergeordnete Rolle, und sie machen sich keine Illusionen darüber, dass Nordkorea seine Atomwaffen jemals abgeben wird. Für Kim Jong Ils Regime ist die Bombe eine Lebensversicherung.

Wie groß sind die wirtschaftlichen Interessen Chinas?

Die Chinesen versuchen, in Nordkorea alles unter Kontrolle zu bekommen, was sie bekommen können. Sollte das Land einmal zusammenbrechen, wird die Welt wohl feststellen, dass alle Rohstoffe längst in chinesischer Hand sind. Besonders viele Ressourcen hat Nordkorea allerdings nicht, aber immerhin gibt es eine Reihe von Eisen-, Kupfer- und Goldvorkommen, die für nordchinesische Unternehmen interessant sind.

Bei Kims China-Besuch Anfang Mai haben die Chinesen ihm zum wiederholten Male die Erfolge ihrer Modernisierungspolitik vorgeführt. Wären Wirtschaftsreformen nach chinesischem Vorbild für Nordkorea ein gangbarer Weg?

Nein, Pjöngjangs Elite weiß sehr genau, dass Reformen chinesischer Art sie ihre Macht kosten würden. Denn Nordkorea ist nicht mit China oder Vietnam zu vergleichen, sondern eher mit der Sowjetunion: Sobald man Änderungen am System vornimmt, bricht es zusammen. Jede Art von
Reformpolitik würde schließlich eine Öffnung gegenüber dem Ausland bedeuten, und wenn die Nordkoreaner erst einmal erkennen würden, wie fürchterlich sie in den vergangenen Jahrzehnten belogen worden sind, hätten sie für ihren „Geliebten Führer“ nur noch einen Laternenmast übrig. Ohne Reformen ist es aber durchaus vorstellbar, dass Nordkoreas Regime sich noch jahrzehntelang an der Macht hält.

Genauso gut könnte das Regime aber unter der nächsten internen Krise zusammenbrechen – der Untergang der Cheonan lässt sich ja durchaus als Anzeichen für interne Spannungen lesen.

Spekulationen über Interna der nordkoreanischen Führung haben in der Vergangenheit nie eine hohe Trefferquote gehabt. Für einen Kollaps gibt es zwei Szenarien: Entweder die Chinesen übernehmen das Kommando und installieren eine ihnen ergebene Führung, oder es gibt eine Wiedervereinigung mit Südkorea. Ich persönlich halte die chinesische Lösung für wahrscheinlicher – nicht zuletzt, weil die Südkoreaner große Angst vor einer Wiedervereinigung haben, weil das für sie sehr teuer würde. Es widerspricht zwar ihrem Nationalstolz, dass die Chinesen sich in koreanische Angelegenheiten einmischen. Aber im Stillen sind sie froh, dass der Status quo mit Chinas Hilfe aufrechterhalten wird.

Bernhard Bartsch | 27. Mai 2010 um 04:20 Uhr

 

Ein Kommentar

  1. Interview mit Andrei Lankov von Bernhard Bartsch « Nordkorea-Info

    10. Juni 2010 um 08:24

    […] PDRTJS_settings_346508_post_1112 = { "id" : "346508", "unique_id" : "wp-post-1112", "title" : "Interview+mit+Andrei+Lankov+von+Bernhard+Bartsch", "item_id" : "_post_1112", "permalink" : "http%3A%2F%2Fnordkoreainfo.wordpress.com%2F2010%2F06%2F10%2Finterview-mit-andrei-lankov-von-bernhard-bartsch%2F" } Bernhard Bartsch hat es geschafft mit Andrei Lankov einen der interessantesten Gesprächspartner bezüglich Nordkoreas für ein Interview zu gewinnen. In diesem gibt Lankov seine Einschätzungen zu den Beziehungen zwischen China und Nordkorea ab und beschreibt dabei die Einflussmöglichkeiten Chinas auf Nordkorea und die Möglichkeit einer wirtschaftlichen Entwicklung Nordkoreas nach chinesischem Vorbild. Außerdem reißt er kurz die zu erwartenden Szenarien bei einem Zusammenbruch des Regimes an. Das Ganze ist sehr lesenswert, wenn auch leider nicht sehr lang und einer der seltenen Fälle, zu denen man mal ein Interview mit einem Nordkorea-Spezialisten der ersten Reihe in deutscher Sprache zu lesen bekommt. Finden könnt ihr es hier. […]